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Nach G20-Gipfel in Hamburg : Eine Woche danach: Im Schanzenviertel kehrt langsam Frieden ein

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es ist aufgeräumt, zerstörte Geschäfte eröffnen wieder. Und doch bleibt mehr als nur ein neues Wahlkampfthema.

Die Barrikaden sind abgeräumt, die Scherben weggefegt, die meisten Schäden beseitigt. Das Hamburger Schanzenviertel sieht eine Woche nach den schweren Ausschreitungen am Rande des G20-Gipfels fast wieder aus wie davor, bewusst schmuddelig und abseits der Touristenhotspots auch gemütlich. Nur an der Sparkasse am Schulterblatt steigt einem beim Vorbeigehen noch Brandgeruch in die Nase. Die Bank-Filiale neben dem linksautonomen Kulturzentrum Rote Flora ist ein Totalschaden – ausgebrannt und zerschlagen.

Ansonsten ist wieder Alltag im linken Szeneviertel eingekehrt und mit ihm scheint sich auch die Stimmung der Anwohner gedreht zu haben – zumindest was die Rote Flora angeht. Schockiert von den Gewalttaten und unter dem Eindruck beängstigender Szenen und rauchender Trümmer waren etliche zunächst wild entschlossen, Deutschlands wichtigste Trutzburg der Autonomen endgültig dichtmachen zu lassen.

 

Nun hat gleich eine ganze Reihe Geschäftstreibender einen Treueschwur auf die Flora geleistet. „Wir leben seit vielen Jahren in friedlicher, oft auch freundschaftlich-solidarischer Nachbarschaft mit allen Formen des Protestes, die hier im Viertel beheimatet sind, wozu für uns nicht verhandelbar auch die Rote Flora gehört.“ Auch weisen die Geschäftsleute darauf hin, dass der weit größere Teil der Randalierer nicht Autonome, sondern erlebnishungrige Jugendliche, Voyeure und Partyvolk gewesen seien. Zu einem ähnlichen Schluss kommt das Netzwerk „Recht auf Stadt“ – ein Zusammenschluss lokaler Initiativen – das sich ebenfalls mit der Flora solidarisiert, „die ein nicht wegzudenkender Bestandteil des Schanzenviertels ist“.

Kurzzeitig stand das bei vielen Anwohnern jedoch auf der Kippe, nämlich als Flora-Anwalt Andreas Beuth am Tag nach den schweren Ausschreitungen sagte, dass die Autonomen „gewisse Sympathien für solche Aktionen“ hätten. Erst Tage später nimmt er den Satz zurück. Die Flora werde den Opfern helfen, verspricht Beuth jetzt sogar.

Neues Wahlkampfthema

Der SPD-Kanzlerkandidat und Parteivorsitzende Martin Schulz (Mitte) spricht am im Schanzenviertel mit Geschäftsinhabern.

Der SPD-Kanzlerkandidat und Parteivorsitzende Martin Schulz (Mitte) spricht im Schanzenviertel mit Geschäftsinhabern.

Foto: dpa
 

Scheint im Schanzenviertel also wieder Frieden einzukehren, entwickeln sich die G20-Folgen und die Rote Flora dagegen für einige zum Wahlkampfthema. So hält der Sprecher der Arbeitsgruppe Inneres der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Stephan Mayer (CSU), gut zwei Monate vor der Bundestagswahl eine „gewaltsame Räumung“ der Flora jetzt „für zwingend geboten“. Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft Hamburg und CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Joachim Lenders wiederum will sie gleich abreißen lassen. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz erschien persönlich im Schanzenviertel, um sich ein Bild zu machen. Und auch Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) drohte bereits mit Konsequenzen – mit welchen, lässt er bislang offen.

Eine Schließung oder gar Räumung scheint jedoch unwahrscheinlich. Schließlich war es Scholz selbst, der die seit 1989 besetzte Flora 2014 samt Grundstück treuhänderisch für 820.000 Euro Steuergeld von der Johann-Daniel-Lawaetz-Stiftung kaufen ließ, um so den Frieden im Quartier und in der Stadt zu sichern und die „kulturelle Vielfalt“ aufrecht zu erhalten. Zuvor gehörte das umstrittene Zentrum dem Immobilienunternehmer Klausmartin Kretschmer, der die Autonomen jedoch mit Umbauplänen und Räumungsandrohungen immer wieder in Aufruhr versetzt hatte, was letztlich vor Weihnachten 2013 auch zu Krawallen mit Verletzten führte.

Im Wandel der Zeit: Die Rote Flora im März 2017 (oben li.), im Oktober 2013 (unten li.) sowie im September 1988 (oben re.) und im Juli 1988 (unten re).
Im Wandel der Zeit: Die Rote Flora im März 2017 (oben li.), im Oktober 2013 (unten li.) sowie im September 1988 (oben re.) und im Juli 1988 (unten re). Foto: dpa

Und die Floristen selbst? Die geben sich geläutert – zumindest ein bisschen – und geißeln Polizei und Politik. Denn sie sind überzeugt: Eine mögliche Ankündigung einer Räumung wäre nur deren Versuch, „ihren eigenen Arsch zu retten“. Sie erklären: „Wir sind radikal, aber nicht doof ... Flora bleibt!“  
 

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erstellt am 15.Jul.2017 | 11:40 Uhr

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