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1864 - Schlacht um SH : Düppel als Adresse

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Düppelstraßen gibt es sowohl in Kopenhagen als auch Hamburg. Doch kaum einer ahnt dort mehr, was es mit diesem Namen auf sich hat.

shz.de von
erstellt am 11.Apr.2014 | 08:13 Uhr

Hamburg/Kopenhagen | Warum die Düppelstraße Düppelstraße heißt? Davon hat Sonja Behrendt (80) noch nie etwas gehört. Sie wohnt seit 1967 an der Koldingstraße, dort wo sie die Düppelstraße kreuzt.  Auch mit dem Begriff Kolding kann sie nichts anfangen. Ihre Nachbarn, die im türkischen Kiosk gegenüber ihrer Wohnung einkaufen oder ein Bier trinken, zucken mit den Achseln. Die Düppelstraße liegt in Altona Nord. Sie beginnt gleich am Holstenbahnhof und ist etwa 500 Schritt lang zwischen Stresemannstraße und Eckernförder Straße.  Das Musicaltheater „Neue Flora“  ist gleich gegenüber.  Die Straßen in der Umgebung sind beinahe alle nach Begriffen der Kriege um Schleswig-Holstein benannt. Es gibt den Alsenplatz und die Oeverseestraße, die Gefionstraße, die Kieler-, Eckernförder- und die Augustenburger Straße. Doch hat das schon jemand bemerkt?  Eine Frau putzt die Scheiben einer Apotheke im Haus Düppelstraße 1. „Nie gehört“, sagt sie mit osteuropäischem Zungenschlag. Drei Jugendliche kommen den Fußweg entlang. „Keine Ahnung“, sagen sie.

„Früher war das eine richtig gute Gegend“, erzählt Sonja Behrendt. Früher, das sind für sie die Jahrzehnte nach dem zweiten großen Krieg. Weiter zurück reicht hier keine Erinnerung. Um 1890, als Altona noch zu Preußen gehörte und eine stolze, vaterländisch gesonnene selbständige Metropole war, erschloss man hier planmäßig ein Baugebiet und verteilte die Namen im Stil der Zeit. Was passte besser zur Holstenstraße als die Schlachtorte des gerade gewonnenen Krieges? Bis zum Ersten Weltkrieg war das Areal komplett mit großen Wohnhäusern im Jugendstil bebaut. Prächtige Gebäude mit vier bis fünf Stockwerken und hohen Decken standen entlang der Düppelstraße.

 Im Juli 1943 wurde Hamburg und der Stadtteil komplett zerstört. Ruinen säumten die Düppelstraße, nur das Eckhaus mit der Apotheke überlebte die Bombardierung und die folgenden verheerenden. Der Wiederaufbau begann hier 1951, nachdem Trümmer und Ruinen komplett abgeräumt waren. Die Arbeiten zogen sich bis in die 1960er Jahre hin. Dann gab es wieder eine Düppelstraße. Von der alten war  nur der Verlauf und der Name geblieben.

In den 1950er Jahren musste schnell neuer Wohnraum her. Man baute niedriger, einfacher und schneller als um die Jahrhundertwende. Die Wohnungen waren klein und nur mit Kohle zu beheizen. Dafür hatten sie immerhin fließend Wasser und eine Toilette in den eigenen vier Wänden. „Die Wohnungen waren beliebt“, sagt Sonja Behrendt. Es wohnten hier Postbeamte, Polizisten oder Gerichtsdiener; nicht die reichen Leute, aber man kam ganz gut zurecht, erinnert sich die Rentnerin. Die Bauherren leisteten sich einen kleinen Luxus. Viele der Häuser tragen Kunstwerke: Ceres oder Diana aus Sandstein, einen Flötenspieler als Steinrelief und eine üppige nackte Frau in Bronze.

Von einer nachbarschaftlichen Gemeinschaft ist nicht mehr viel  übrig. Die kleinen Wohnungen sind zwar billig, aber in vielen Fällen kaum mehr zeitgemäß. Hier wohnt meist nur noch, wer keine Alternative hat. Es leben noch eine Reihe älterer Frauen hier, ihre Renten sind meist schlecht.  Studenten haben sich angesiedelt und Menschen, die aus vielen verschiedenen Ländern stammen. Es eint sie nur die Tatsache, dass sie wenig verdienen. Es gibt Probleme mit Verwahrlosung, mit Einsamkeit und Alkohol; ein Kiosk gegenüber dem Holstenbahnhof ist von Trinkern umlagert, ihre Hunde terrorisieren die Passanten. Die gewachsene Nachbarschaft ist dahin. Erinnerungen an eine andere Zeit, in der jemand wusste, was Düppel bedeutet? Die gibt es hier nirgends mehr.

Die Düppelstraße könnte auch ganz anders heißen. Niemand würde es bemerken. Nach den beiden Weltkriegen ist die Erinnerung an die nationalistisch gedeutete Vergangenheit Deutschlands tief verschüttet. Nur ein einziger Passant hat den Namen schon mal gehört. Ein älterer Herr. „Ich komme aus Kiel“, sagt er.

Mehr zum Krieg um Schleswig-Holstein vor 150 Jahren lesen Sie in dem Heft „1864“, das heute Ihrer Tageszeitung beiliegt. Weitere Informationen rund um die Gedenkveranstaltung gibt es hier.

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