Vor 25 Jahren bei Airbus in Hamburg : Erster Testflug eines A321: Initialzündung für Flugzeugbau in Finkenwerder

<p>Ein Airbus A321-100 der Lufthansa in Hamburg.</p>

Ein Airbus A321-100 der Lufthansa in Hamburg.

Von großen Pötten zu großen Vögeln: Hamburg wurde 1993 zum Flugzeugbau-Mekka. Und die ersten A321 fliegen immer noch.

shz.de von
06. März 2018, 13:28 Uhr

Finkenwerder | Der 11. März 1993 markiert das große Datum der nicht-maritimen Industriegeschichte Norddeutschlands – und eine Sternstunde der deutschen Luftfahrt: Bei klarem Hamburger Frühlingshimmel schiebt Testpilot Karl-Heinz Nagel die Schubhebel des A321-Prototypen MSN 364 auf Startleistung. Mit neun Tonnen Messinstrumenten an Bord hebt der metallerne Vogel zu einem rund viereinhalbstündigen Jungfernflug über die Deutsche Bucht, Niedersachsen und Schleswig-Holstein ab. Es ist der erste A321, der sich erfolgreich in die Lüfte schwingt – mit ihm beginnt die Erfolgsgeschichte von Airbus in Hamburg.

<p>1989 ist die Hamburger Airbusproduktion noch auf kleinere Flugzeuge ausgelegt.</p>
imago/Sven Simon

1989 ist die Hamburger Airbusproduktion noch auf kleinere Flugzeuge ausgelegt.

„Ohne den Airbus A321, mit dem die Endmontage und Auslieferung von Airbus-Flugzeugtypen in Hamburg begann, wäre die Entwicklung Norddeutschlands zu einem der größten Luftfahrtstandorte der Welt nicht möglich gewesen“, sagte Lukas Kirchner von der Hamburg Aviation, dem Dachverband der Wirtschaftsförderung der Hansestadt.

<p>2005: Die neue Fertigungshalle vor dem Mühlenberger Loch in Hamburg-Finkenwerder.</p>
imago/imagebroker/leuzinger

2005: Die neue Fertigungshalle vor dem Mühlenberger Loch in Hamburg-Finkenwerder.

Denn der traditionsreiche Standort Finkenwerder wird damit im Airbus-Verbund endgültig als damals zweiter Endmontage-Standort nach Toulouse zum Zentrum der Kurz- und Mittelstreckenjets. Heute sichert er Zehntausende direkte und indirekte Arbeitsplätze weit über Norddeutschland hinaus. Ungemach droht allerdings in Bremen, wo Airbus wegen Produktionskürzungen auch Jobs streichen könnte.

„25 Jahre nach dem Erstflug ist aus dieser mutigen und visionären Entscheidung eine wahre Erfolgsgeschichte geworden: 3718 A321 sind bestellt, mehr als 1600 bereits ausgeliefert“, sagt Volker Thum, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie in Berlin.

<p>1989: Ein Airbus in der Fertigungshalle.</p>
imago/Sven Simon

1989: Ein Airbus in der Fertigungshalle.

Die Entscheidung für Hamburg sei damals richtungweisend gewesen, meint er. „Die Tatsache, dass mittlerweile jedes sechste weltweit hergestellte Verkehrsflugzeug aus Deutschland kommt und Hamburg zur dritten Metropolregion im weltweiten Flugzeugbau aufgestiegen ist, basiert auf dieser Entscheidung.“ Bauteile aus ganz Europa werden in Hamburg zu kompletten Flugzeugen zusammengebaut. Als wichtiges Standbein des Flugzeugbaus gehört die Stadt mit Toulouse und Seattle zu den drei größten Luftfahrtstandorten weltweit.

<p>1998: Zehntausende Besucher kommen zum Tag der offenen Tür und besichtigen die verschiedenen Airbus-Modelle.</p>
dpa

1998: Zehntausende Besucher kommen zum Tag der offenen Tür und besichtigen die verschiedenen Airbus-Modelle.

Auch wenn neue Airbus-Endmontagestätten in Tianjin (China) und Mobile (USA) entstanden: An der Elbe ist die Programmleitung für die gesamte A320-Familie angesiedelt, bei der sich das Unternehmen vor Aufträgen kaum retten kann. Die noch in den Auftragsbüchern stehenden 6000 Flugzeuge dieses Typs garantieren Beschäftigung für viele Jahre.

Waren in den 1990er Jahren noch vor allem die kleineren Varianten gefragt, so geht der Trend jetzt eindeutig hin zur Größe. Die für extreme Reichweite ausgelegte jüngste Version A321LR stieß mit ihrem Erstflug gerade erst die Tür auf in ein weiteres Marktsegment im Langstreckenbereich – Transatlantikflüge sind damit problemlos möglich.

<p>Der 2006 verstorbene Bundespräsident Johannes Rau schaute im Jahr 2000 in Finkenwerder aus dem Fenster eines sich im Bau befindenden A321.</p>
dpa

Der 2006 verstorbene Bundespräsident Johannes Rau schaute im Jahr 2000 in Finkenwerder aus dem Fenster eines sich im Bau befindenden A321.

Hamburg und die Region wurden damals zu einer wichtigen Schnittstelle im weltweiten Airbus-Verbund. Mehr als die Hälfte der fertigen Flugzeuge, die einen Mittelgang haben, wird von Finkenwerder aus ausgeliefert. „Heute ist es egal, wo man auf der Welt in ein Flugzeug steigt: Die Chance ist groß, dass es in Norddeutschland gebaut und ausgeliefert wurde“, sagt Kirchner. Allein aus der A320-Familie verlassen über 50 Flugzeuge monatlich die Werkshallen, mehr als die Hälfte in Finkenwerder. Aus dem nahegelegenen Niedersachsen-Städtchen Stade kommen vor allem Leitwerke in Faserverbundwerkstoffen (CFK) – der Standort hat sich als europäische CFK-Schmiede spezialisiert.

<p>2001: Techniker arbeiten an der Tragfläche eines Airbus A321. Das Hamburgische Oberverwaltungsgericht (OVG) entschied Wochen später über die Airbus-Gelände-Erweiterung im Mühlenberger Loch.</p>
dpa

2001: Techniker arbeiten an der Tragfläche eines Airbus A321. Das Hamburgische Oberverwaltungsgericht (OVG) entschied Wochen später über die Airbus-Gelände-Erweiterung im Mühlenberger Loch.

Hamburg, Bremen und Niedersachsen stellen heute die weltweit drittgrößte zivile Luftfahrtregion nach Seattle und Toulouse dar – wobei Niedersachsen nach Bayern und Hamburg Deutschlands drittgrößter Luftfahrtstandort ist. „Die Bedeutung der Branche für Niedersachsen ist groß“, bestätigt Henrik Brokmeier von der Landesinitiative Niedersachsen Aviation, „rund 30.000 Beschäftigte sind in mehr als 250 Unternehmen an über 350 Standorten in der Luft- und Raumfahrtindustrie und den zugehörigen Wertschöpfungsketten tätig.“

<p>Der Rumpf von einem Airbus der A320-Familie steht am in der Endmontagehalle im Airbus-Werk in Hamburg-Finkenwerder (2013).</p>
dpa

Der Rumpf von einem Airbus der A320-Familie steht am in der Endmontagehalle im Airbus-Werk in Hamburg-Finkenwerder (2013).

Und der Premierenflieger, mit dem einst alles begann? Die erste in Hamburg ausgelieferte A321 mit der Seriennummer MSN458 ging an den Erstkunden Lufthansa. Dort fliegt sie auch heute noch. „Das am 27. Januar 1994 ausgelieferte Flugzeug ist weiterhin in unserer Flotte und in München stationiert“, erklärte ein Sprecher der Airline.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen