zur Navigation springen

Prozess wird fortgesetzt : Fall Yagmur: Das Martyrium eines Kleinkindes

vom

Früh gab es Alarmzeichen, bevor die dreijährige Yagmur in Hamburg starb. Nach einer Sommerpause geht der Prozess gegen Yagmurs Eltern am Montag weiter – doch auch die Behörden stehen in der Kritik.

Hamburg | Die Weihnachtstage 2012 müssen für die kleine Yagmur aus Hamburg die Hölle gewesen sein. Das Mädchen lebt eigentlich bei einer Pflegemutter, rund um die Feiertage ist es aber erstmals für längere Zeit bei seinen leiblichen Eltern. Danach geht es der Kleinen so schlecht, dass sie im Krankenhaus landet. Wegen der gravierenden Verletzungen erstattet der Rechtsmediziner Prof. Klaus Püschel Anzeige gegen unbekannt wegen des Verdachts auf Kindesmisshandlung.

Knapp ein Jahr später, kurz vor Weihnachten 2013, ist die Dreijährige tot. Ihre Eltern stehen seit Mitte Juni vor dem Landgericht. Nach einer Sommerpause geht der Prozess an diesem Montag weiter. An den bisher elf Verhandlungstagen haben die beiden Angeklagten zu den Vorwürfen eisern geschwiegen. Zwischen den Eheleuten geht es vor Gericht dennoch hoch her: Als im Saal ein Handyvideo gezeigt wird, auf dem Yagmur fröhlich spielt, wirft der Vater mit einer Gebetskette nach seiner Frau und beschimpft sie lautstark. „Du hast sie umgebracht, warum weinst Du?“, schreit er auf Türkisch.

Die 27-Jährige ist wegen Mordes angeklagt, sie soll ihre Tochter aus Hass so stark misshandelt haben, dass sie starb. Der ein Jahr jüngere Vater muss sich verantworten, weil er das Mädchen nicht geschützt haben soll. In früheren Vernehmungen beschuldigten sich die Eltern gegenseitig. Als die Protokolle von damals verlesen werden, bricht die Mutter in Tränen aus. An den anderen Verhandlungstagen lässt sich bei beiden jedoch keine Regung erkennen. Selbst dann nicht, als Rechtsmediziner Püschel im Gerichtssaal akribisch die Verletzungen am Körper der getöteten Yagmur aufzählt.

Es ist eine Dokumentation des Grauens: Allein äußerlich sind es 83 Wunden, die vielen Narben nicht mitgezählt. Dazu kommen innere Verletzungen an Gehirn, Herz, Lunge, Leber, Niere und Bauchspeicheldrüse. Yagmurs Eltern, daran hat Püschel keinen Zweifel, hätten den bedrohlichen Zustand ihrer Tochter schon Wochen vor ihrem Tod am 18. Dezember bemerken und sie zum Arzt bringen müssen. Die Dreijährige habe sicher starke Schmerzen gehabt und „sehr, sehr gelitten“: „Sie ist an Stellen misshandelt worden, wo es sehr, sehr wehtut.“ Nur Stunden vor Yagmurs Tod habe es einen „Gewaltexzess“ gegen ihren Kopf gegeben, sagt Püschel. Auf schockierenden Bildern, die auf eine Leinwand projiziert werden, sind die Spuren der schlimmen Verletzungen deutlich zu sehen: Der ganze kleine Kinderkörper ist übersät mit alten und frischen Wunden. Die Blutergüsse wurden zum Teil mit Schminke überdeckt, Reste davon sind etwa an Yagmurs Haaransatz zu erkennen.

Nach Püschels Anzeige Anfang 2013 kommt Yagmur vorübergehend in ein Kinderschutzhaus. Dass das Mädchen in einer solchen Einrichtung ist, laugt die Pflegemutter aus. Es kommt zu einem fatalen Schritt, in einer E-Mail an Polizei und Jugendamt bezichtigt sie sich selbst – sie habe am Kindersitz gerüttelt und sei vielleicht schuld an Yagmurs schweren Verletzungen. „Ich hab' überreagiert“, erklärt sie als Zeugin vor Gericht. Rechtsmediziner können später ausschließen, dass die Verletzungen vom Schütteln des Sitzes stammen.

Die Pflegemutter wünschte sich so sehr, Yagmur zu behalten, wie sie unter Tränen erzählt. Sieben Tage nach der Geburt im Oktober 2010 nimmt sie das Baby zu sich – und kümmert sich bis Anfang 2013 um das Mädchen. Die leiblichen Eltern behalten aber das Sorgerecht und haben Umgang mit dem Kind.

Es sind zwei Welten, in denen Yagmur lebt: meist bei der Pflegemutter im feinen Hamburger Stadtteil Rotherbaum, mal bei den Eltern im sozial schwachen Billstedt. Die Kleine habe sich früh dagegen gewehrt, ihre Eltern zu besuchen, sagt die Pflegemutter. Wenn das Mädchen abgeholt wurde, habe es „hysterisch“ reagiert: „Das war immer so eine Schreierei.“ Yagmur habe sich dann an ihr festgekrallt, erzählt die 44-Jährige. Sie habe schon früh den Verdacht gehabt, dass das Kind misshandelt wird – nach Besuchen bei den Eltern habe es öfter blaue Flecken gehabt. Sie habe das Jugendamt stets darüber informiert und das Mädchen auch zu einer Kinderärztin gebracht.

Allen Warnsignalen zum Trotz lebt Yagmur vom Sommer 2013 an wieder bei ihren leiblichen Eltern. Obwohl Püschel Anzeige erstattete, obwohl danach die Staatsanwaltschaft ermittelte, obwohl das Jugendamt über die Ermittlungen informiert war, obwohl der Fall eine Familienrichterin beschäftigte. Wenige Monate später ist die Kleine tot. Der Fall sorgt für Aufsehen, weil er als Beispiel für das Versagen der Behörden angesehen wird – Yagmur wurde seit ihrer Geburt von mehreren Jugendämtern betreut.

zur Startseite

von
erstellt am 10.Aug.2014 | 11:06 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen