Beziehungstat in Hamburg : Einjähriges Kind und Mutter sterben bei Messerangriff – Tatwaffe gefunden

Notärzte versorgen eine mit einem Messer verletzte Person auf der S-Bahnhaltestelle Jungfernstieg.
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Notärzte versorgen eine mit einem Messer verletzte Person auf der S-Bahnhaltestelle Jungfernstieg.

Ein Mann hat in Hamburg offenbar seine Ex-Frau und die einjährige Tochter erstochen. Die Behörden kümmern sich um Geschwister des getöteten Mädchen.

shz.de von
12. April 2018, 18:00 Uhr

Hamburg | In der Hamburger Innenstadt sind am Donnerstag bei einem Messerangriff ein Kind und seine Mutter tödlich verletzt worden. Das Kind starb noch am Tatort. Seine Mutter erlag im Krankenhaus den schweren Verletzungen. Die Polizei geht nach Angaben eines Sprechers von einer Beziehungstat aus.

Der 33-jährige Ex-Mann der Frau sei nahe dem Tatort am Jungferstieg vor einer Bank festgenommen worden, teilte die Polizei mit. Er sei der Vater des Kindes und stamme aus Niger. Der Mann soll nach der Tat selbst den Notruf gewählt haben, dieser erreichte die Polizei gegen 10.50 Uhr. Die Tat geschah im Bereich des Bahnhofs Jungfernstieg. Mittlerweile ist die Identität der Opfer geklärt. Bei den Todesopfern der Beziehungstat vom Hamburger Jungfernstieg handelt es sich um eine 34-jährige Deutsche und ihre einjährige Tochter.

Auch die Tatwaffe wurde gefunden. Sie sei auf dem Fluchtweg des 33-Jährigen in einem Mülleimer im Bahnhof sichergestellt worden, teilte die Polizei mit. Um welche Art Waffe es sich handelt, blieb unklar. Zuvor hatte ein Polizeisprecher von einem Messer gesprochen.

Der Tatverdächtige sei in der Mönckebergstraße von Polizeibeamten angetroffen und festgenommen worden. Zunächst hatte es geheißen, die Festnahme sei auf dem Jungfernstieg vor einem Geldinstitut erfolgt. Der 33-Jährige sollte nach seiner Vernehmung in das Untersuchungsgefängnis gebracht und am Freitag vor den Haftrichter kommen.

 Einsatzkräfte der Polzei sichern den Zugang zur S-Bahnhaltestelle Jungfernstieg.
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Einsatzkräfte der Polzei sichern den Zugang zur S-Bahnhaltestelle Jungfernstieg.

Eine ältere Dame zeigt auf die Blutstropfen, die sich über die hellen Fliesen des Hamburger S-Bahnhofs Jungfernstieg ziehen. „Es ist doch schrecklich, wenn man so etwas sieht“, sagt sie. Am helllichten Tage, mitten in der Innenstadt. Zusammen mit ihrem Mann wollte sie eigentlich die S-Bahn nehmen. Nun sperrt Flatterband die Abgänge zu dem Bahnsteig ab, der jetzt Tatort ist. Ob das Blut tatsächlich von der Mutter des Kleinkinds stammt ist unklar.

Seelsorge für Zeugen der Bluttat

„Die Tat war sehr, sehr entsetzlich in der Art der Ausführung, sehr gezielt und sehr, sehr massiv“, sagt Polizeisprecher Timo Zill. Gegen 10.50 Uhr seien die ersten Notrufe bei der Polizei eingegangen. Ein Mann habe mit einem Messer auf ein Kind und eine Frau eingestochen, hätten die Zeugen berichtet.

 

Warum der Mann mutmaßlich auf seine Ex-Frau, eine 34-jährige Deutsche, und seine erst ein Jahr alte Tochter einstach, ist noch unbekannt. Ein Kriseninterventionsteam ist vor Ort. Es betreut die vielen Zeugen, die sich während der Bluttat auf dem Bahnsteig befanden. Aber auch Einsatzkräfte müssten die Hilfe der Seelsorger in Anspruch nehmen, sagt Zill.

Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher zeigte sich in einer erster persönlichen Reaktion erschrocken. Über Twitter sprach er allen Betroffenen sein Mitgefühl aus.

Die Tat selbst habe er zwar nicht mitbekommen, aber gesehen, wie die schwer verletzte Frau aus dem Bahnhof hinausgebracht wurde, sagt Gabriel Kraft. Der 38-Jährige arbeitet in einem Backshop auf der ersten Ebene des Bahnhofs, wo auch kurz nach der Tat wieder viele Menschen zu den Bahnsteigen eilen. Mitarbeiter der Bahn versuchen, den Fahrgästen Alternativen zur S-Bahn zu zeigen. Der Tunnel, der den Hamburger Hauptbahnhof mit Altona verbindet, ist wegen der Tatortarbeit der Polizei komplett gesperrt.

„In was für einer Welt leben wir?“

„Leider, leider muss man auf so etwas gefasst sein“, sagt Kraft. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet er auf dem Bahnhof. Schon viel habe er seither erlebt. Immer wieder komme es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, vor allem abends. „Es wird 20 Uhr, und dann geht es hier los.“ Er könne sich auch noch gut an den Fall eines 19-Jährigen erinnern, der 2010 von anderen Jugendlichen auf dem S-Bahnsteig erstochen wurde.

„Das war ja nun eine Beziehungstat und nichts mit Terror.“ Renate Günther zeigt sich fast ein bisschen erleichtert, als sie keine zwei Stunden nach der Bluttat am Bahnhofseingang steht. Die 78-Jährige ist gebürtige Hamburgerin, lebt aber in Glinde. Sie will ihren Enkel von der Schule abholen. In ihrer persönlichen Sicherheit fühle sie sich durch die Tat zwar nicht bedroht, aber die allgemeine Entwicklung mache ihr Sorgen.

„In was für einer Welt leben wir?“, fragt Joyce und pflichtet ihr bei. Die 39-Jährige macht Politik und Medien für die von ihr empfundene Zunahme der Gewalt verantwortlich. „Sie zeigen den Menschen doch nur, wir müssen Angst haben.“ Dass es sich bei dem mutmaßlichen Täter um einen Ausländer handele, spiele für sie keine Rolle. Viel schlimmer sei doch, dass diese Tatsache die altbekannten Diskussionen nun wieder anheize. „Es ist an der Zeit, dass die Menschen mal aufwachen und wieder mit Frieden und Ruhe ins Leben gehen.“

Behörden kümmern sich um Geschwister

Währendessen haben sich die Behörden der Geschwister des Kindes angenommen. „Meine Gedanken sind bei den Geschwistern, um die sich der Kinder- und Jugendnotdienst nun liebevoll kümmern wird“, twitterte Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) am Donnerstag.

Ein Sprecher der Behörde bestätigte, dass es mehrere Geschwisterkinder gebe. Die Senatorin äußerte ihre Betroffenheit: „Die abscheuliche Tat am Jungfernstieg bestürzt uns alle. Auch mich macht sie fassungslos und wütend.“

Einschränkungen im S-Bahn-Verkehr

Der Bereich am Jungfernstieg wurde nach der Tat weiträumig abgesperrt. Ein Hubschrauber landete. Die Mordkommission übernahm die Ermittlungen. Die Hamburger S-Bahn meldete, dass der Verkehr zwischen Hauptbahnhof und Altona wegen eines Polizeieinsatzes gesperrt ist. „Weiterhin Sperrung des Citytunnels. Die Züge der Linien #S1 und #S3 verkehren derzeit über die Verbindugsbahn (Dammtor). Bitte auch auf U-Bahnen und Busse ausweichen. Grund ist ein Polizeieinsatz. Die Beeinträchtigungsdauer ist ungewiss“, schrieb die Hamburger S-Bahn auf Twitter.

 

Nach Angaben der Hochbahn fuhren die U-Bahnen normal. Die Polizei teilte mit, dass es in der Innenstadt wegen Straßensperrungen zu Behinderungen komme.

Einsatzfahrzeuge der Polizei und ein Rettungshubschrauber stehen am Donnerstag am Jungfernstieg.
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Einsatzfahrzeuge der Polizei und ein Rettungshubschrauber stehen am Donnerstag am Jungfernstieg.

In jüngster Zeit hatten mehrere mit Messern verübte Beziehungstaten große Bestürzung ausgelöst. Im Oktober tötete ein Pakistaner seine zweijährige Tochter im Hamburger Stadtteil Neugraben-Fischbek. Vor Gericht gestand er die Tat, der Prozess läuft noch. Im März wurde in Flensburg eine 17-Jährige erstochen, ihr Freund, ein 18-jähriger Flüchtling aus Afghanistan, steht unter Tatverdacht.

In Kiel läuft zurzeit ein Prozess gegen einen 40-jährigen Türken, der seine 34 Jahre alte Frau mit 23 Messerstichen auf offener Straße erstochen haben soll. Eines der drei gemeinsamen Kinder musste die Tat mit ansehen. Das Urteil wird am 24. April erwartet.

In Freiburg (Baden-Württemberg) steht derzeit ein 53-jähriger Deutscher algerischer Herkunft vor Gericht, weil er seine Ex-Freundin und den gemeinsamen Sohn am 28. Juli 2017 vor einer Tiefgarage in Teningen mit einem Küchenmesser getötet haben soll.

Ende 2016 hatte der Tod einer 38-Jährigen in Kronshagen bei Kiel für Entsetzen gesorgt. Ihr damals 41 Jahre alter Mann aus Togo hatte die Mutter von zwei Kindern mit Benzin übergossen und angezündet. Er wurde vom Gericht in eine Psychiatrie eingewiesen.

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