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Hannelore Hoger im Interview : Die Schauspielerin aus Hamburg über Stress, Drehbücher und die Malerei

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Hannelore Hoger, alias Bella Block, spricht über das Ende der Erfolgsserie, ihr erstes Buch und das Leben im Alter.

shz.de von
erstellt am 29.Jul.2017 | 10:00 Uhr

Hamburg | Hannelore Hoger kommt mit dem Fahrrad zum Treffen in die „Goldene Gans“ in Hamburg-Ottensen. Sie ist hier gern und setzt sich zum Interview sichtbar für alle an einen der Tische draußen auf dem Fußweg. „Wieso nicht, hier kennt mich doch jeder“, sagt sie, „ich wohn’ doch hier“.

Die 74-jährige Hamburgerin, deren Vater am Ohnsorg-Theater war, wirkt in ihrem sommerlichen weißen Leinenkleid vital und zufrieden mit sich. Ihr letzter Fernsehkrimi als „Bella Block“, der im kommenden Frühjahr gezeigt werden soll, ist abgedreht. Ihr erstes Buch „Ohne Liebe trauern die Sterne“, das Ende April erschien, ist sehr positiv angekommen, es läuft gerade gut für sie.

Im Buch erzählt sie aus ihrer Kindheit und Jugend, vom Beginn ihrer Schauspielkarriere und wie sehr die Regisseure Peter Zadek und Alexander Kluge sie geprägt haben. Und welche Rolle das Schauspielhaus in Hamburg zur Gründgens-Zeit für sie gespielt hat. Sie tut das in einfacher, klarer Sprache, ohne aufgesetzte Schnörkel, manchmal etwas sprunghaft in ihren Episoden und ironisch, so wie ihr Leben eben war. Dazu gibt es viele zum Teil sehr private Bilder, auch mit ihrer Tochter Nina Hoger, der ebenfalls erfolgreichen Schauspielerin aus Berlin. Sie redet nicht endlos über ihr Erstlingswerk wie viele andere. „Es ist ja auch keine große Schreibe da drin“, sagt Hannelore Hoger völlig uneitel. Lieber spricht sie schon über ihre Lesungen, zu denen sie demnächst wieder aufbricht. „Das ist für mich eine große Freude“, sagt sie und lacht: „Ich muss den Text ja nicht lernen.“

Darf man mit einer „Grand Dame“ des deutschen Schauspiels eigentlich über das Alter reden, oder ist das unschicklich?
Hannelore Hoger: Nee, ich finde es zwar langweilig, weil ja jeder so ungefähr weiß, wie alt man ist, aber wenn sie wollen, können wir auch das machen.

Im Frühjahr werden Sie zum letzten Mal als Bella Block im Fernsehen zu sehen sein. Fühlten Sie sich für die Rolle zu alt?
Das hat mit dem Alter gar nichts zu tun, ich habe einfach keine Lust mehr. Ich habe das lange genug gemacht, und irgendwann muss man auch mal loslassen können. Man macht sich sonst ja auch ein bisschen lächerlich. Bella Block ist ja weit über das Pensionsalter rüber. Und es sind auch einfach keine schmissigen Ideen für Drehbücher mehr gekommen.

 

Tut’s trotzdem manchmal auch weh?
(lacht) Ich bin ja nicht abgeschoben worden. Im Gegenteil: Das Publikum auf der Straße, das mich anspricht, findet das ja schade. Und ich habe nichts dagegen weiter zuspielen, aber die Bella Block ist doch irgendwie auserzählt. Es gibt jetzt 38 Filme, ich habe die gar nicht alle gesehen. Und die meisten Zuschauer haben die ersten doch auch schon wieder vergessen. Die kann man doch jetzt endlos wiederholen, zumindest ein paar ausgewählte, und damit das Publikum erfreuen, das finde ich viel interessanter.

Öffentlich wird viel häufiger über das Alter von Schauspielerinnen diskutiert, während wir männlichen Kommissaren genussvoll beim Altern zuschauen können. Stört Sie das?
Nein, ich habe ja auch schon Damen gespielt, die alle meinem Alter entsprechen, dagegen ist überhaupt nichts zu sagen. Es fällt auch immer wieder das Beispiel Margaret Rutherford. Aber die hat Miss Marple gespielt, da war sie 64, und dann auch nur in sechs Filmen, und ist damit weltberühmt geworden. Im Fernsehen wird man berühmt, aber nicht weltberühmt. Trotzdem finde ich, man muss es nicht ausreizen. Und ich möchte von diesem Stress weg. Die ganze Zeit haben wir uns bei Bella Block von einer Folge in die andere gehangelt. Oft war kein Drehbuch da, oder man kriegte es erst zwei Wochen vor Drehbeginn. Ich will das nicht mehr, ich möchte nicht mehr angebunden sein, ich möchte ins Kino gehen, ins Theater und nach Honolulu fahren, wann ich will und nicht, wenn ich mal Zeit habe.

Schließt sich mit Bella Block eine künstlerische Tür oder öffnet sich eine neue?
Das kommt auf die Angebote an. Ich will jetzt nicht peng aufhören, wenn etwas Vernünftiges kommt, kann man sich das ansehen. Aber es muss was Schönes sein. Das ist der Luxus in unserem Beruf. Ich musste bis jetzt immer arbeiten, weil ich nie Geld hatte und immer Alleinunterhalter von meiner Person war, aber inzwischen muss ich das nicht mehr unbedingt. Außerdem mache ich ja noch viel, Lesungen zum Beispiel. Ich könnte auch theaterspielen, was ich aber nicht mehr möchte, ich will nicht, dass mir der Text im Hals stecken bleibt.

Wie meinen Sie das?
Ich kenne die Panik davor, auf der Bühne den Text zu vergessen, diese Angst, und die Situationen, wenn das eintrifft, das ist nicht lustig.

Aus persönlicher Erfahrung?
Nein, von Freunden, ich hatte diese Erfahrung noch nicht. Aber irgendwann hat man keine Lust mehr dazu, zu diesem ewigen Textelernen. Auch beim Drehen stehen Sie ja vor 40 Leuten, ich mag das nicht mehr so gern haben.

Wie viel Hannelore Hoger steckt eigentlich in Bella Block oder umgekehrt?
In jeder Rolle, die ich gespielt habe, steckt ein Teil von mir. Das ist gar nicht anders möglich. Jeder Schauspieler kann nur ausdrücken, was er ist und was er in sich trägt. Und seine Phantasien dazu.

Wie stark identifiziert man sich mit einer Rolle, wenn man sie so häufig spielt? Reagieren Sie, wenn Sie mit Bella angesprochen werden?
Ja, das passiert mir oft, auf der Straße oder auf dem Markt. „Na, Bella“ oder „hast Du gut gemacht gestern“, sagen dann Leute, mich stört das nicht, im Gegenteil, ich kenne eigentlich nur positive Begegnungen.

Man muss sich ausdrücken, haben Sie mal gesagt. Was wollten Sie mit ihrem Buch „Ohne Liebe trauern die Sterne“ ausdrücken?
Ich hatte immer abgelehnt, ein Buch zu schreiben, weil ich es irgendwie komisch fand. Bella Block war natürlich begehrt bei einigen Verlagen, ohne sie wär ich nicht so interessant gewesen. Ich wollte auch keine Biographie schreiben, und es ist auch überhaupt keine Biografie geworden, mein Buch hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es sind Bilder und Mitteilungen aus meinem Leben und Arbeitsleben. Mehr ist es nicht.

Warum haben Sie sich schließlich doch zu dem Buch überreden lassen?
Weil ich mit einem Mitarbeiter von Alexander Kluge, der viel von Literatur versteht, mal einen Disput hatte. Wir haben uns schriftlich über ein Buch unterhalten, das hat dem gefallen und danach hat er mich zum Schreiben ermuntert. Ich habe gedacht, ich kann das nicht, und ich will das nicht. Aber Kluge hat gesagt, ist doch alles Quatsch, schreib mal los. Den Titel fand er ganz toll, lass dir den nicht wegnehmen, hat er gesagt, schreib einfach.

Sie werden von Kritikern als „schwierig“ beschrieben, als „intelligente Diva“, manchmal auch als „zickig.“ Sind Sie schwierig?
Also, Nestroy hat mal gesagt, die Schwierigen sind die Einfachen. Ich bin nicht schwierig, ich kenne auch kaum einen Regisseur, der das sagt. Ich habe ja selbst Regie geführt, ich bin zwar kein Theatererneuerer, aber handwerklich kann ich den Schauspielern helfen, und ich habe sehr gute Kritiken gehabt. In meinen zehn Inszenierungen, da war ich schwierig, weil ich unerbittlich war, in dem was ich gemeint habe. Das hat manche Schauspieler geärgert, manche verwundert, das waren sie nicht gewohnt. Aber sie haben dann gemerkt, dass es ihnen genützt hat.

Sie reden öffentlich entwaffnend offen und ehrlich über Alleinsein, Wut oder Psychotherapie.
Das klingt immer so gewaltig. Ich hatte eine Trennung hinter mir und davor auch schon andere, und da wollte ich mal wissen, ob und was davon an mir liegt. Ich könnte sofort wieder eine Therapie machen, nicht weil ich das brauche, aber es ist unheimlich interessant, und ich bin viel zu neugierig. Bei einer Therapie kommt etwas in Bewegung, viele haben davor Angst, aber ich habe vor mir keine Angst. Ich kenne mich ja, wovor soll ich Angst haben?

Das dabei etwas zum Vorschein kommt, was man lieber nicht sehen möchte?
Das denken viele. Aber das ist nicht so. Jeder Mensch ist das was er ist, und Sie können sich nicht entfliehen. Eine Therapie ist nichts Schlimmes. Sie glauben gar nicht, wie interessant das ist, was man über sich lernen kann.

Sie haben eine Leidenschaft entdeckt, das Malen. Ist das wie bei älteren Männern, die auf einmal golfen?
Golf zu spielen ist ja kein persönlicher Ausdruck, sondern eine Beschäftigung, die man aus einer gewissen Langeweile heraus macht. Vor allem Männer fallen im Alter manchmal in ein Loch und brauchen so etwas. Ich langweile mich nie. Ich verreise gerne, auch allein. Und dass ich angefangen habe zu malen, ist schon länger her. Das ist ein großer Spaß.

Was malen Sie und wie?
Was mir einfällt, auch Porträts. Öl, Aquarell, Pastell, wie es kommt. Ich habe sogar schon mal was verkauft, ein Blumenbild, das bei meinem Frisör hing. Da schlich immer eine Frau dran vorbei und sagte, das sind so schöne Farben, das will ich haben. Dann hat sie es gekriegt. Das meiste habe ich aber verschenkt.

Werden wir irgendwann eine Ausstellung von Ihnen sehen?
Das ist mir peinlich. Ich habe einen sehr netten Freund, der hat eine Galerie mit großen Künstlern, Weltklasseleuten, der findet meine Arbeiten schön und wartet, dass ich ganz viel male. Der sagt, die müssen wir irgendwann mal zeigen. Aber ich habe ihm geantwortet, da kannst du lange warten, meinen Kram kannst Du bei dir nicht hinhängen. Aber in meinem Buch gibt es ein paar meiner Bilder zu sehen.

Hannelore Hoger... persönlich
Hamburg ist im Vergleich zu Berlin... eine wunderschöne Stadt mit sehr vielen ruhigen Ecken. Berlin ist mir zu kaputt.

Zadek und Kluge sind... Wunderüten in meinem Leben gewesen.

Das Ohnsorg-Theater ist... der Ort meiner ersten Theatererfahrungen, aber nicht mein Theater.

Rote Teppiche bedeuten mir... wenig. Ich gehe da gern rüber, wenn die Leute das unbedingt wollen und die Fotografen dann rumschreien. Aber ich habe kein Abendkleid und in meinem ganzen Leben noch kein Abendkleid besessen. Ich bin immer in der Bredouille, was ziehe ich an.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist... gerne an der Elbe.

Plattdeutsch ist... eine schöne Sprache. Kunn ik ok, dat hett mien Moder mi beibröcht. Die hat niederdeutsch gesprochen, weil sie vom Land kommt. Ich höre das gerne.

Kochen... kann ich auch. Ich bin da völlig unraffiniert, aber es schmeckt immer. Ich koche auch für mich, wenn kein Besuch da ist.

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