G20-Sonderausschuss in Hamburg : Experte: „Willkommenskultur für Randalierer“ bei G20-Krawallen

Der Hamburger Kriminologe Dirk Enzmann sprach von einer Eskalationsdynamik.
Der Hamburger Kriminologe Dirk Enzmann sprach von einer Eskalationsdynamik.

Ein Teil der Ausschreitungen sei der Sensationslust junger Leute zu verschulden, erklärt ein Experte.

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04. Juli 2018, 21:16 Uhr

Hamburg | Gegen Ende seiner Arbeit hat sich der G20-Sonderausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft an die Grundsatzfrage gewagt: Wer ist schuld an den schweren Ausschreitungen vor einem Jahr? Die Abgeordneten bekommen ungewöhnlichen Antworten von Experten.

Der Hamburger Kriminologe Dirk Enzmann sprach von einer Eskalationsdynamik. Der Großteil der Teilnehmer sei nicht politisch gewesen. „Junge Leute fanden das spannend, jenseits der politischen Ideologie“, sagte Enzmann. Die Live-Berichterstattung der Medien habe diesen Effekt verstärkt.

Hauptschauplatz sei ein Szeneviertel gewesen, die Konfrontation sei durch Hubschrauber und andere Polizeipräsenz permanent sichtbar gewesen. „So was ist für junge Leute, für Partygänger und solche, die sich gern an Prügeleien beteiligen, attraktiv“, meinte Enzmann. Der Hamburger Friedensforscher Nils Zurawski sprach von einem Karneval. „Es war eine karnevaleske Umdrehung der gesellschaftlichen Verhältnisse.“

„Der optimale Kick“

Gespenstische Atmosphäre: G20-Demonstranten stellen sich in der Krawallnacht einem Wasserwerfer in den Weg.
Daniel Bockwoldt
Gespenstische Atmosphäre: G20-Demonstranten stellen sich in der Krawallnacht einem Wasserwerfer in den Weg.
 

Der Extremismusforscher Rudolf van Hüllen wies dagegen auf eine zunehmende Gewaltbereitschaft in der linken Szene hin. Gewalt gegen Unbeteiligte sei früher tabu gewesen. „Diese Sperren fallen weg“, sagte der Krefelder Forscher. Bei den G20-Ausschreitungen habe es einen organisierenden Kern und ein schützendes Milieu, eine „Willkommenskultur für Randalierer“, gegeben. „Es war einfach der optimale Kick, was hier geboten wurde.“

Ob die Krawalle spontan oder organisiert waren - das nannte Innensenator Andy Grote (SPD) eine Schlüsselfrage. Polizeipräsident Ralf Martin Meyer verwies auf den hohen Organisationsgrad der Gewalttäter. Diese hätten sich in Kleingruppen über ein Jahr lang vorbereitet. „Nichts, aber auch wirklich nichts ist bei diesen Gruppen dem Zufall überlassen“, sagte Meyer. Als Beispiel nannte er die Brandstiftungen am Morgen des 7. Juli 2017 an der Elbchaussee.

Die Gewalttäter seien vor allem von drei Gruppen in Hamburg mobilisiert worden, sagte die Vizechefin des Landesamtes für Verfassungsschutz, Anja Domres: von der Interventionistischen Linken, dem Autonomenzentrum Rote Flora und dem Roten Aufbau Hamburg. Letzterer sei eine sogenannte antiimperialistische Gruppe. Sie habe die Parole ausgegeben: „Wenn der G20-Gipfel nach Hamburg kommt, brennt die ganze Stadt.“

Die militanten G20-Gegner hatten in ganz Hamburg Autos in Brand gesetzt.
Christophe Gateau
Die militanten G20-Gegner hatten in ganz Hamburg Autos in Brand gesetzt.
 

Hass gegen die Polizei

Im zweiten Teil der Sitzung gab Polizeiseelsorger Patrick Klein einen Einblick in die Psyche der beteiligten Beamten. Schon Wochen vor dem Gipfel hätten sie persönliche Bedrohungen und Angriffe wie ein Brandanschlag auf einen privaten Carport sehr belastet. Eine erfahrene Kollegin aus einem anderen Bundesland habe ihm gesagt: „So einen Hass gegen die Polizei wie in Hamburg habe ich noch nie erlebt.“ Er selbst habe beobachtet, wie eine bürgerlich wirkende Frau im Alter von etwa 70 Jahren einem Beamten, der ihr Enkel hätte sein können, gegen das Visier spuckte.

Straßenschlacht: Die Polizei setzt in Hamburg nahe der Elbphilharmonie Wasserwerfer gegen Demonstranten ein.  
Boris Roessler
Straßenschlacht: Die Polizei setzt in Hamburg nahe der Elbphilharmonie Wasserwerfer gegen Demonstranten ein.  
 

Die Berliner Soziologin Elke Steven vom Komitee für Grundrechte und Demokratie bedauerte, dass friedlicher Protest unter Generalverdacht gestellt worden sei. Die Polizei sei martialisch aufgetreten, es habe sexistische Sprüche gegen Demonstrantinnen gegeben. Wenn das Versammlungsrecht einen höheren Stellenwert als der Schutz des Gipfels gehabt hätte, dann hätte es die Chance gegeben, dass die friedlichen Protestgruppen die schwierigen integrieren.

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