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Platz da! : Der Verein „Fuss“ setzt sich in Hamburg für die Rechte der Fußgänger ein

Die Hamburgerin Sonja Tesch ist von der ersten Stunde an dabei. Was die Fuss-Lobbyisten erreichen wollen.


von
04. Januar 2021, 08:49 Uhr

Hamburg | Lobbyisten überall: Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft pampert die Airlines, der ADAC die Autofahrer, der ADFC ist das Sprachrohr der Radler – und die Fußgänger? Wussten Sie, dass die Freunde der umweltfreundlichsten Fortbewegung, des Gehens, auch einen Fachverband haben? Sonja Tesch ist die Hamburger Stimme von Fuss e.V.

Gehwege werden im Behördenjargon als „Nebenflächen“ bezeichnet

Wer sich mit der 1942 in der Schweiz geborenen Lobbyistin der hiesigen Fußgänger verabredet, der erfährt nicht nur, dass Gehwege im Behördenjargon als „Nebenflächen“ bezeichnet werden, sondern auch, dass diese von den Hamburger Verkehrsplanern auch als solche betrachtet werden. „Dabei erreichen uns die meisten Anrufe, Zuschriften oder Mails zu den stiefmütterlich behandelten Gehwegen in der Stadt“, berichtet die rüstige Seniorin.

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stahlpress

Kämpft für die Rechte von Fußgängern: Sonja Tesch.
 

„Sehen Sie“, sagt Tesch beim Rundgang durch ihr Viertel Altona-Altstadt, „dieser Pkw parkt den halben Gehweg zu, obwohl zur Straße hin noch reichlich Platz ist.“

Ein Dorn im Auge sind ihr auch neu gestaltete Verkehrsführungen wie die am Doormannsweg am Ring 2 in Eimsbüttel. Dort sei mal wieder ein Rad- auf Kosten des Gehwegs verbreitert worden:

Uns Fußgängern bleibt gerade mal ein Meter. Vor allem an den Bushaltestellen sind Konflikte zwischen Radfahrern und uns vorprogrammiert.

Fußgänger-Lobbyistin Sonja Tesch

Zu kleine Verbotsschilder

Das zweite große Problem seien Radler, die durch Fußgängerzonen düsen – oft unabsichtlich, weil sie die „viel zu kleinen Verbotsschilder“ übersähen, ärgert sich Sonja Tesch, die aus einer Fußgängerfamilie stammt, die viel gewandert ist und der Autos ein Dorn im Auge waren: „Die Umverteilung des Raums bei der städtischen Mobilität kann nur zu Lasten des stehenden Verkehrs gehen.“

Seit 1983 lebt die früher bei der Deutschen Bundespost im Fernmeldeamt Beschäftigte in der Hansestadt. Darüber hinaus entwickelte sie viele gesellschaftliche Aktivitäten. Sonja Tesch machte mit beim Volkszählungsboykott, mischte sich in die Lokalpolitik ein, engagiert sich in ihrem Wohnprojekt: „Ich war schon immer aufmüpfig“, sagt sie über sich selbst.

Ein gewisser Oppositionsgeist scheint der aus einem sozialdemokratischen Elternhaus stammenden Kämpferin in die Wiege legt worden zu sein: Großmutter Johanna Tesch war 1919 als Mitglied der Weimarer Nationalversammlung und SPD-Abgeordnete (1920-1924) im ersten Reichstag eine kleine Berühmtheit.

Nach dem Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 wurde sie von den Nationalsozialisten verhaftet und ins KZ Ravensbrück gebracht, wo sie kurz vor Kriegsende umkam. Einer ihrer drei Söhne, Sonja Teschs Vater Carl, hatte sich als aktiver Widerständler rechtzeitig ins Schweizer Exil absetzen können.

Gut ein Dutzend Mitstreiter in der Landesgruppe von Fuss e.V.

Sonja Teschs Engagement und das ihrer gut ein Dutzend Mitstreiter in der 2020 gegründeten Hamburger Landesgruppe von Fuss e.V. ist weniger dramatisch. Sie kämpfen für längere Ampelphasen, sichere Straßenquerungen, mehr Tempo-30-Zonen, gegen Radwege auf dem Trottoir, zugeparkte Fußwege und abgeschliffene Zebrastreifen.

Ein Erfolg: Fußgängerfreundliche Stadtpläne

Der sichtbarste Erfolg der Lobbyisten der schwächsten Verkehrsteilnehmer sind vom Pharus-Verlag herausgegebene fußgängerfreundliche Stadtpläne. Brandaktuell ist die überarbeitete Stadtteilkarte Wilhelmsburg, die zum Flanieren entlang grün eingezeichneter Wanderstrecken und Parkwege der Elbinsel einladen – von der Aurora-Mühle bis zum Kreetsander Hauptdeich.

Ende der 1950er-Jahre hatten Architekten wie Hans Bernhard Reichow die auf den Individualverkehr zugeschnittene „autogerechte Stadt“ propagiert, die ökologische Aspekte und die Bedürfnisse nichtmotorisierter Verkehrsteilnehmer weitgehend ignorierte. Seit den 1990er-Jahren sind hierzulande Fahrradstädte en vogue. Bricht bald das Zeitalter der Fußgänger an?

Demnächst ein Treffen mit einem grünen Verkehrsexperten

Doch „weit ist der Weg, der Weg ist so weit“, sang einst der Barde Freddy. Zwar gibt es seit kurzem im Bezirk Mitte eine Fußgängerbeauftragte, doch der Verein habe es immer noch schwer, bei den politisch Verantwortlichen Gehör zu finden, bedauert Sonja Tesch: „Auf unseren, an Peter Tschentscher und Katharina Fegebank gerichteten Brief bekamen wir erst nach Monaten eine sehr allgemeine Antwort von der Zweiten Bürgermeisterin.“ Aber es gibt Hoffnung in der „Fahrradstadt Hamburg“: Demnächst trifft sich Fuss e.V. mit einem grünen Verkehrsexperten.

Platz da! : Der Verein „Fuss“ setzt sich in Hamburg für die Rechte der Fußgänger ein

von 04. Januar 2021, 08:49 Uhr

Die Hamburgerin Sonja Tesch ist von der ersten Stunde an dabei. Was die Fuss-Lobbyisten erreichen wollen.


Hamburg | Lobbyisten überall: Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft pampert die Airlines, der ADAC die Autofahrer, der ADFC ist das Sprachrohr der Radler – und die Fußgänger? Wussten Sie, dass die Freunde der umweltfreundlichsten Fortbewegung, des Gehens, auch einen Fachverband haben? Sonja Tesch ist die Hamburger Stimme von Fuss e.V. Gehwege we...

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Kommentare

  • 04.01.2021 | 09:43 Uhr
    Frank Bokelmann

    Fussgänger brauchen eine schlagkräftige Lobby

    In Hamburg werden seit jeher Fußgänger (und Radfahrer) nicht zum „fließenden Verkehr“ gezählt. Das und nicht die Bezeichnung „Nebenflächen“ für Bürgersteige ist ein riesiges Problem. Denn der fließende Verkehr wird überall (und in Hamburg sogar auf einer gesetzlichen Grundlage) besonders gefördert. Diese Förderung sollte eigentlich die Straßen davor bewahren, so zugeparkt zu werden („ruhender Verkehr“), dass sie für die Fortbewegung nicht mehr gut nutzbar sind. In der Praxis hat der Ausschluss der Fußgänger und Radfahrer auf dem Begriff „fließender Verkehr“ aber dazu geführt, dass der ruhende Verkehr von den Fahrbahnen auf die Bürgersteige gedrückt wurde, die dadurch zu wahren Hauptflächen der autogerechten Stadt wurden, schon weil Autos im Schnitt 23 Stunden am Tag stehen.

    Zugleich hat man die Radfahrer auf die ursprünglich den Fußgängern zugedachten und auch noch widerrechtlich teilweise für Parkplätze zweckentfremdeten Flächen geschickt. Wenn jetzt sogar Vertreter der Fußgänger fordern, man solle größere Verbotsschilder für Radfahren in Fußgängerzonen verwenden, zeigt sich die Verwahrlosung der Maßstäbe in ihrer ganzen Pracht. Radverkehr muss man in Fußgängerzonen nicht verbieten, weil Radfahren dort ohnehin verboten ist. Man muss sich nur überlegen, ob und ggf. warum und wann man einzelne Bereiche der Fußgängerzonen für den Radverkehr freigeben kann.

    Aber so ist das eben: wer der Radverkehr in der einen Hauptstraße auf für Radfahrer gänzlich ungeeignete Gehwege schickt, indem er sie Geh- und Radwege schimpft (so z.B. noch unter Rot-Grün(!!) in der Langenhorner Chaussee geschehen und nur ein Beispiel unter vielen), kann nicht ein paar hundert Meter weiter mit Erfolg argumentieren, dass die Radfahrer auf Flächen für Fußgänger nichts zu suchen hätten. Behörden, die dies versuchen, werden als Lügner wahrgenommen und ihre Informationen als Fake – und das völlig zu Recht.

    Daher macht in Hamburg seit Jahrzehnten der ADFC die beste Lobbyarbeit für die Fußgänger, indem er den Radverkehr zurück auf die Fahrbahnen bringt. Ein schwieriges Geschäft, aber es geht langsam voran. Gut wäre, wenn die Fußgänger ebenso präsent wären, was bisher aber nicht der Fall war, wenn ich lese, dass sich erst 2020 eine Landesgruppe des Fußgängervereins gründete.

    Viel Glück also den neuen Lobbyisten!

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