Prozess in Hamburg : Ex-Freundin: „Das Messer kam immer wieder auf mich zu“

Ein 34-Jähriger aus Hamburg hat vor Gericht gestanden, seine Ex-Freundin mit zahlreichen Messerstichen fast getötet zu haben. Jetzt schildert das Opfer die blutige Tat. Der Täter beteuert, wie „superlieb“ er sie habe.

Avatar_shz von
24. Juli 2014, 15:51 Uhr

Hamburg | Unter Tränen hat eine 27-Jährige vor dem Hamburger Landgericht geschildert, wie ihr Ex-Freund sie aus enttäuschter Liebe mit 20 Messerstichen beinahe umgebracht hat. „Ich hab nur dieses Messer gesehen, wie es die ganze Zeit auf mich zukam“, sagte die Frau am Donnerstag als Zeugin. „Ich hab auf die Wand geguckt, wie das Blut gespritzt hat.“  Während des Angriffs Mitte Januar habe sie die ganze Zeit gehofft, dass ihr ehemaliger Partner ihren siebenjährigen Sohn verschont. Der Kleine musste die Messerattacke zwar nicht mitansehen, konnte im Kinderzimmer jedoch alles hören - und sah seine Mutter danach blutüberströmt. Das Opfer und der Junge leiden bis heute unter den Folgen der Tat, beide werden psychotherapeutisch behandelt.

Der 34 Jahre alte Angeklagte hatte beim Prozessauftakt gestanden, der Frau mindestens 20 wuchtige Stiche versetzt zu haben. An die Bluttat selbst hat er nach eigenen Angaben allerdings keine konkrete Erinnerung. Nach dem Messerangriff sei er mit einem Taxi nach Hause gefahren und habe versucht, sich mit einem Sprung vom Balkon das Leben zu nehmen. Der Mann steht wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung vor Gericht.

Die 27-Jährige - lange dunkle Haare, Pferdeschwanz, Brille - sah ihren Ex-Freund im Gerichtssaal nur kurz an. Der Angeklagte machte sich bei ihrer Aussage fast unentwegt Notizen - und schüttelte immer wieder den Kopf. Vor der Bluttat habe es in der Beziehung keine Gewalttätigkeiten gegeben, sagte die Frau. Es sei aber immer mal wieder zu Streitigkeiten gekommen - vor allem wegen der Arbeitslosigkeit des 34-Jährigen. Sie selbst arbeitete als Abteilungsleiterin in einem Supermarkt. Mit ihrem Sohn habe sich ihr Ex-Freund toll verstanden: Der Kleine habe ihn seinen „besten Freund“ genannt. Gut einen Monat vor der Tat hätten sie sich endgültig getrennt, erzählte die 27-Jährige - und beschlossen, Freunde zu bleiben. Nach der Trennung habe er sie dann ständig angerufen: „Ich musste eine bis anderthalb Stunden mit ihm telefonieren, und das fast jeden Tag.“ Er habe partout nicht verstehen wollen, dass sie nicht 24 Stunden am Tag für ihn da sein könne. Er sei auch mehrmals überraschend in ihrer Wohnung aufgetaucht, weil er noch einen Schlüssel hatte - den er ihr nicht zurückgeben wollte. Einen Tag vor Heiligabend 2013 habe sie schließlich den Schlüsseldienst gerufen.

Am Tattag habe er ihr vor der Wohnungstür aufgelauert, als sie ihren Sohn gerade zur Schule bringen wollte. Im Flur habe er sie bekniet, ihm eine zweite Chance zu geben - vergeblich. Als sie gerade auf der Toilette saß, sei er plötzlich mit dem Messer auf sie losgegangen. Sie habe gespürt, „wie ich sterbe, wie das Blut aus mir rauskommt“, und nach Hilfe gerufen. Ihr Sohn habe nebenan im Kinderzimmer geweint und geschrien. Das Leben der 27-Jährigen konnten Ärzte nur mit einer Notoperation retten. Die Frau hat Narben im Gesicht und am Körper, eine Hand ist teilweise taub, wegen Schmerzen in der Schulter kann sie ihr Kind nicht mehr hochheben. Sie habe zudem Angst davor, dass der Mann „rauskommt und wieder das Gleiche versucht“, sagte sie. Auch ihr Sohn sei verstört, habe ständig Albträume. Den Namen des 34-Jährigen wolle er nicht mehr hören, und er habe unbedingt in eine andere Wohnung ziehen wollen.

In einem Brief an die 27-Jährige, den der Vorsitzende Richter verlas, entschuldigte sich der Angeklagte bei dem Opfer. „Bitte, bitte verzeih mir, da ich an Dir und Luis hänge und Euch einfach superlieb hab“, heißt es in dem Schreiben. „Ihr fehlt mir so!“ Der Kleine sei für ihn „wie ein eigener Sohn“ gewesen. „Ich bereue, dass ich Dich angegriffen habe. Ich wollte mich selbst richten.“ Die 27-Jährige sagte, sie habe noch nicht den Mut gehabt, den Brief zu lesen. Der Prozess wird Mitte August fortgesetzt.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert