Reeperbahn in Hamburg : „Eros-Center-Gang“: Schöffe befangen, Prozess droht zu platzen

Polizisten vor dem Eingang des „Eros Centers“ auf der Reeperbahn in Hamburg.
Polizisten vor dem Eingang des „Eros Centers“ auf der Reeperbahn in Hamburg.

Kuriose E-Mails eines Schöffen an die Verteidigerin sorgen für Verwirrung. Es wurden Befangenheitsanträge gestellt. Vermutlich muss der Prozess neu aufgerollt werden.

shz.de von
29. Juli 2015, 16:00 Uhr

Hamburg | Der Hamburger Prozess gegen Mitglieder der „Eros-Center-Gang“ droht zu platzen. Auslöser sind E-Mails, die ein Schöffe in schwärmerischem Ton an eine Verteidigerin geschickt hat. Staatsanwaltschaft und Verteidigung stellten Befangenheitsanträge, denen das Amtsgericht morgen stattgeben dürfte – der Prozess wäre beendet und müsste neu aufgerollt werden. Zwei in U-Haft sitzende Angeklagte kämen dann wahrscheinlich frei.

Seit Anfang Juni verhandelt das Gericht gegen vier mutmaßliche Mitglieder der so genannten Eros-Center-Gruppe, der aktuell dominierenden Kraft im Hamburger Rotlichtmilieu. Die Angeklagten (23 bis 30 Jahre) sollen im Januar am Angriff auf den Türsteher eines Nachtclubs an der Großen Freiheit beteiligt gewesen sein. Eine Überwachungskamera hielt fest, wie ein Täter einem Club-Mitarbeiter in den Fuß schoss. Vorangegangen waren eine handfeste Prügelei und tieffliegendes Mobiliar. Die Türsteher hatten sich geweigert, die fünfköpfige Gruppe einzulassen. Der damalige Schütze ist weiterhin auf der Flucht, er soll im Ausland abgetaucht sein. Die mutmaßlichen Komplizen wurden gefasst, allesamt bullige, im Verfahren schweigsame Muskelpakete.

Am bislang letzten Verhandlungstag wurden zwei seltsame E-Mails des Schöffen Gerd B. an die attraktive Rechtsanwältin Nadine Werner bekannt. Der Laienrichter im Rentenalter schrieb: „Hallo Frau Werner! Ich hätte mich gerne noch von Ihnen verabschiedet, aber leider wurden wir aufgehalten, (...) ansonsten hätte ich die Gelegenheit genutzt und die böse Staatsanwältin gehauen (waren ja keine Zeugen mehr im Saal ;)).“

Im weiteren Verlauf lässt der ehrenamtliche Richter eine mögliche Parteilichkeit erkennen: „Auf jeden Fall bin ich dank Ihnen das erste Mal in diesem Prozess einer Gewissensentscheidung ausgesetzt, wobei meine Entscheidung kein Gewicht haben wird. (…) Ich weiß, was Gefängnis bedeutet. (...) Insofern kann ich mich besser als alle anderen Anwesenden in die Situation versetzen. Das allerdings werde ich bei meiner Entscheidung natürlich unerwähnt lassen...“

Auf Nachrage des Vorsitzenden Richters Johann Krieten bestätigte dessen ehrenamtlicher Kollege B., dass die Mails von ihm stammen. Die Staatsanwältin lehnte ihn daraufhin wegen Besorgnis der Befangenheit ab. „Seine Mail lässt befürchten, dass er dem Verfahren nicht objektiv gegenübersteht.“ Die Verteidigung schloss sich dem Antrag an.

Auch ohne den Schöffen-Rauswurf strotzt der Prozess vor Merkwürdigkeiten. Nahezu alle Zeugen hatten bei ihren Vernehmungen plötzlich Probleme, sich an die Ereignisse zu erinnern. Eine junge Frau, die zusammen mit einer ebenfalls erst 17-Jährigen in einem Bordell von einem der Angeklagten verprügelt worden sein soll, brach im Zeugenbetreuungszimmer zusammen. Das andere angebliche Opfer verblüffte im Gericht mit der Angabe, sie sei inzwischen mit dem mutmaßlichen Schläger verlobt - und verweigerte die Aussage.

Das Laufhaus Eros Center an der Reeperbahn galt stets als größtes Freudenhaus im Hamburger Rotlichtviertel. Wer das Etablissement beherrscht, so ein ungeschriebenes Gesetz auf dem Kiez, ist der „Pate von St. Pauli“. Nach drei Steuerrazzien war das Großbordell (80 Zimmer) im März geschlossen worden. Inzwischen hat es unter dem Namen „Pink Palace“ neu eröffnet.

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