zur Navigation springen

Hamburger Missbrauchs-Prozess : „Es tun sich Abgründe auf“

vom

Im Prozess gegen einen Erzieher hatten am zweiten Verhandlungstag die Eltern der Opfer das Wort. Mütter schilderten vor dem Hamburger Landgericht eindringlich, wie sehr ihre Kinder unter den Folgen des sexuellen Missbrauchs leiden. Und sie haben Angst vor der Zukunft.

shz.de von
erstellt am 17.10.2013 | 18:00 Uhr

Hamburg | Für den sexuellen Missbrauch von fünf Kindern in einer Hamburger Kita soll ein Erzieher nach dem Willen der Anklage fünf Jahre und zwei Monate ins Gefängnis. „Sie haben es ausgenutzt, dass die Kinder jung und nicht in der Lage waren, sich zu wehren“, sagte der Vertreter der Staatsanwaltschaft am Donnerstag in seinem Plädoyer vor dem Landgericht. Auch das Vertrauen der Eltern habe der Angeklagte missbraucht. Die Verhängung eines lebenslangen Berufsverbotes verlangte der Staatsanwalt aus rechtlichen Gründen nicht. Das Gericht will das Urteil am kommenden Mittwoch verkünden. Zuvor werden dann noch Plädoyers der Nebenklage erwartet.

Die Verteidigung forderte nicht mehr als fünf Jahre Haft. Der 30-Jährige habe schweres Unrecht auf sich geladen, sagte der Anwalt – aber er werde auch viele Jahre kein Bein mehr auf den Boden bekommen. Die Pädophilie seines Mandanten wertete der Verteidiger als krankhaften Zustand, mit dem auch „eine gewisse Gefühlskälte“ einhergehe. Eine Mutter als Nebenklägerin verlangte ein lebenslanges Berufsverbot für den Erzieher. „Das sind Abgründe, die sich hier auftun“, sagte ihr Anwalt.

Die Beteiligten hatten sich bereits beim Prozessauftakt am Montag auf einen Deal geeinigt. Die Absprache sieht einen Strafrahmen zwischen vier Jahren und neun Monaten und fünfeinhalb Jahren sowie ein Berufsverbot vor. Im Gegenzug wurde ein Anklagepunkt – der Missbrauch eines weiteren kleinen Jungen – fallengelassen. Außerdem wurde ein Geständnis erwartet. Der Angeklagte räumte ein, die Mädchen und Jungen in einer kirchlichen Kita in Hamburg-Schnelsen und in seiner Wohnung in Norderstedt missbraucht und massenweise kinderpornografische Fotos von den Opfern gemacht zu haben. Der Erzieher gestand am Donnerstag weitere Einzelheiten und zeigte erstmals Reue. „Es tut mir leid“, sagte er unter Tränen. Es falle ihm schwer, etwas zu sagen, „weil jedes meiner Worte sofort zerrissen wird“.

Geprägt wurde der zweite Verhandlungstag aber von dem emotionalen Auftritt der Eltern vor Gericht. Vier Mütter schilderten eindringlich, wie sehr ihre Kinder unter den Folgen des sexuellen Missbrauchs leiden. Alle beschrieben übereinstimmend, die Kleinen seien extrem aggressiv und gewalttätig geworden. „Er haut, er tritt, er schlägt“, sagte etwa die Mutter eines zur Tatzeit vier Jahre alten Jungen. „Alle Männer findet er ganz schrecklich.“ Der Angeklagte habe nicht nur ihren Sohn gebrochen: „Er hat die ganze Familie kaputtgemacht.“ 

Drei der vier Kinder machen inzwischen eine Therapie. Ihr Sohn habe sich total verändert, erklärte die Mutter eines damals neun Jahre alten Jungen, der den Hort der Kita besuchte: „Er hat den Halt verloren. Er ist ein ganz anderes Kind geworden.“ Er müsse seine ganze Freizeit dafür opfern, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen – mit Psychotherapie, Deeskalationstraining und Ergotherapie. „Er hat ein Selbstbild, dass er schlecht und dumm sei.“ 

Nach Bekanntwerden der Vorfälle habe ihr Sohn sehr viel an sich herumgespielt, erzählte die Mutter eines damals Vierjährigen: „Das ganze Spiel war sehr auf die Genitalien konzentriert.“ Sie und ihr Partner hätten natürlich Angst, wie es in der Pubertät werde. „Und wir haben wahnsinnig Angst davor, dass er selbst irgendwann Täter werden könnte.“ Sie könnten im Moment nicht mehr so unbefangen mit ihrem Kind umgehen wie vorher.

Auch die Mutter eines zur Tatzeit ebenfalls vier Jahre alten Mädchens berichtete von übersexualisiertem Verhalten. Die Kleine fotografiere etwa selbst ihre Geschlechtsteile – „so wie er ihr das gezeigt hat“. Ihre Tochter habe sich von einem sehr fröhlichen in ein sehr auffälliges Kind verwandelt. Wenn sie mit einem Mann allein sei, drehe sie durch. Die Kindergartenleitung habe ihn mehrfach auf sein Verhältnis zu den Kindern angesprochen, sagte der Erzieher. Er habe dann versichert, dass er es einstellen werde, ihnen zu nah zu kommen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen