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Urteil am Dienstag : Fall Yagmur: Das müssen Sie jetzt wissen

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Die kleine Yagmur aus Hamburg wurde zu Tode misshandelt. Vater und Mutter sind angeklagt. Am Dienstag wird das Urteil verkündet. Der Fall beschäftigt aber nicht nur das Gericht.

shz.de von
erstellt am 24.Nov.2014 | 20:57 Uhr

Wie starb die kleine Yagmur?

Yagmur war am 18. Dezember 2013 in der Wohnung ihrer Eltern Melek und Hüseyin Y. im Hamburger Stadtteil Billstedt an einem Leberriss innerlich verblutet. An dem Körper der Dreijährigen fanden sich mehr als 80 Hämatome und Quetschungen. Die später tödliche Verletzung stammte offenbar noch vom 17. Dezember. Zunächst wurde dem 25 Jahre alten Vater Totschlag vorgeworfen. Hüseyin Y. war zum Zeitpunkt des Todes nicht in der Wohnung. Der Haftbefehl gegen die 26 Jahre alte Mutter lautete zuerst auf Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen. Sie soll nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft versucht haben, Blutergüsse am Körper des Mädchens mit Schminke zu überdecken. Die 26-Jährige sprach bei einer ersten Vernehmung von einem Unfall, bei dem ihr Partner nicht zu Hause gewesen sein soll. Das Mädchen sei am frühen Morgen in das Wohnzimmer gelaufen und dabei gestürzt. Dies wird aber angezweifelt. „Dieses Kind hat immer wieder erhebliche Schmerzen davongetragen und sehr, sehr gelitten“, berichtete Rechtsmediziner Klaus Püschel Anfang Juli vor dem Gericht. Zum Schluss sei die Dreijährige „einfach zusammengebrochen“.

Nach etwa vier Monaten der Ermittlung kehrte sich der Verdacht gegen die Eltern um. Die Hamburger Staatsanwaltschaft erhob Mordanklage gegen die Mutter. Dem Vater wird „nur“ noch Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen vorgeworfen.

Wie lief der Prozess gegen die Eltern ab?

Der Prozess läuft seit Mitte Juni. Die beiden Angeklagten schweigen vor Gericht. Das Reden übernehmen ihre Anwälte und Zeugen. Oft geht es sehr emotional zu im Zeugenstand. Es wird geweint und gepöbelt. Belastet wird vor allem Yagmurs Mutter. Zwei Freundinnen beschreiben die 27-Jährige beispielsweise als hinterhältig und rabiat. Yagmurs Vater wird von einem Zeugen als jemand beschrieben, der „keiner Fliege was tut“.

Ende Juni lässt das Gericht Handyvideos zeigen, die die kleine Yagmur fröhlich spielen zeigen. Dann bricht es aus dem Vater heraus. Er wirft eine Kette nach seiner Ehefrau und schreit auf Türkisch: „Du hast sie umgebracht, warum weinst Du?“ Die Verhandlung musste unterbrochen werden. Besonders bewegend und erschütternd sei es laut Prozess-Besuchern gewesen, als Bilder von Yagmurs Leiche im Gerichtssaal gezeigt wurden. Sie zeigten die Spuren massiver Verletzungen. Am ganzen Körper hatte das Kleinkind Blutergüsse, Schwellungen, Narben und Würgemale.

Beim bisher letzten Prozesstag wurde bekannt, dass Yagmurs Vater seine Ehefrau vor Kurzem im Untersuchungsgefängnis tätlich angegriffen hatte. Der Richter verlas Anstaltsberichte, laut denen er der 27-Jährigen ins Gesicht geschlagen und Haare ausgerissen hatte. Die Verteidigung der Angeklagten sah darin einen Beleg für die Aggressivität des Mannes und beantragte, nochmals in die Beweisaufnahme einzusteigen. Das Gericht lehnte ab.

Wie lauten die Plädoyers?

Eine Mutter, die ihr Kind so abgrundtief hasst, dass sie es schließlich zu Tode prügelt: So erklärt sich die Hamburger Staatsanwaltschaft Yagmurs Tod. Sie fordert eine lebenslange Gefängnisstrafe für Mutter Melek Y. - wegen „Mordes aus Grausamkeit“. Zusätzlich möge die Große Strafkammer am Landgericht die besondere Schwere der Schuld erkennen - eine vorzeige Entlassung der 27-Jährigen nach 15 Jahren wäre damit ausgeschlossen. Für Yagmurs Vater plädierte die Anklage auf sechs Jahre Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen. 

Die Verteidigerin der Mutter bat um eine „milde Strafe“, die sie ins Ermessen des Gerichts stellte. Nicht Melek, sondern Hüseyin Y. habe Yagmur misshandelt. Ihre Mandantin habe dagegen allerdings zu wenig unternommen. Der Verteidiger des Vaters plädierte auf eine Bewährungsstrafe für seinen Mandanten. Die Gewaltausbrüche der Mutter gegenüber Yagmur habe dieser nicht bemerkt. „Der Vater ist durch den Tod seines Kindes ausreichend bestraft.“

Die Angeklagten verfolgten die Plädoyers ohne sichtbare Regung. Anschließend sagte der Vater unter Tränen, er habe seiner Tochter nie Gewalt zugefügt: „Ich habe Yagmur geliebt.“ Weiter sagte er: „Ich hätte für meine Tochter da sein sollen.“ Die Mutter verzichtete auf ihr letztes Wort.

Was wird dem Jugendamt vorgeworfen?

Weil die Eltern keine eigene Wohnung besaßen und überfordert waren, kam Yagmur sofort nach der Geburt 2010 in die Obhut des Jugendamtes. Dieses brachte das Mädchen in einer Pflegefamilie unter. Das Sorgerecht habe aber weiter bei den leiblichen Eltern gelegen, so Andy Grote, Leiter des Bezirksamts Mitte, dessen Jugendamt zuletzt zuständig war. Mitte 2013 fiel die Entscheidung, dass Yagmur bei ihren leiblichen Eltern leben durfte - obwohl es schon vorher den Verdacht gab, dass das Mädchen bei Besuchen dort misshandelt wurde. Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen einer schweren Verletzung. Es gab offenbar viele Warnhinweise, die von den Mitarbeitern in den Jugendämtern nicht richtig bewertet wurden. Zum Todeszeitpunkt war das Bezirksamt Mitte zuständig. Vorher hatten die Bezirksämter Eimsbüttel und Bergedorf mit dem Fall zu tun.

Welche Warnhinweise wurden nicht beachtet?

Der Vater des Mädchens stand unter Verdacht, sein Kind misshandelt zu haben. Die Umstände konnten aber nicht eindeutig geklärt werden. Anfang 2013 gab es ein Ermittlungsverfahren gegen die Eltern wegen einer Schädelverletzung des Mädchens. Yagmur musste wegen der schweren Verletzung operiert werden. Sie lebte zu diesem Zeitpunkt noch bei der Pflegefamilie, hatte aber auch Kontakt zu ihren Eltern. Die Pflegemutter, die das Kind abholen wollte, habe es in ein Krankenhaus gebracht. Ein Rechtsmediziner habe kurz darauf Anzeige erstattet. „Das Verfahren wurde damals gegen alle Personen geführt, die mit dem Kind zu tun hatten“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Erst im November wurden die Ermittlungen eingestellt, weil man die Umstände nicht klären konnte. Trotzdem sah man im Sommer keinen Hinderungsgrund, das Mädchen wieder bei seinen Eltern wohnen zu lassen.

Außerdem wurde eine wichtige Vorsorgeuntersuchung der Dreijährigen versäumt. „Nach den massiven Verletzungen, die Yagmur Anfang 2013 erlitt, hätten alle Verantwortlichen in besonderem Maß auf die Gesundheit des Mädchens achten müssen“, erklärte die Grünen-Abgeordnete Christiane Blömeke. Die Dreijährige habe nicht an der Vorsorgeuntersuchung U7a teilgenommen – und das, obwohl sie unter Behördenaufsicht stand und bereits Misshandlungen bekannt waren. In ihrem Kinder-Untersuchungsheft seien nach Auskunft des Senats nur die Untersuchungen einschließlich der U7 (21. bis 24.Lebensmonat) bescheinigt. Die U7a sei für den Zeitraum 34. bis 36. Lebensmonat vorgesehen.

Wie werden die Fehler des Jugendamts begründet?

Ein Prüfbericht der Jugendhilfeinspektion hat eine „Verkettung von Fehlern“ der beteiligten Jugendämter (Mitte, Eimsbüttel und Bergedorf) aufgelistet. Trotz vieler Warnhinweise hätten die Mitarbeiter immer wieder falsche Entscheidungen getroffen, seien zu leichtgläubig oder überfordert gewesen. Die Zuständigkeiten für den Fall der kleinen Yagmur wechselten immer wieder, unter anderem weil das Kind umzog oder eine Mitarbeiterin erkrankte. Die Sensibilität für das Wohlergehen des Kindes sei schlicht abhandengekommen, heißt es im Bericht der Jugendhilfeinspektion. Er bescheinigt zudem „zweifellos eine schwierige Personal- und Belastungssituation“. „Der Bericht sagt (...) ganz deutlich, dass die Überlastungssituation der Mitarbeiter so extrem ist, dass aus zeitlichen Gründen viele Dinge nicht weiterverfolgt wurden“, erklärte die Grünen-Abgeordnete Christiane Blömeke.

Gibt es weitere verantwortliche Stellen?

„Der Bericht der Jugendhilfeinspektion zeichnet ein Bild totalen Versagens und fundamentaler Fehleinschätzungen nahezu aller beteiligten Stellen, die in Yagmurs Leben eine Rolle gespielt haben“, sagte der CDU-Abgeordnete Christoph de Vries bereits im Frühjahr. „Neben der Rolle der Jugendämter müssen auch Staatsanwaltschaft, Familiengericht und die betreuende Kita unter die Lupe genommen werden.“ Dazu macht der Bericht der Jugendhilfeinspektion keine Aussagen. Auch auf anderer Ebene streiten die Parteien über Konsequenzen aus der Tragödie. Die Forderung von Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern, konterte Hamburgs CDU-Chef Marcus Weinberg scharf: „Eine skandalöse Ablenkung.“ Scholz und Scheele selbst trügen die Verantwortung für die Strukturen des Kinderschutzes in der Stadt.

Was soll der Untersuchungsausschuss klären?

Neben dem Prozess gegen die Eltern steht beim Untersuchungsausschuss die Frage im Zentrum, warum das Jugendamt Eimsbüttel die Rückführung Yagmurs zu ihren leiblichen Eltern erlaubte, obwohl viele Hinweise auf eine Kindesgefährdung vorlagen. Das Gremium will klären, wie es trotz gesetzlicher Vorgaben und der Erfahrungen früherer Todesfälle erneut zu einem Versagen der staatlichen Schutz- und Wächterpflicht kommen konnte. Das Gremium hatte seine Arbeit im März aufgenommen und zahlreiche Zeugen befragt, darunter Sozialarbeiter, Ärzte und Behördenmitarbeiter. Den fertigen Abschlussbericht möchte der Ausschuss am 18. Dezember, dem Todestag von Yagmur, vorlegen.

Gibt es Kritik an der Aufarbeitung per Untersuchungsausschuss?

Die Linke hält den Untersuchungsausschuss nicht für den richtigen Weg, weil er zu sehr auf den Einzelfall schaue. Das machte sie bereits im Frühjahr deutlich. Die Fraktion betonte, sie habe bereits nach dem Methadon-Tod des Pflegekindes Chantal 2012 eine Enquete-Kommission gefordert, die das gesamte Jugendhilfesystem von unabhängiger Seite durchleuchten und verbessern könne. Auch die SPD-Abgeordnete Melanie Leonhard erklärte bereits, im Vergleich zu einem Untersuchungsausschuss hätte eine Enquete-Kommission deutlich bessere Möglichkeiten gehabt, externe Fachleute intensiv einzubinden. Die Grüne Blömeke wies den Vorwurf zurück, der Untersuchungsausschuss diene vor allem als Waffe im Wahlkampf zur Bürgerschaftswahl im Februar 2015. Das Thema Yagmur bleibt mit dem Untersuchungsausschuss bis zum Ende der Legislatur auf der politischen Tagesordnung im Rathaus.

Gibt es Parallelen zum Tod der elfjährigen Chantal?

Das Bezirksamt Hamburg-Mitte war bereits Anfang 2012 wegen des Todes der elfjährigen Chantal unter Druck geraten. Das Mädchen war in der Obhut seiner drogensüchtigen Pflegeeltern an einer Überdosis des Heroin-Ersatzstoffs Methadon gestorben. Auch Chantal hatte vor ihrem Tod unter der Aufsicht des Jugendamts gestanden, dem später zahlreiche Fehler vorgeworfen wurden. Die Hamburger Sozialbehörde zog nach Chantals Tod viele Konsequenzen, um die Arbeit der Jugendämter zu verbessern. Grünen-Abgeordnete Christiane Blömeke erklärte, offenbar hätten die Maßnahmen zum Kinderschutz erneut nicht ausgereicht. „Häufig kommen die Eltern aus einem sozio-ökonomisch schwierigen Umfeld, haben komplizierte Biografien und gewaltbelastete Beziehungen und sind mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert“, sagt die Rechtswissenschaftlerin Theresia Höynck.

Gibt es bereits Konsequenzen?

Als Konsequenz aus dem gewaltsamen Tod der dreijährigen Yagmur haben die Hamburger Behörden mehrere Kinder zunächst nicht wie geplant an ihre Herkunftsfamilie zurückgegeben. Laut Auskunft des SPD-Senats auf eine Kleine Anfrage der CDU-Fraktion wurde in der Zeit zwischen dem 17. Februar und dem 21. März im Bezirksamt Hamburg-Mitte die Rückführung von drei Kindern vorübergehend gestoppt. Sie durften erst nach eingehender Prüfung zu ihren leiblichen Eltern zurückkehren, bei denen sie wegen familiärer Probleme eine Zeit lang nicht hatten leben können. Auch im Bezirksamt Wandsbek wurde angeordnet, dass ein Kind erst einmal nicht wieder bei der Mutter wohnen darf.

Kommt es in Deutschland oft zu Misshandlungen von Kindern?

Dass Eltern ihre Kinder zu Tode schütteln oder misshandeln, kommt immer wieder vor. 2013 kamen in Deutschland nach Angaben des Bundeskriminalamtes 113 Kinder unter sechs Jahren gewaltsam ums Leben. Mehr als 1700 wurden misshandelt. In vielen Fällen sind die Täter in der Familie zu finden. Meist ist Überforderung die Ursache, darin sind sich die Experten einig. „Ein schreiendes Kind, ständiges Schlafdefizit und Konflikte mit dem Partner können einen an den Rand bringen“, sagt Juristin Theresia Höynck. Sie hat viel zu Kindstötungen geforscht. Mit solchen Belastungen umgehen kann nicht jeder. Besonders schwer fällt das Menschen, die aus einem zerrütteten Elternhaus kommen, die als Kind selbst misshandelt oder vernachlässigt wurden und jetzt alles besser machen wollen. „Sie haben sich wer weiß was ausgemalt und sehen sich in der Realität mit ganz anderen Dingen konfrontiert“, meint Höynck.

(mit dpa-Material)

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