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„Sommer '89“ : Ein „Hörbuch-Song“: Neues Kettcar-Video wird zum Klick-Hit

vom

Anlässlich des Mauerbau-Jahrestages veröffentlicht die Hamburger Band Kettcar ihren neuen Song. Es geht um den Mauerbau und Flüchtlingshilfe.

Die Hamburger Band Kettcar hat am Freitag ein neues Musikvideo veröffentlicht und erntet seitdem begeisterte Kritiken. Rechtzeitig zum 56. Jahrestag des Mauerbaus in Berlin am Sonntag (13.8.) veröffentlichte die Rockband das neue Lied „Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“. Der Song erzählt eine Geschichte mit Datum 12. August 1989 - und zwar von einem Hamburger, der mit einem Bolzenschneider an die Grenze von Österreich nach Ungarn reist und die damalige hart gesicherte Grenze für drei DDR-Familien öffnet.

Ist das jetzt ein Lied, oder eine Kurzgeschichte? Der Song braucht etwa 1 Minute 12, ehe der Gesang beginnt. Was vorher zu hören ist, ist Sprechgesang, begleitet durch ein unermüdliches Schlagzeug. Schnell wird allerdings klar: Wovon dieses Lied erzählt, ist nicht nur die Geschichte des Mauerfalls vor knapp 30 Jahren. Es geht auch um die Haltung, die wir heute zu Flüchtlingen haben.

Der Songtext von „Sommer '89“

Es war im Sommer '89. Der 12. August

In Hamburg ging es los

In seinem alten, himmelblauen Ford Granada

Kasseler Berge, Würzburg, Nürnberg, Linz, Wien

Ließ er alles links liegen

Das Ziel war das Burgenland, die österreichisch-ungarische Grenze

In Mattersburg besorgte er sich „den besten Bolzenschneider, dan man für Geld kaufen konnte.“

Fast 400 Schilling

In Mörbisch am See checkte er in die Pension Peterhof ein

Kaute sich einen Döner und wartete auf die Nacht

Um kurz nach eins klopfte es an seiner Tür

Der Verbindungsmann gab ihm einen Brief

Und verschwand wieder ohne ein Wort zu sagen

Er lernte den Brief auswendig und machte sich zu Fuß auf den Weg

Runter die Ödenburger Straße, vorbei an den letzten Laternen

Und kurz vor der Kehre in den Feldweg rechts rein bis ganz zum Ende

Die letzten hundert Meter weiter durch das hohe Gras

Hinein in das kleine Wäldchen

Die Grenzpatrouille um 3:30 abgewartet

Taschenlampe raus: drei mal kurz, zwei mal lang

Und dann auf der Lichtung sah er sie

Sie kamen

Gerannt


Refrain:

Es war im Sommer '89, eine Flucht im Morgengrauen

Er war der Typ, der durch die Nacht schlich

Und schnitt Löcher in den Zaun

An einer ungarischen Grenze

Im ersten Morgengrauen

Nur ein Bolzenschneider nötig

Für Löcher im Zaun

Im Sommer '89



Als sie durch den Zaun durch waren

Liefen sie so schnell es die Kinder zuließen

Bis zu den ersten Laternen

14 Menschen, drei Familien

Keine Champagnerkorken, kein Konfettijubel

Nur große Erleichterung und noch größere Erschöpfung

Sie gingen gemeinsam zum Busbahnhof, setzten sich auf die Bänke

Und warteten auf den 6:22er Bus nach Wien

Vor lauter Müdigkeit wurde kaum gesprochen

Nur einmal fragte ihn eins der Kinder

Was denn der Spruch auf seinem Dead-Kennedys-T-Shirt zu bedeuten hätte

Als der Bus dann pünktlich vorfuhr, gab er einem Vater seinen Wien-Stadtplan

Mit der eingekreisten Adresse der deutschen Botschaft

Er verteilte seinen letzten Schillinge noch auf die drei Familien

Und wünschte ihnen allen ein gutes Leben

Sie bedankten sich tränenreich und vielmals für alles

In einer Sprache und einem Dialekt, den er kaum verstand

Er vermutete damals, dass das Sächsisch war


Refrain:

Es war im Sommer '89, eine Flucht im Morgengrauen

Er war der Typ, der durch die Nacht schlich

Und schnitt Löcher in den Zaun

An einer ungarischen Grenze

Im ersten Morgengrauen

Nur ein Bolzenschneider nötig

Für Löcher im Zaun

Im Sommer '89



Zurück in Hamburg dann die große Einerseits-Andererseits-Diskussion

Am WG-Küchentisch mit seinen Freunden

Einerseits wäre die Aktion natürlich gut gemeint gewesen

Wegen den Familien und so

Aber andererseits wäre eine deutsche Einheit und darauf laufe die Entwicklung der letzten Wochen nunmal hinaus, ein großer Fehler

Deutschland dürfe nie wieder ein Machtblock mitten in Europa werden

Und eine solche Hilfe zur Flucht der DDR-Bürger

Würde nur zur weiteren Destabilisierung der Verhältnisse beitragen

Also wie gesagt: „Die Aktion war menschlich verständlich

Aber trotzdem falsch.“

Er schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte

Und sagte so leise, wie es ihm grad noch möglich war:

„Ihr wisst, dass das Schwachsinn ist

Sie lassen alles zurück und sie fliehen und vielleicht...“

Er machte eine kurze Pause und überlegte

Ob er den letzten Satz wirklich sagen sollte

Aber kein Wort mehr

Eine komplette Stille trat ein

Die anderen tauschten nur Blicke aus, einige lächelten milde

Jemand legte sogar sacht ein Hand auf seine Schulter

Die Sekunden vergingen

Er stand auf, verließ das Zimmer

Jacke, Tür, Treppenhaus

Er nahm seinen alten Ford Granada

Und ward nie mehr gesehen

Der Rest ist Geschichte


Refrain:

Es war im Sommer '89, eine Flucht im Morgengrauen

Er war der Typ, der durch die Nacht schlich

Und schnitt Löcher in den Zaun

Sie kamen für Kiwis und Bananen

Für Grundgesetz und freie Wahlen

Für Immobilien ohne Wert

Sie kamen für Udo Lindenberg

Für den VW mit sieben Sitzen

Für die schlechten Ossi-Witze

Sie kamen für Reisen um die Welt

Für Hartz IV und Begrüßungsgeld

Sie kamen für Besser-Wessi-Sprüche

Für die neue Einbauküche

Und genau für diesen Traum

Schnitt er Löcher in den Zaun

Quelle: www.songtexte-lyrics.de

 

Allein beim YouTube-Kanal des Labels Grand Hotel van Cleef wurde das Video innerhalb der ersten gut 24 Stunden mehr als 100.000 mal aufgerufen.

Fans kommentierten unter dem Video begeistert:

  • „Ich habe geheult, weil dieses Lied so traurigschön und hoffnungsvoll ist. Grenzen sind für nichts anderes da als zu trennen, zu töten und beherrschen. Ihr habt ein Lied über die DDR-Grenze geschrieben das so topaktuell ist.“
  • „Eigentlich seid ihr die Band meiner Eltern, seit meiner Kindheit höre ich eure Musik, aber erst jetzt verstehe ich so richtig, warum meine Eltern sie so lieben. Ein fantastisches Lied, eine fantastische Nachricht. Einen neuen Fan habt ihr.“
  • „GÄNSEHAUT VON ANFANG BIS ENDE. Waaaaaas für ein Brett!!!!“
  • „Endlich wieder Politisches von Marcus Wiebusch. Bei "der Tag wird kommen" habe ich schon gehofft, dass er noch mehr seiner Gedanken zum aktuellem Zeitgeschehen in Songs verarbeitet. Einer der größten deutschsprachigen Texter und Köpfe. Viel Liebe aus Wandsbek nach Altona.“
  • „Wahrscheinlich habe ich mich nach einem Lied noch nie so eindrucksvoll leer gefühlt, wie nach diesem. Danke für diese Emotionen Kettcar“
  • „Genialer Hörbuch-Song der berührt! Ich freue mich aufs Album!“

Die Kritiker sind in der Minderheit:

  • „Mögen Musik und Text gerade noch Durchschnitt sein, so ist der Gesang und die Gesangsmelodie unterirdisch beliebig und austauschbar.“
  • „Billige Subversion. Jeder kann sich doch denken, welche falsche Analogie hier hergestellt werden soll.“

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Kettcar an einer musikalischen Verarbeitung deutscher Gesellschaftsverhältnisse versucht. Mit „Deiche“ beschrieb Frontmann Markus Wiebusch bereits das Leben in Deutschland 15 Jahre nach dem Mauerfall:

Auch der Song „Der Tag wird kommen“, den Wiebusch allein veröffentlichte, sorgte für Furore. In dem Lied geht es um Homophobie im Fußball.

(mit Material der dpa)

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erstellt am 12.Aug.2017 | 17:47 Uhr

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