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Hamburger Kult-Tätowierer : Ein Besuch in der „Ältesten Tätowierstube in Deutschland“

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Vom Anker, Rosenblatt bis zur Elphi - jedes Tattoo hat seine eigene Geschichte. Viele davon beginnen auf dem Hamburger Kiez.

shz.de von
erstellt am 03.Jun.2017 | 14:05 Uhr

Hamburg | Das gleichmäßige Brummen könnte von einem Zahnarztbohrer stammen. Ganz so anders als eine Praxis sieht das Studio, in dem Ernst Günter Götz seine „Schmerzpatienten“ begrüßt, auch gar nicht aus: zwei Liegen, Drehstühle und ein Empfangstisch, hinten ein kleiner Wartebereich. Von der hohen, stuckbesetzten Decke hängt ein mächtiger Lüster. Doch Götz trägt nicht Kittel und Mundschutz, sondern ein schwarzes Kurzarmhemd, auf dessen Rückseite ein Adler mit weit ausgebreiteten Flügeln und einem Anker in den Fängen prangt. Wo Götz tagsüber arbeitet, tobt nachts das Kiezleben. Seine Adresse ist der Hamburger Berg 8 auf St. Pauli. Und seine Kunden haben keine Zahnschmerzen, sondern Lust darauf, ihrem Körper eine individuelle Handschrift zu geben: sie wollen Tattoos.

Heute nimmt Britta aus Ahrensburg bäuchlings auf einer der beiden Liegen Platz. Sie lässt sich in der ersten von voraussichtlich drei Sitzungen ein aufwendiges Motiv über den gesamten Rücken tätowieren: drei Rosen und ein Kolibri - mit vielen Schnörkeln und kunstvollen Details. Genaugenommen ist es kein komplett neues Tattoo, sondern ein sogenanntes Cover-up. Es soll ein älteres Bild, das Britta sich vor zehn Jahren auf das rechte Schulterblatt hat stechen lassen, überdecken. Der Weg dahin ist offensichtlich kein Vergnügen. „Es fühlt sich an, wie ein heftiger Sonnenbrand - so, als wenn es die Haut zerreißt“, sagt die 43-Jährige. Die unangenehme Prozedur nimmt Britta in Kauf. Die alte Schwalbe gefällt ihr nicht mehr, das neue Motiv verbindet sie mit Freiheit und Lebenslust.

Kundin Britta M. bekommt ein Cover-up.

Kundin Britta M. bekommt ein Cover-up.

Foto: dpa
 

Ein so aufwendiges Tattoo sticht Götz nicht alle Tage und doch ist er ganz routiniert bei der Sache. Als kleiner Junge hat er gern gezeichnet. Das Hobby machte er später zum Beruf - nur eben nicht auf Papier, sondern auf der menschlichen Haut. Die Brille sitzt ihm tief auf der Nase, während er die feinen Konturen eines Rosenblattes sticht. Die schwarze Tätowierfarbe quillt dick aus den Blattadern um gleich darauf abgewischt zu werden. Zurück bleiben feine, klare Linien. Götz ist hochkonzentriert, das hält ihn aber nicht vom „Schnacken“ ab. Vor nunmehr 34 Jahren, erzählt der gebürtige Franke, übernahm er „Die Älteste Tätowierstube in Deutschland“ von seinem Halbonkel Herbert Hoffmann. Zum ersten Mal angemeldet wurde das Geschäft aber bereits 1946 von dem Tätowierer Paul Holzhaus.

Damit ist Götz' Wirkungsstätte tatsächlich deutschlandweit als das Tattoogeschäft bekannt, das sich am längsten an einem Ort befindet, wie der Kunsthistoriker Ole Wittmann bestätigt. Der Wissenschaftler forscht aktuell über den Tätowierer Christian Warlich, der bis in die 50er Jahre unweit der Hamburger Reeperbahn ein Tattoo-Studio führte. „Er war der Urvater der professionellen Tätowierung in Deutschland“, sagt Wittmann. Auch mit Götz' verstorbenem Halbonkel Hoffmann hat er sich beschäftigt: „Hoffmann war eloquent und freundlich und hat das Tätowieren in ein positives Licht gerückt.“ Besonders berühmt sei er für sein „Autogramm“, den „Hoffmann-Anker“, gewesen, berichtet der 39-Jährige, der aus der Werbebranche in die Wissenschaft wechselte.

Eben solch ein Original hat sich Klaus - zu seiner Zeit als Seemann - vor rund 40 Jahren auf den Oberarm stechen lassen. An diesem Nachmittag schneit der 62-Jährige bei Götz in die Tattoostube. Auch er hätte gerne ein Cover-up. Der Anker von damals ist verblasst, ein Motiv inspiriert von den Malereien australischer Ureinwohner soll her. Doch Götz rät ab, der Wunsch lasse sich technisch nicht gut umsetzen. An den Unterarmen hat Klaus bereits viele Narben von Tattoos, die er aus Berufsgründen hat weglasern lassen.

Dass Klaus gleich mehrere Tattoos aus seiner Zeit als Seemann trägt, passt zur Hamburger Tattoo-Geschichte. „Die Tattookunst hat einen engen Bezug zur Seefahrt“, erklärt Historiker Wittmann. Seeleute ließen sich Tattoos auf Schiffen und in Hafenstädten zum Andenken an ihre Reisen stechen. Über die Haut wanderten die Motive um die Welt. „Das macht die Internationalität des Handwerks aus“, sagt Wittmann. Trotzdem seien Tattoos nie eine reine Seemannstradition gewesen. „Tätowierungen gab es in allen Gesellschaftsschichten“, betont der Forscher. Das ist heute nicht anders, wie Tätowierer Götz bestätigt. „Zu mir kommen Menschen aus dem öffentlichen Leben, Ärzte und Rechtsanwälte“, sagt der 63-Jährige. Zudem seien es mindestens genauso oft Frauen wie Männer, die sich von Götz tätowieren lassen.

Damit ist Kundin Britta keine Ausnahme. Das Kunstwerk auf ihrem Rücken hat mittlerweile Form angenommen. Die Rosen ranken von der rechten Schulter bis runter zum Steißbein. Bei der nächsten Sitzung kommt noch ein bisschen Farbe hinzu. „Da lasse ich Günter freie Hand“, sagt sie. Das Kunstwerk hat seinen Preis. Zwischen 900 und 1500 Euro wird es kosten, schätzt Götz - je nachdem, wie viel Zeit die Tätowierung in Anspruch nimmt. Ob er gut von seiner Arbeit leben könne? „Wenn man davon reich werden würde, dann wäre ich nicht mehr hier“, sagt er trocken und beugt sich wieder über sein aktuelles Projekt. Auch wenn er es nicht so offen sagt, die Leidenschaft für sein Handwerk kann er nicht verbergen.

Eine Rose und ein Kolbri auf dem Rücken von Britta M.

Eine Rose und ein Kolbri auf dem Rücken von Britta M.

Foto: dpa
 

Der letzte Schrei beim Stechenlassen? „Vor kurzem habe ich die Elphi zum ersten Mal einem Kunden auf den Unterarm gestochen“, sagt Götz ganz stolz zum quasi „fleischgewordenen“ Konzerthaus. Dass sich daraus in Zukunft ein Trend entwickeln könnte, schließt der Profi nicht aus. Denn auch andere typische Hamburg-Motive, wie Michel, Fernsehturm oder Köhlbrandbrücke, seien schon seit Jahren bei seinen Kunden beliebt.

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