Ein langer Weg aus der Grauzone

Häufig ein Leben in der Schattenwelt: Prostituierte sind in der Anonymität vielen Gefahren ausgesetzt. Andererseits wird durch den „Hurenpass“ eine lebenslange Stigmatisierung befürchtet.
Häufig ein Leben in der Schattenwelt: Prostituierte sind in der Anonymität vielen Gefahren ausgesetzt. Andererseits wird durch den „Hurenpass“ eine lebenslange Stigmatisierung befürchtet.

Prostituiertenschutzgesetz: In Hamburg haben bislang 800 Betroffene an der Gesundheitsberatung teilgenommen – lange Wartezeiten

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21. Mai 2018, 18:39 Uhr

Aufgabe der Anonymität, Stigmatisierung und Zwangsberatung – bereits vor Inkrafttreten des neuen Gesetzes zum Schutz von Prostituierten im Juli vergangenen Jahres hagelte es von Interessenverbänden und Beratungsstellen harsche Kritik. Rund zehn Monate später hapert es vielerorts noch immer an der Umsetzung. „Dass es irgendwo reibungslos verläuft, kann ich nicht sagen“, kritisiert Stephanie Klee, Vorsitzende vom Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen. „In einigen Bundesländern funktioniert gar nichts“, berichtet sie.

In Hamburg ist man schon einen Schritt weiter. Seit Anfang November hätten laut Enrico Ickler, Sprecher der Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD), bereits rund 800 Prostituierte an der verpflichtenden, der Anmeldung vorangestellten Gesundheitsberatung teilgenommen. Doch noch immer müssen die Betroffenen lange Wartezeiten in Kauf nehmen. „Ich habe erst im August einen Termin bekommen“, berichtet Prostituierte Sandy. „Für die gesundheitliche Beratung mit einem Termin gibt es aktuell mehrwöchige Wartezeiten“, bestätigt Ickler.

In dem etwa 30 Minuten dauernden Gespräch sollen laut Gesetzgeber auch Opfer von Zwangsprostitution ermittelt werden. Dies in so kurzer Zeit herauszufinden ist laut Klee nicht möglich, schließlich setze es „ein enormes Vertrauensverhältnis voraus“. Zudem sei der Rahmen dafür nicht geeignet. „Die Frauen gehen ja mit dem Ziel zu der Beratung, einen Ausweis zu erhalten. Daher werden sie es bestimmt nicht angeben, falls sie Opfer von Zwangsprostitution sind“, glaubt Klee.

Grundsätzlich seien die bisherigen Erfahrungen mit der Gesundheitsberatung jedoch positiv. „Nach Gesprächen mit Prostituierten, die bereits an der Beratung teilgenommen haben, entsteht der Eindruck, dass die Gespräche nett, freundlich und informativ durchgeführt werden. Von Seiten der Behörde wurden demnach also gute Gesprächssettings eingerichtet“, berichtet Julia Buntenbach-Henke von der Beratungsstelle „Sperrgebiet Hamburg“.

Neben der Kondompflicht für Freier und räumlichen Auflagen wie der Einrichtung von Notfallsystemen in einschlägigen Etablissements sieht das Gesetz ferner vor, dass Prostituierte eine Anmeldebescheinigung, in der Branche nur „Hurenpass“ genannt, während ihrer Arbeit mit sich führen müssen. Betroffene sind dadurch bei der Behörde für immer als Prostituierte registriert. Viele fürchten eine lebenslange Stigmatisierung. „Die Sexarbeit nutze ich, um mein Studium zu finanzieren“, gibt Sandy an. „Wer kann mir versprechen, dass die Daten nicht doch mal in falsche Hände gelangen“, fragt die 26-Jährige besorgt. „Das verunsichert die Branche enorm“, berichtet auch Klee.

Wird jemand ohne den Ausweis erwischt, kann es teuer werden. „Bei vorsätzlichem Nichtanmelden der Prostitutionsausübung kann ein Bußgeld in Höhe von bis zu 1000  Euro ausgesprochen werden“, teilt die Sozialbehörde mit. Bislang gebe es jedoch noch keine Kontrollen.

Verlässliche Zahlen, wie viele Frauen und Männer derzeit der Prostitution nachgehen, gibt es nicht. „Ausgehend vom polizeilichen Hellfeld gibt es in Hamburg 2200 Prostituierte“, sagt Ickler. Der Bundesgesetzgeber geht nach seinen Angaben jedoch von 200 000 Prostituierten im Bundesgebiet aus. Gemessen an dieser Zahl und unter Berücksichtigung von Mobilitätseffekten sei in der Hansestadt daher „letztlich von einer Anzahl von bis zu 6000 Prostituierten auszugehen“, erklärt er.

Im Stadtteil St. Georg, in dem sich die Beratungsstelle „Sperrgebiet Hamburg“ befindet, geht Buntenbach-Henke davon aus, dass sich der Großteil der dort ansässigen Prostituierten gar nicht anmelden kann, da sie die Voraussetzungen nicht erfüllen. „Diese setzten unter anderem eine Meldeadresse voraus“, erklärt sie. Gerade aus dem Ausland kommende Menschen könnten diese jedoch nicht vorweisen.

Dadurch habe sich in den letzten Monaten ein neues Geschäftsmodell zu ihren Lasten entwickelt. „Den Prostituierten werden zum Teil Zustelladressen verkauft“, erklärt die Projektleiterin. „Die Lebensbedingungen der Prostituierten haben sich durch das Gesetz nicht verbessert“, resümiert sie.

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