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Obdachlose in Hamburg : Der Gabenzaun am Hauptbahnhof: Aus einer Absperrung wird ein Wallfahrtsort

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Die Stadt wollte mit einem Zaun eigentlich Obdachlose fernhalten. Doch die Aktion entwickelt sich komplett anders.

shz.de von
erstellt am 02.Feb.2017 | 19:47 Uhr

Hamburg | Er war gedacht, um Obdachlose fernzuhalten. Doch deren Helfer drehten den Spieß um und machten aus dem Metallzaun am Hauptbahnhof einen „Gabenzaun. Seit Anfang der Woche hängen Menschen dort Plastiktüten mit Lebensmitteln und anderen Geschenken für Wohnungslose auf. Auf ihrer Facebook-Seite schreiben die anonymen Initiatoren ironisch:

 

Die Behörden hatten eine hüfthohe Mauer an der Ecke Kirchenallee/Steintordamm mit dem Metallgitter ummantelt, um Trinker fernzuhalten.  In den vergangenen Tagen folgten weitere Maßnahmen im Umfeld des Hauptbahnhofs, die Obdachlose das Verweilen erschweren. Zunächst ließ der Bezirk einen als Sitzplatz genutzten Betonsockel abtragen, dann die Bahn an der Rampe der Sicherheitswache eine Metallkante aus Sägezähnen anbringen. Wie berichtet, wurden diese „Trinker-Zacken“ inzwischen wieder entfernt. Am Mittwoch präsentierte Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) ein neues Reinigungskonzept für den Bahnhofsvorplatz.

<p>Die Spenden hängen in Beuteln am Zaun. Wer Hilfe braucht, darf sich bedienen.</p>

Die Spenden hängen in Beuteln am Zaun. Wer Hilfe braucht, darf sich bedienen.

Foto: Urbanshit
Auch wenn Politiker der rot-grünen Koalition es bestreiten: Kritiker sehen in der Häufung derartiger Maßnahmen das Ziel, missliebige Personen vom Hauptbahnhof zu vertreiben. Die Erfinder des „Gabenzauns“ reagierten Anfang der Woche auf ihre Weise. Sie brachten am Zaun Schilder an, auf denen unter anderem zu lesen stand: „Lieber obdachloser Mensch...bitte nimm dir, was du dringend brauchst vom Gabenzaun.“ Zugleich wurden Passanten aufgefordert zu spenden: „Gib, was du kannst, denn du schläfst heute in einem warmen Bett.“ Dazu gab es eine Liste mit Tipps, was gebraucht wird: Kleidung, Hygieneartikel, Essen, Bücher, Hunde-Zubehör.

 

Dutzende Menschen folgten dem Aufruf, packten ihre Gaben in Plastiktüten, schrieben drauf, was drin ist, und befestigten sie am Zaun. Binnen kurzer Zeit wurde aus der kaltherzigen Absperrung ein Wallfahrtsort der Solidarität und Hilfe. Etliche Obdachlose griffen zu.

Um so größer war am Donnerstag der Schreck, als Tüten und Schilder alle weg waren. Bezirk, Bahn und Stadtreinigung wiesen die Vermutung zurück, sie hätten den Zaun geräumt. Am späten Nachmittag hingen die nächsten Beutel. Kommentar auf der „Gabenzaun“-Facebook-Seite: „Danke dem kleinen Heinzelmännchen, der den Zaun heute wieder frisch bestückt hat.“

 

 
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