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Kindesmisshandlung in Hamburg : Der Fall Tayler: Die Sozialsenatorin will Regeln stärker durchsetzen

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Nach dem gewaltsamen Tod des vom Jugendamt Altona betreuten Tayler hält Hamburgs Sozialsenatorin Leonhard neue Kinderschutzregeln für unnötig. Entscheidend sei, Bestehendes anzuwenden, sagt sie.

shz.de von
erstellt am 22.Feb.2016 | 15:22 Uhr

Hamburg | Nach dem kritischen Bericht der Jugendhilfeinspektion über die Arbeit des Jugendamts Altona im Fall des kleinen Tayler dringt Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) auf strikte Umsetzung bestehender Regeln. „Die konsequente Anwendung dieser Regelungen hätte (...) möglicherweise zu anderen Entscheidungen geführt“, sagte Leonhard am Montag nach der Vorlage des Prüfberichts.

Der vom Jugendamt Altona betreute ein Jahr alte Tayler war am 19. Dezember 2015 mutmaßlich an einem Schütteltrauma gestorben. Gegen die 23 Jahre alte Mutter und ihren Freund wird wegen eines Tötungsdelikts ermittelt.

Grundlegend neue Regelungen halte sie für unnötig, sagte Leonhard. Die Rahmenbedingungen im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) seien gut und die Stellen zu 99 Prozent besetzt gewesen. Auch komme der Bericht zu dem Schluss, dass im konkreten Fall ausreichend Regeln vorhanden seien, erklärte Leonhard. Sie kündigte an, dass sie mit den Bezirksamtsleitern darüber sprechen werde, „wie diese sicherstellen, dass diese Prozesse auch wirklich an jedem Schreibtisch ankommen“.

In dem bereits am Wochenende bekannt gewordenen mehr als 50-seitigen Papier wirft die Jugendhilfeinspektion dem Jugendamt Altona und dem privaten Träger Rauhes Haus Versäumnisse vor. Einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Handeln des Allgemeinen Sozialen Diensts (ASD) und dem Tod des Kleinkindes sehen die Prüfer jedoch nicht. „Dennoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass eine sorgfältige und wiederholte Risikobewertung mit entsprechender Wirkung auf das jugendamtliche Handeln andere Bedingungen für die Sicherheit des Kleinkindes geboten hätte.“

Nachdem Tayler im August 2015 wegen eines Schlüsselbeinbruchs ins Krankenhaus gekommen war, bestand dem Bericht zufolge Einigkeit, dass das Kind vorerst in einer Pflegefamilie leben sollte. Doch schon im Oktober erhielt die 23-Jährige ohne weitere Überprüfungen Tayler zurück - obwohl die Umstände der Verletzungen Taylers weiter nicht geklärt waren. „Der positive Eindruck, den die Mutter in Gesprächen machte, hat offensichtlich das gesamte professionelle Handeln beeinflusst“, heißt es in dem Bericht. Für Sozialsenatorin Leonhard ist diese Entscheidung aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar.

Dem Bericht zufolge war die Sozialarbeiterin offensichtlich nicht davon ausgegangen, dass die Mutter oder deren Freund für die Verletzungen des Kindes verantwortlich sein könnten. „Unklar bleibt, wie sie zu der Einschätzung kam.“ Auch wurden wegen fehlender konkreter Absprachen nach Erklärungen der Mutter zum Zustandekommen von blauen Flecken an Taylers Kopf weder der ASD noch das Institut für Rechtsmedizin eingeschaltet.

Die Prüfer monierten auch eine schlampige Aktenführung, lückenhafte Dokumentation und fehlende Gesprächsprotokolle. Man habe „darauf verzichtet, das Kind in den Blick zu nehmen und einen tieferen Einblick in die Familie zu erhalten“. Aus dem Papier geht auch hervor, „dass Familienhelfer des privaten Trägers Rauhes Haus im November und Dezember insgesamt sechs Mal schwere Blessuren bei dem Kind sahen, ohne Alarm zu schlagen“.

Die genaue Todesursache - mutmaßlich ein Schütteltraume - steht noch nicht fest. Der dazu notwendige Obduktionsbericht soll Ende des Monats vorliegen. Durch ihn hoffen die Ermittler auch herauszufinden, wann genau die Tat geschah.

Altonas Bezirksamtsleiterin Liane Melzer (SPD) sagte mit Blick auf den Bericht: „Ich habe heute angeordnet, dass zukünftig in allen Fällen von Kindeswohlgefährdung eine kollegiale Beratung verbindlich erfolgen muss.“ Auch werde stärker auf die Dokumentation geachtet und geprüft, wie freie Träger dichter geführt und enger kontrolliert werden können.

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