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Studie : Digitale Mobilität: Hamburg modernste deutsche Stadt

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Deutsche Städte werden digitaler, zeigt eine Studie. Doch der Blick ins Ausland wirkt ernüchternd.

Hamburg | Digital, digitaler, Hamburg - diese Aufzählung könnte sich einbürgern. Denn in einer Studie zum Stand der digitalen Mobilität und Elektromobilität in den 25 größten deutschen Städten hat die Wirtschaftsprüfungs- und Unternehmensberatungsgesellschaft PwC in wissenschaftlicher Zusammenarbeit mit dem Institut für Verkehrsforschung im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) Hamburg als Spitzenreiter ausgemacht.

Vor allem das „Verkehr 4.0“-Projekt sichert Hamburg Platz 1 (76,7 von 100 möglichen Punkten). Als Zweitplatzierter folgt Stuttgart (71,9 Punkte) dank seines dichten Ladesäulennetzes, und Berlin erreicht gleich in mehreren Kategorien Spitzenwerte und landet im Gesamtranking auf Platz 3 (67,1 Punkte).

Der ÖPNV muss digitaler und innovativer werden

In Hamburg sind viele Busse durch Sensoren mit den örtlichen Ampelsystemen vernetzt. Nähert sich ein Bus der Ampel, erhält er eine ausgedehntere Grünphase sowie eine bedarfsgerechte Ampelschaltung, um besser durch den Verkehr zu kommen – „eine digitale Busbeschleunigung“, fassen die Verantwortlichen der Studie zusammen.

Noch schneller ginge es ihrer Meinung nach, wenn auch die Bezahlvorgänge digitalisiert würden. 50 Prozent der Wartezeiten an Bushaltestellen gingen der Studie zufolge auf das Konto von Bezahlvorgängen. Sensorik könne beispielsweise durch kontaktloses Bezahlen oder die gezielte Verteilung zusteigender Fahrgäste auf Verkehrsmittel und vorhandene Sitzplätze helfen, Zeit zu sparen.

„Allein der öffentliche Personennahverkehr beförderte 2016 rund 10,2 Milliarden Fahrgäste und ersetzte damit laut dem Verband Deutscher Verkehrs­unternehmen e. V. (VDV) täglich 20 Millionen Autofahrten auf deutschen Straßen. Trotzdem nimmt auch der Individualverkehr ständig weiter zu“, schreiben die Experten. Insbesondere in großen Städten und Ballungsräumen seien die Folgen des steigenden Verkehrsaufkommens erkennbar: „Staus, Parkplatznot, Unfälle, Verschmutzung und Lärm sind allgegenwärtig.“

Die ITS-­Strategie für Hamburg sei die Grundlage für die Weiterentwicklung der intelligenten Transportsysteme (ITS), um den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) sowie von innovativen Technologien im Verkehrsbereich strukturiert voranzutreiben. Vorgesehen ist, in den Handlungsfeldern Informationen, intelligente Verkehrssteuerung, Infrastruktur und Parken, Mobilität als Service sowie intelligente Fahrzeuge gezielt Maßnahmen zu treffen, die Hamburg zum digitalen Standort machen.

Die Spitzenpositionen im Überblick:

Hamburg in punkto Digitalisierung der Infrastruktur deutlich vorn

Hamburg schaffte es als einzige Stadt in allen vier untersuchten Bereichen unter die Top 3. Die Hansestadt zeige damit, dass man sich dort „sehr umfassend mit zukünftiger Mobilität und Digitalisierung auseinandersetzt“. Die Stadt überzeugte die Tester vor allem in der Kategorie „Digitalisierung der Infrastruktur“. Dabei hoben die Experten besonders die Strategie für intelligente Transportsysteme der Hansestadt hervor. So werde der gesamte Verkehr im Großbereich des Hamburger Hafens bereits heute von speziellen Sensoren erfasst und durch neuartige Auswertungsverfahren analysiert. „Via Tablet oder Smartphone lassen sich die Informationen aktuell und vorausschauend abrufen, das Staurisiko sinkt“, heißt es in der Begründung.

Stuttgart bei der Elektromobilität vorn

Stuttgart verdankt seinen zweiten Platz im Gesamtranking dem positiven Abschneiden in der Kategorie „Elektromobilität“. Dabei honorierten die Experten nicht nur das im deutschen Vergleich dichte Ladesäulennetz, sondern auch, dass die Nutzer von Elektroautos sich mittels einer interaktiven Karte online jederzeit über die nächstgelegene Ladestation informieren können.

Berlin durchweg auf den vorderen Plätzen

Berlin als Drittplatzierter wiederum ist zwar in keinem Teilbereich ganz vorn, landet aber bei „Digitalisierung der Infrastruktur“, „Elektromobilität“ und „Sharing“ durchweg auf den vorderen Plätzen.

München führt beim Sharing

Den Sieg in der Kategorie „Sharing“ sichert sich unterdessen München. Die bayerische Hauptstadt punktet mit ihrem überdurchschnittlichen Ridesharing (das Bilden von Fahrgemeinschaften mit einem privaten Pkw für einen gemeinsamen Weg) und Rideselling-Angebot (das Anbieten von Fahrten in einem privaten Pkw, bei dem der Fahrgast den Weg bestimmt) - den Bewohnern stehen sowohl Clevershuttle als auch Uber zur Verfügung. Dabei wurden im Rahmen der Untersuchung auch kleinere, quartiersbezogene Initiativen positiv bewertet. So befinden sich allein im Quartier Münchner Freiheit inzwischen fünf exklusive Carsharing-Stellplätze.

Die „Leipzig mobil“-App überzeugt die Experten

Dass digital mobil nicht nur den Millionenstädten vorbehalten ist, beweist neben Stuttgart auch Leipzig. Die sächsische 560.000-Einwohner-Stadt holt Platz eins in der Kategorie „ÖPNV“ – vor allem wegen ihrer nutzerfreundlichen „Leipzig mobil“-App. Diese bietet nicht nur Echtzeitinformationen zur Verkehrslage und Mobile Payment, sondern ermöglicht dem Nutzer durch die Integration von Bike und Carsharing eine lückenlose Mobilität von Tür zu Tür. Ergänzend dazu können Abonnenten des „Leipzig mobil“-Pakets das umfangreiche Bikesharing-Angebot der Stadt jeden Monat zehn Stunden lang kostenlos nutzen.

Parkplatzsuche und Live-Verkehrslage überall vorhanden

Manche Indikatoren sind in allen im Rahmen der Studie untersuchten Städten zu finden.

So verfügt jede beurteilte Stadt über eine virtuelle Parkplatzsuchfunktion. Über Internetseiten und Apps werden Parkplätze innerhalb der Städte angezeigt. Echtzeitfunktionen machen genaue Angaben über die Zahl freier Parkplätze und ersparen die zeitaufwändige Suche nach Parkplätzen.

Auch Live-­Informationen zur Verkehrs­lage haben sich weitestgehend durchgesetzt. 21 von 25 Städten veröffentlichen Echtzeitinformationen zu Verkehrsstörungen über das Internet. Die Services umfassen Staumeldungen, Unfälle und Streckensperrungen.

 

Der Blick ins Ausland wirkt ernüchternd

„Was Carsharing, Elektromobilität, digitale Infrastruktur oder Mobilitäts-Apps betrifft, hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren sehr viel getan“, sagt Felix Hasse, PwC-Partner und Experte für Digitalisierung. „Dieses Fazit darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir im internationalen Vergleich noch deutlich zurückliegen - gemessen etwa an einer Stadt wie Amsterdam, wo mehr als 5000 Elektrowagen unterwegs sind und es über 3000 Ladesäulen gibt.“ Damit hat die Hauptstadt der Niederlande die weltweit sogar höchste Ladesäulendichte. Und es soll weitergehen: Bis 2018 will man doppelt so viele Ladesäulen zur Verfügung stellen. Im Jahr 2009 startete die Amsterdam Smart City (ASC) Initiative, die inzwischen über 170 Projekte umfasst.

Besonders in deutschen Städten mit 250.000 bis 500.000 Einwohnern sei die erforderliche Infrastruktur meist noch nicht auf der Höhe der Zeit, so Hasse. Der Grund: „Die wichtigsten Innovationen kommen bislang nicht von den ÖPNV-Unternehmen und Verbünden, sondern von Start-ups und Konzernen. Die konzentrieren sich in der Regel erst einmal auf die großen Metropolen.“

Wenige Unternehmen des ÖPNV haben Digitalisierungsstrategie

Zusätzlich zum Ranking wurden mehr als 100 Unternehmen und Verbünde des öffentlichen Nahverkehrs hinsichtlich ihres Digitalisierungsstandes und zu ihrer subjektiven Einschätzung befragt. Der ÖPNV hat die Digitalisierung zwar als maßgeblichen Einflussfaktor erkannt, allerdings ziehen nur die wenigsten Unternehmen und Verbünde die richtigen Schlüsse, kritisieren die Experten - lediglich eines von drei Unternehmen hat bislang eine Digitalisierungsstrategie. Immerhin: 45 Prozent planten demnach eine solche.

Für autonomes Fahren fehlen konkrete Pläne

Von der Vision des autonomen Straßenverkehrs ist man aber in allen untersuchten deutschen Städten noch weit entfernt. Es gebe erste Testfelder, doch obgleich die Städte die Bedeutung des autonomen Fahrens für die Ziele der Stadtentwicklung erkannt hätten, seien sie bislang noch nicht gestaltend aktiv. „Treibende Akteure des autonomen Fahrens in Städten sind aktuell die Automobilkonzerne, IT-Unternehmen und neue Mobilitätsdienstleister. Dabei kann das autonome Fahren einen wichtigen Beitrag für den ÖPNV, städtische Wirtschaftsverkehre oder die Entsorgungswirtschaft leisten“, sagt Dirk Heinrichs, der am DLR Institut für Verkehrsforschung die Abteilung „Mobilität und urbane Entwicklung“ leitet. „Städte sollten diese Chancen unbedingt nutzen und das autonome Fahren als Bestandteil ihrer kommunalen Strategien entwickeln.“

Die Studie sieht Handlungsbedarf

„Es zeichnet sich ab, dass in vielen Bereichen Handlungsbedarf besteht“, schreiben die Forscher. Frühzeitige Beschäftigung mit dem Thema, klare Positionierung und strategische Weichenstellung könne sich langfristig positiv auf die Stadtentwicklung auswirken. „Die Entwicklungen aktiv mitzugestalten, sollte unbedingter Wille von Kommunal­politik, ­-verwaltung und öffentlichen Verkehrsunternehmen sein.“

Best-Practice-Beispiele für effizientes Verkehrsmanagement

Multifunktionale Laternen in Karlsruhe

Karlsruhe und andere Gemeinden Baden-­Württembergs rüsten seit 2015 sämtliche Straßenlaternen um. Gemeinsam mit SAP und dem Energieversorger EnBW werden Sensoren eingebaut, um Temperatur und Luftverschmutzung zu messen. Dazu kommen WLan-­Module für ein flächendeckendes Internet. Einige Laternen erhalten Notrufknöpfe und Ladepunkte für Elektroautos. Die Straßenbeleuchtung wird nur bei Bedarf aktiviert – also dann, wenn ein Verkehrsteilnehmer die Straße nutzt. Bundesweit wären allein durch die Modernisierung der Straßenleuchten jährlich erhebliche Einsparungen bei den Betriebskosten möglich.

 

Staus reduzieren in China

In China ermöglichen Datenanalysen bereits heute eine Optimierung des Verkehrs in stark befahrenen Gebieten. Die Stadt Guiyang setzte testweise eine NTT ­Simulationstechnologie ein, um durch Big ­Data ­Analysen Ampelsignale zu kontrollieren und Staus zu reduzieren. Der durch hohes Verkehrsaufkommen entstehende Zeitverlust wurde innerhalb weniger Testtage um durchschnittlich sieben Prozent reduziert.

 

Maut berechnen in Singapur

Die Höhe der Maut in Singapur variiert nach Tageszeit und Nachfrage. Seit 1998 erkennt ein elektronisches System jedes Auto über ein Lesegerät. Basierend auf Tageszeit und zurückgelegter Strecke errechnet sich eine Gebühr, die automatisch vom Konto des Fahrers abgebucht wird. Dieses System soll in den kommenden Jahren ausgeweitet werden. Darüber hinaus hilft es dem Stadtstaat bei einer effizienten Infrastrukturplanung.

 
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erstellt am 29.Mai.2017 | 19:53 Uhr

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