zur Navigation springen

Simone Buchholz über ihre Heimat St. Pauli : „Es gibt eine große Respektlosigkeit gegenüber den Menschen hier“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Hamburger Schriftstellerin veröffentlicht am 7. August ihren neuen Kiez-Roman „Beton Rouge“. In der Hansestadt bekam sie zum ersten mal „dieses Heimatgefühl“.

Hamburg | Sie hat an diesem Vormittag erst eine Seite geschrieben, als Simone Buchholz, 44, etwas zerzaust von Wind, Regen und Stress zum Interview im Café „Transmontana“ auf St. Pauli erscheint. Sechs Seiten täglich muss sie schaffen, um ihren neuen Roman pünktlich zum 1. März abzuliefern. „Beton Rouge“, der am 7. August erscheinen soll, ist der siebte Krimi um die Hamburger Staatsanwältin „Chas“ Riley und ihren Liebhaber, den Kneipenbesitzer und ehemaligen Einbrecherkönig „Klatsche“. Ihre Geschichten spielen zwischen Reeperbahn und Hans-Albers-Platz, sie handeln von Liebe, Tod und Fußball. Ihre Protagonisten, die nach Halt und festen Beziehungen lechzen, sprechen wie die Menschen auf St. Pauli, sie rauchen, trinken, haben Sex. Die Autorin wohnt auf dem Kiez, sie weiß wovon sie schreibt. Vielleicht deshalb verkaufen sich die Bücher wie geschnitten Brot, so würde es wohl ihre Staatsanwältin Riley sagen. Der letzte Band „Blaue Nacht“ ist der bislang erfolgreichste. Jüngste Auszeichnung: Beim Deutschen Krimi-Preis 2017 erreichte ihr Roman im Januar in der Kategorie National Platz 2.

Immer am Neujahrsmorgen suchen Sie am Hafen nach einer Flaschenpost, schreiben Sie auf ihrer Webseite. Und, Erfolg gehabt?
Dieses Jahr war ich an der Nordsee und zum ersten Mal nicht in Hamburg, wohl seit 20 Jahren. Und da war morgens das Wasser immer weg, Ebbe.

Ist das nur ein netter Gag für Ihre Leser oder welcher tiefere Sinn steckt dahinter?
Ich hab das tatsächlich früher gemacht. Die Flaschenpost ist eine zutiefst romantische Vorstellung, wie bei Pippi Langstrumpf. Ich habe selber mal eine in die Elbe geworfen, leere Flaschen stehen da am Neujahrsmorgen ja genug rum. Ich habe einen kleinen Zettel geschrieben: „Sitzen hier fest, brauchen Rum und Zigaretten, Kehrwieder 8“. Ich finde die Vorstellung super, dass jemand so etwas bekommt.

Von Hanau über München an die Elbe: Hat es Sie nach Hamburg gezogen oder dahin verschlagen?
Beides. Meine Mutter ist geborene Hamburgerin und ich habe meine Kindheit bei meinen Großeltern an der Alster verbracht. Mein Opa war Sänger an der Staatsoper, ich hab als Kind lange Spaziergänge mit ihm an der Alster gemacht. Der hat mit seiner tiefen Bassstimme immer beteuert, er könne mit den Schwänen reden. Dann hatte ich irgendwann mit Anfang 20 ganz schrecklichen Liebeskummer, und musste möglichst schnell möglichst weit weg von Würzburg, wo ich damals studierte. Da kamen nur Berlin oder Hamburg in Frage. Und meine Tante war hier und hatte ein Zimmer.

Ein Grund für Hamburg war auch das Wetter, haben Sie mal behauptet. Welches Wetter?
Hier ist immer ein Wetter. Im Gegensatz zu Süddeutschland ist es oft schlecht. Aber es ist immer Bewegung am Himmel. Ich mag das, den Wind, die Wolken, die Möwen. Das macht eine Stadt farbig und lebendig.

 

Warum hören Sie sich eigentlich noch begeisterter an als „echte“ Hamburger, wenn die über Hamburg reden?
Weil mich diese Stadt auf eine Art gerettet hat, als ich Kummer hatte und nicht wusste wohin. Und hier sehr schnell aufgenommen wurde. Auch von echten Hamburgern, die mir ein ganz buntes Leben gezaubert haben. Ich hatte immer ein Heimatproblem, weil ich überall Zugezogene war. In Hamburg bekam ich das erste Mal dieses Heimatgefühl.

Ist das der Grund, dass Ihre Krimi-Reihe auf St. Pauli spielt?
Nee, der Grund dafür ist viel banaler. Ich wohne auf St. Pauli, ich guck da aus dem Fenster und laufe da rum. Ich sehe es als Schriftstellerin als meine Aufgabe an, Wirklichkeit abzubilden, in all ihren Facetten. Vielleicht liegt das an meiner Ausbildung als Journalistin. Warum soll ich Geschichten irgendwo spielen lassen, wo ich mich nicht auskenne, wo ich die Sprache nicht im Ohr habe, den Sound der Gegend nicht kenne?

Gibt es auf St. Pauli nicht schon genug Probleme, über die öffentlich berichtet wird?
Aber ich kann auf eine ganz andere Art mit dem Finger auf die Bösen zeigen, als Journalisten das tun. Weil ich Stimmungen spüren kann, Zwischentöne. Und niemand kann mir was. Das kann der Journalist oft nicht, weil seine Quelle nicht hart genug ist.

Ihre Krimis haben aber auch eine liebevolle Note. Zeichnen Sie St. Pauli manchmal lieblicher als es wirklich ist?
Meine Hauptfigur Chastity Riley ist wie ich eine von Sarkasmus durchwirkte Persönlichkeit, aber immer noch mit liebevollem Blick auf die Welt. Und St. Pauli hat ja auch was wahnsinnig Liebenswertes. Da kann ich nicht so hart drüber urteilen. Im nächsten Band gehen meine Akteure raus aus St. Pauli und plötzlich wird der Ton viel rauer, viel härter.

Sie leben mit Mann und kleinem Kind sogar auf St. Pauli und nicht im ordentlichen, ruhigen Eppendorf oder Eimsbüttel, warum?
Ich liebe das Viertel, wir haben hier unsere Freunde, unsere Infrastruktur, unser Sohn wächst mit so vielen Geschwistern auf, obwohl er keine hat. Er ist jetzt in der zweiten Klasse, geht allein in die Schule, kommt allein nach Hause. Er hat Freiheiten, die er in anderen Stadtteilen vielleicht nicht so hätte, weil man ihn da nicht so kennen würde. Das ist hier wie ein Dorf. Auf dem Weg von der Schule nach Hause hat er drei, vier Inseln, eine Trattoria, einen Imbiss oder Plattenladen, wo er reingehen kann und sagen, ich muss aufs Klo oder was auch immer die Kleinen so umtreibt. Das ist für uns Lebensqualität und für arbeitende Eltern unfassbar viel wert. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, in Poppenbüttel mit meinem Sohn im Vorgarten zu sitzen, da würde der verkümmern und ich nach zwei Monaten tablettensüchtig überm Zaun hängen.

Hat sich der Kiez nicht auch zum Nachteil verändert?
Ich pflege sicher eine Art von Dorf-Patriotismus. Man muss natürlich auch über Verdrängung sprechen. Viele der alten Leute von früher sieht man nicht mehr, weil die entweder gestorben sind oder sich die Mieten nicht mehr leisten können. Wir können uns unsere Wohnung nur leisten, weil der Mietvertrag 15 Jahre alt ist. Geändert hat sich auch die Art der Besucher. Ich habe das Gefühl, dass St. Pauli ganz viel als Kulisse wahrgenommen wird, in der man alles machen kann. Es gibt eine große Respektlosigkeit gegenüber den Menschen, die hier wohnen. Mein Mann sagt immer: Morgen fahre ich nach Pinneberg und pinkel’ da mal vor jede Haustür.

Die Krimis spielen nicht nur im St-Pauli-Milieu, Sie kultivieren auch ein Lebensgefühl und eine Sprache, die man eigentlich nur als Hamburger kennen und mögen kann. Schreiben Sie vor allem für Hamburger?
Ich würde natürlich gerne sagen, ich schreibe für Leser auf der ganzen Welt (lacht). Aber die Verkaufszahlen sprechen dafür, dass meine Bücher vor allem in Hamburg gelesen werden oder von Leuten, die Hamburg gerne mögen und dieses Norddeutsche, Brummige. Die vielleicht auch mal „Büttenwarder“ abends um 22.30 im NDR angucken.

Was ist so faszinierend an diesem typischen Jargon?
Die Sprache ist so klar. „Auf links ziehen“ zum Beispiel, mal genau hingucken. Im Landeskriminalamt sagt man dafür auch „da machen wir mal das Licht an“. Oder wenn einer sagt: „Da bin ich nich` für“. So etwas kenne ich nur aus Hamburg, das ist superklar, fast ans Englische angelegt, ohne Artikel, reduziert, sehr direkt. Ich möchte, dass meine Figuren authentisch reden.

Warum tragen die meisten handelnden Personen Namen von ehemaligen Fußballspielern des FC St. Pauli wie Bartels, Tschauner, Kringe, Inceman?
Das war reiner Pragmatismus. Jeder Autor hat seine Art nach Namen zu suchen, manche gehen auf Friedhöfe, andere nehmen das Telefonbuch, machen die Augen zu und tippen auf eine Seite. Ich hatte im ersten Roman relativ viele Leute einzuführen. Damals war ich noch glühender Stadiongänger, deshalb habe ich mir gedacht: Die Guten heißen wie St. Pauli-Spieler, die Bösen wie HSVler. Ich weiß, dass das auch manchen Lesern Spaß macht und suche in alten Spielerkadern. Im neuen Roman gibt’s zum Beispiel Ippig und Acolatse.

Warum ist Ihr aktueller Krimi „Blaue Nacht“ bei der Kritik so besonders erfolgreich?
Ich habe keine konkrete Ahnung. Vielleicht habe ich mich mit meinem Wechsel zum Suhrkamp Verlag ein bisschen gestreckt und freigeschrieben. Vielleicht wurde von den Kritikern auch genauer hingeguckt und die „Blaue Nacht“ nicht als Regio-Krimi in die Tonne getan, sondern sie haben gemerkt, dass es ein Großstadt-Roman ist. Außerdem hat es wohl mit der allgemeinen Stimmung zu tun. Die Kriminalliteratur wird weiblicher. In den Jurys bei Bestenlisten sitzen plötzlich nicht mehr nur 80 Prozent Männer. Das macht auch total Sinn, denn Frauen kaufen Bücher. Männer gehen kaum in Buchhandlungen.

Bevor Ihre Krimis zu Bestsellern wurden, haben Sie auch über „Erste Liebe“ und ein „Orgasmus-Buch“ geschrieben. Hätte aus Ihnen auch eine literarische Erika Berger oder Frau Dr. Sommer werden können?
Nee, dazu habe ich mir das viel zu sehr abgequält. „Erste Liebe“ für Jugendliche fand ich toll, das hätte mir durchaus Spaß machen können. Aber bei dem Orgasmus-Buch brauchte ich einfach das Geld. Als Autor geht man ja gern mal dem Dispo bis auf den Grund, und die haben verdammt gut bezahlt. Aber ich habe mich gequält. Als ich noch bei Frauenmagazinen arbeitete, wurde mir immer wieder mal gesagt, mit „Chick-Lit“, also „Chicken“-Literatur, könnte ich reich werden. Aber ich kann`s nicht, es langweilt mich. 

Simone Buchholz persönlich...

Elbe oder Alster? Elbe, hier gibt es Möwen, Wind, Schiffe, Kräne. 

Landungsbrücken oder Hafencity? Landungsbrücken. Die Hafencity ist mir zu künstlich, zu viel Stahl. Ich mag lieber Steine.

Henning Mankell oder Patricia Highsmith? Wegen der Traurigkeit von Wallander ganz klar Henning Mankell. Ich mag keine glücklichen Hauptfiguren.

James Bond oder Tatort-Kommissar Thiel? Immer James Bond, ich bin eine Frau, da kann ich nicht raus.

Stehplatz oder Sitzplatz? Stehkurve. Das ist lustiger, macht mehr Spaß. Aber meine Dauerkarte hat jetzt mein bester Freund.

Schauspielhaus oder Schmidt´s Tivoli? Schauspielhaus. Weil es bombastisch ist, weil es für mich das tollste Theater Deutschlands ist.

„Uebel und Gefährlich“ im St. Pauli-Bunker oder Elbphilharmonie? Weder noch. Meine Mutter saß als kleines Mädchen nachts im Bunker und hat die Bombennächte ausgehalten. Die Vorstellung, in einem Bunker zu feiern, geht für mich nicht. Die Elbphilharmonie ist für mich immer noch ein Ärgernis. Wir brauchen Schulen, wir brauchen Krankenhäuser, davon gibt’s in Hamburg zu wenig, vor allem in Hamburg-Mitte.

zur Startseite

von
erstellt am 11.Feb.2017 | 10:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen