Pläne für Neubebauung in Hamburg : Esso-Grundstück auf St. Pauli: „Klarer Schwerpunkt auf bezahlbares Wohnen“

Der umstrittene Abriss der Esso-Häuser begann im Mai 2014.
Der umstrittene Abriss der Esso-Häuser begann im Mai 2014.

Die abgerissenen Esso-Häuser am Spielbudenplatz waren ein Wahrzeichen St. Paulis. Auf viel Ärger folgt nun Verständigung.

shz.de von
18. Mai 2015, 17:19 Uhr

Hamburg | Befreiungsschlag dank Lego-Häuschen und Knetgummi-Gebäuden: Einer der brisantesten Immobilienkonflikte in Hamburg steuert auf eine überraschende Lösung zu. Bürger, Bezirk und Investor haben sich auf einen Rahmen für die Neubebauung der ehemaligen Esso-Grundstücks auf St. Pauli verständigt.

Grundlage ist eine einzigartige vorgezogene Bürgerbeteiligung, bei der die St. Paulianer in der so genannten „Planbude“ mit Eigenbau-Modellen Wünsche für das Kiez-Filetstück ausgedrückten durften.

„Das Wagnis Planbude hat sich gelohnt, das ist ein außerordentlicher Erfolg“, atmete Andy Grote (SPD), Leiter des Bezirksamts Mitte, bei der Vorstellung der Pläne auf. Für den Investor Bayerische Hausbau sprach Geschäftsführer Bernhard Taubenberger von einem „sehr, sehr guten Kompromiss“, der nur Gewinner zurücklasse. Und das trotz „teils schmerzlicher wirtschaftlicher Zugeständnisse“ des Münchner Unternehmens.

Seit dem vorigen Herbst hatte ein Team von Stadtplanern und Stadtteil-Kundigen die Bewohner zur Mitgestaltung des lukrativen Areals nahe der Reeperbahn aufgefordert. Dort waren nach langem Streit vor einem Jahr zwei baufällige Wohnhochhäuser sowie die legendäre Esso-Tankstelle abgerissen worden. Die Bayerische Hausbau wollte das Grundstück ursprünglich mit vorwiegend hochpreisigen Wohnungen sowie Laden- und Gastroflächen bebauen, stieß aber auf den Widerstand vieler St. Paulianer. Die fürchteten Verdrängung durch Luxusbauten, die Esso-Häuser wurden zum Symbol für den Kampf gegen Gentrifizierung in ganz Hamburg. Senat und Bezirk verdonnerten den Grundstückseigner zu einer deutschlandweit beispiellosen Einbindung eines ganzen Stadtteils.

„Es gab mehr als 2000 konkrete Vorschläge von Bewohnern“, berichtete Margit Czenki, Künstlerin und eine Macherin der Planbude. Unter anderem mit Knetmasse und Legosteinen gaben St. Paulianer ihren Ideen eine Form. Andere teilten bei Haustür-Gesprächen und auf Fragebögen mit, was sie sich anstelle der Esso-Häuser wünschen - und was nicht. Drei Beispiele der eingereichten Vorschläge:

Planbude
 
Planbude
Planbude
 

Herausgekommen sei ein „klarer Schwerpunkt“ auf bezahlbares Wohnen, sagt Bezirkschef Grote. Von den vorgesehenen 200 bis 250 Wohnungen in dem Neubaukomplex werden knapp 40 Prozent für besonders einkommensschwache Menschen reserviert. Die Zahl der Sozialwohnungen im ersten Förderweg gleiche den Verlust der abgerissen 85 Wohnungen der Esso-Häuser komplett aus. Ein weiteres Fünftel der Wohneinheiten entfällt auf Baugemeinschaften, nur gut 40 Prozent werden frei finanzierter Wohnraum sein. Geschäftsführer Taubenberger: „Wir verzichten auf Eigentumswohnungen, das tut wirtschaftlich schon weh.“

Zum Ausgleich fällt die Verdichtung des Grundstücks dreimal höher aus als bisher. Die vorgesehene Bruttogeschossfläche stieg im Zuge der Diskussionen nochmals von 24.000 auf 28.000 Quadratmeter. Geld verdienen kann die Bayerische Hausbau nun auch mit einem Hotel, das bislang nicht vorgesehen war.

Auf ihrer Habenseite wiederum verbuchen Bürger und Bezirk die Festlegung auf eine „St. Pauli-typische“ Nutzung der Gewerbebauten mit vielen öffentlich nutzbaren Flächen und Räumen. So soll es zur Kastanienallee hin einen 24-Stunden-Shop samt Quartiersplatz geben, die wie früher die Esso-Tanke als Treffpunkt dienen sollen.

Eingeplant sind zudem ein Kino, diverse Kneipen und Musikclubs; auch das ausgelagerte „Molotow“ kehrt zurück. Das Rock'n'Roll-Museum „Kogge“ soll im Esso-Bau ebenso eine neue Heimat finden wie das St. Pauli-Museum, dem es an der Davidstraße zu eng geworden ist. Zudem sähe es der Bezirk gern, wenn sich das Panoptikum in den Neubau hinein erweitert. Grote schwärmte: „Alles in allem ist die Mischung das, was St. Pauli ausmacht und stellt sicher, dass es bleibt, wie es ist.“

Der weitere Zeitplan: Zwölf internationale Büros sind nun aufgerufen, all die Vorstellungen in konkrete städtebauliche Pläne zu übersetzen. Baubeginn soll 2017, Fertigstellung 2020 sein. Zu der Höhe der Investitionen machte die Bayerische Hausbau traditionell auch diesmal keine Angaben.

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