Berufungsverhandlung : Der Becherwerfer von St. Pauli schweigt

Linienrichter Thorsten Schiffner (r) fasst sich neben St. Paulis Matthias Lehmann an den Kopf. Er bekam einen vollen Bierbecher an den Kopf.
Linienrichter Thorsten Schiffner (r) fasst sich neben St. Paulis Matthias Lehmann an den Kopf. Er bekam einen vollen Bierbecher an den Kopf.

Am 1. April 2011 wird ein Schiedsrichter-Assistent von einem vollen Bierbecher am Kopf getroffen. Der Täter wird zu einer Geldstrafe auf Bewährung verurteilt. In der Berufungsverhandlung schweigt der 46-Jährige. Eine Chronologie.

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17. Juni 2014, 06:43 Uhr

Hamburg | Auch im Berufungsprozess hat der Fußballfan, der bei einem Heimspiel des FC St. Pauli in Hamburg einen Becher gegen einen Schiedsrichterassistenten geworfen haben soll, keine Aussage gemacht. Der 46-Jährige stand am Dienstag erneut vor Gericht. Der Mann war 2011 wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 12.000 Euro - ausgesetzt zur Bewährung - und einer Geldbuße von 3000 Euro verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft und der Angeklagte legten Berufung ein. Die Kammer hörte am Dienstag Stadionbesucher, einen Ordner und Polizisten als Zeugen an. Sie konnten sich an das Geschehen vor drei Jahren kaum noch erinnern. Ein Stadionbesucher berichtete, wie er den Angeklagten bei dem Becherwurf gesehen habe. „Der Mann hat den Becher frustriert geworfen, wie so einen Aktenordner durchs Büro“, sagte der 56-Jährige. An viele Details habe dieser Zeuge keine Erinnerung mehr.

„Das Urteil hat mich damals erschüttert, weil so ein Frustwurf gefährliche Körperverletzung sein soll.“  Ein weiterer Stadionbesucher, ein 71-jähriger Rentner, sagte: „Ich habe den Becher aus den Augenwinkeln fliegen sehen.“ Wer der Werfer gewesen sei, habe er nur schlussfolgern können. Die Vorsitzende Richterin ließ eine Fernsehübertragung des Fußballspiels zeigen. Als der TV-Kommentator den Becherwurf scharf verurteilte, starrte der Angeklagte ausdruckslos vor sich hin.

Für den Familienvater geht es um mehr als den rein strafrechtlichen Aspekt: Dem FC St. Pauli ist durch den Becherwurf nach eigenen Angaben ein Schaden von über 400.000 Euro entstanden. Der Verein warte das Urteil ab und berate danach, ob er Schadensersatz fordere. Das teilte ein Sprecher vor Prozessbeginn mit. Ein Urteil wird für den 25. Juni erwartet.

Eine Chronologie des Falls:

Freitag, 1. April 2011: Schiedsrichter-Assistent Thorsten Schiffner wird von einem vollen Bierbecher am Kopf getroffen. Das Bundesligaspiel zwischen dem abstiegsgefährdeten FC St. Pauli und Schalke 04 wird von Referee Deniz Aytekin 90 Sekunden vor Abpfiff abgebrochen. Die Schalker führen zu diesem Zeitpunkt mit 2:0.

Freitag, 8. April 2011: Genau eine Woche später bestätigt das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes den Antrag des DFB-Kontrollausschusses: Der FC St. Pauli soll als Strafe das nächste Heimspiel gegen Werder Bremen am Ostersamstag ohne Zuschauer austragen. Der Verein hat bis zum Montag Zeit, gegen das Urteil Einspruch einzulegen und eine mündliche Verhandlung zu beantragen.

Freitag, 8. April 2011: Noch am gleichen Tag legt der FC St. Pauli gegen das „Geisterspiel“-Urteil Einspruch ein. Nach mehrstündigen Beratungen entschließt sich das Präsidium zum Widerspruch, der eine mündliche Verhandlung nach sich zieht.

Donnerstag, 14. April 2011: Glück gehabt: Die Kiezkicker müssen doch nicht das erste „Geisterspiel“ der Bundesliga-Geschichte bestreiten. Das Sportgericht des DFB verurteilt den Verein stattdessen, das erste Spiel der neuen Saison mindestens 50 Kilometer außerhalb Hamburgs auszutragen. Außerdem darf der Verein „nicht mehr als 12.500 eigene Fans zulassen“. Damit korrigiert das Gericht in Frankfurt/Main das Urteil aus erster Instanz. St. Pauli nimmt das Urteil ebenso wie der DFB-Kontrollausschuss an.

Samstag, 16. Juli 2011: Heimsieg auf fremdem Platz: Die Mission Wiederaufstieg ist gestartet. Wegen der Becherwurf-Affäre muss der FC St. Pauli in der Lübecker Lohmühle spielen, vor 10.093 Zuschauern. Dort gewinnen die Hamburger zum Auftakt der 2. Fußball-Bundesliga gegen den FC Ingolstadt mit 2:0 (0:0). Fabian Boll schießt beide Tore (51. und 69.). Nach Vereinsangaben führt das Spiel zu einem Verlust von 400.000 Euro.

Montag, 18. Juli 2011: Die Hamburger Staatsanwaltschaft klagt den mutmaßlichen Täter an. Der 44-Jährige soll sich wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Amtsgericht verantworten.

Dienstag, 29. November 2011: Prozessauftakt am Hamburger Amtsgericht: Die Staatsanwaltschaft wirft dem mutmaßlichen Bierbecherwerfer gefährliche Körperverletzung vor. Durch den Treffer im Genick leide der Schiedsrichter-Assistent unter anderem an einer Schädelprellung und starken Nacken- und Kopfschmerzen. Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen.

Mittwoch, 30. November 2011: Das Hamburger Amtsgericht fällt sein Urteil. Wegen gefährlicher Körperverletzung spricht es den damals 44-Jährigen schuldig und verwarnt den Mann. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass der Familienvater im Heimspiel des FC St. Pauli gegen Schalke 04 einen Bierbecher Richtung Linienrichter geworfen und damit eine Verletzung des 36-Jährigen billigend in Kauf genommen habe. Der Becherwerfer wird zu einer Geldstrafe von 12.000 Euro verurteilt, ausgesetzt auf zwei Jahre zur Bewährung. Außerdem kommt eine Geldbuße über 3000 Euro auf ihn zu, die er zur Hälfte an den Linienrichter und an die Sepp-Herberger-Stiftung des DFB zu zahlen hat. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Bewährungsstrafe von acht Monaten gefordert.

„Es handelt sich um eine ziemlich feige Tat“, sagt der Richter in seiner Urteilsbegründung. Der Schiedsrichterassistent habe keine Chance gehabt, den Becher abzuwehren. Der Angeklagte schweigt weiter zu den Vorwürfen, der Verteidiger erwidert: „Wir halten das Urteil für falsch und werden Rechtsmittel einlegen“.

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