Ortsbesuch : Das Alte Land – die Apfelwiege der Nation

Obst soweit das Auge reicht: Rund 20 Millionen Bäume wachsen im Alten Land.

Obst soweit das Auge reicht: Rund 20 Millionen Bäume wachsen im Alten Land.

Ende dieses Monats und damit zwei Wochen früher als normal beginnt die Apfelernte im Alten Land zwischen Hamburg und Stade – ein Besuch in Deutschlands größtem Obstanbaugebiet.

shz.de von
18. August 2018, 20:24 Uhr

Der mächtige Backsteinhof der Meyers liegt nur wenige Meter hinter der Stadtgrenze von Hamburg in Leeswig. Schon von weitem sind das alte Dach und der hohe Giebel sichtbar – Zeugen der lebendigen Tradition im Alten Land. Schon seit 1810 lebt und arbeitet die Familie im heute zu Jork gehörenden Dorf. Auf der Einfahrt zum Hof empfängt Gäste das Schild des Hofladens: „Zwetschgen, Johannisbeeren, Brombeeren, Sauerkirschen“ sind Anfang August frisch im Angebot. Hinter der weiten Hofscheune erwartet Henning Meyer Kunden, die im historischen Ambiente das ganze Jahr über Nachschub an frischen regionalen Früchten erhalten können. Direktvermarktung ist ein wichtiges Standbein der knapp 1000 Obstbauern in Deutschlands größtem Obstanbaugebiet.

Obst direkt vom Baum verkauft Henning Meyer im Hofladen.
Schumann

Obst direkt vom Baum verkauft Henning Meyer im Hofladen.

 

Auch die ersten wenigen Äpfel der neuen Saison liegen schon in einem Korb bereit. „Heute morgen haben wir ein kleines Probepflücken gemacht“, sagt der 54-Jährige. „Einige Delba Estival sind schon reif.“ Und wirklich schmecken die rot-grünen Äpfel richtig knackig, fest, nicht zu süß und nicht zu sauer. Eigentlicher Beginn der diesjährigen Ernte aber ist dann Ende August, Anfang September. Ein extrem früher Termin, bestätigt der gelernte Obstbauer. In normalen Jahren gehen die Pflücker nicht vor Mitte September in die endlosen Reihen der Apfelbäume, die gleich hinter dem Hof liegen – mit Bäumen, so weit das Auge reicht. Die Höfe an der Niederelbe sind sogenannte Hufendörfer, in denen das eigene Land direkt hinter den Wirtschaftsgebäuden liegt. „Im letzten Jahr haben wir am 16. September die ersten Elstar geerntet“, erinnert sich Meyer. „Nun werden wir mindestens zwei Wochen eher starten.“

Rekordsommer sorgt für frühe Reife

Der Grund: Der Jahrhundertsommer hat auch die Früchte im Alten Land schneller reifen lassen als üblich. Schon Beeren und Pflaumen waren zwei Wochen oder mehr eher erntereif als sonst. Äpfel und Birnen haben ihre idealen Reifegrade auch fast erreicht. Denn auch südlich der Elbe hat es in den letzten Monaten weniger geregnet als normal. Das fast südländische Klima tut den Äpfeln anders als Getreide oder Mais aber eher gut. Denn die feuchten Marschböden der Region versorgen die Bäume lange ausreichend mit Wasser und Nährstoffen. Die ohnehin milde Meeresluft mit üblicherweise etwa 1500 Sonnenstunden im Jahr wird nun durch noch mehr Sonne übertroffen, die die Süße- und Stärkeproduktion der Früchte fördern. Der sogenannte Sonnenbrand – braune, dann schwarze Stellen auf den Äpfeln, wenn die Hitze das Fruchtfleisch unter der Schale stark erwärmt und faulen lässt – mit dem viele Obstbauern im Alten Land zu kämpfen haben, ist für die Meyers kein Problem. „Zum Glück“, ist Franziska Meyer erleichtert, „denn mit unseren Sprenkleranlagen können wir unsere Bäume bewässern und das Obst kühlen und schützen.“

Trend süßen Äpfeln mit Biss

Die 25-jährige Franziska Meyer ist die dritte Generation der Familie, die mit ihrem vor wenigen Wochen erworbenen Meistertitel als Gärtnerin mit Fachrichtung Obstbau die Tradition des Obstbaus fortsetzt und in die Fußstapfen von Vater Henning und Großvater Rolf treten und sich um die 26,5 eigenen und 5,5 gepachteten Hektar voller Obstbäume kümmern wird. Die ältesten Bäume sind Birnbäume der Sorte Bürgermeister, die 1961 gepflanzt wurden und immer noch tragen. Apfelbäume werden in der Regel 20 bis 25 Jahre alt. „Wir bauen zwölf Sorten Äpfel an“, zählt die Nachwuchs-Obstexpertin zusammen. „Die meisten davon sind Elstar, gefolgt von Jonagold-Sorten wie Jonagored und Red Prince und Boskoop.“ Klassische Altländer Sorten wie Cox, Holsteiner Gloster, Ingrid Marie oder der einst beliebte Finkenwerder Herbstprinz bilden die Minderheit. „Danach fragen meist nur noch wenige ältere Kunden.“ Jüngeren Verbrauchern sind diese Äpfel meist zu klein und zu sauer. Sie zögen auch sogenannte Clubsorten wie den Kanzi vor, der seit einiger Zeit von Elbe-Obst stark vermarktet wird. Die Erzeuger- und Vertriebsorganisation in Jork wird von den meisten Höfen im Alten Land beliefert, auch von den Meyers. Von dort gehen die Äpfel dann nicht nur in viele deutsche Supermärkte, sondern bis nach Großbritannien und sogar nach Taiwan.

Die nächste Generation: Fransiska Meyer will den Obsthof übernehmen.
Schumann

Die nächste Generation: Fransiska Meyer will den Obsthof übernehmen.

 

Den Trend zu festen, eher süßen Äpfeln bestätigt auch Jörg Hilbers. Der Leiter des Beratungsteams Kernobst beim Obstbauzentrum Jork in Esteburg, das rund 1000 Obst anbauende Betriebe zwischen Schleswig-Holstein, Hannover und Oldenburg berät, sieht mehrere Strömungen: „Jüngere Verbraucher möchten einen süßlichen, crunchigen Apfel mit Biss“, so der Experte. „Und der Wunsch nach regionalen, ja lokalen Erzeugnissen hält ebenfalls an.“ Gesucht seien ferner Aromaäpfel wie der Wellant, von dem es im Alten Land derzeit etwa 200.000 Bäume gebe. Regelmäßige Veränderung müsse sein: Alljährlich würden im Alten Land 1,5 Millionen neue Bäume gepflanzt, so Hilbers. Dabei sei auch die Klimaveränderung von zunehmender Bedeutung: „Wir schauen bei der Beratung auf die Anpassungsfähigkeit und empfehlen deshalb gern widerstandsfähige, resistente Sorten. Alte Sorten wie der Holsteiner Cox sind für die Zukunft nicht geeignet, da sie Hitze nicht gut vertragen.“ Bei der Forschungseinrichtung testet man derzeit an mehr als 40.000 Bäumen etwa 300 verschiedene Sorten, um den Erzeugern Tipps für den Obstbau der Zukunft geben zu können.

Zahlen und Fakten

Im Alten Land wird auf mehr als 9100 Hektar sogenanntes Baumobst angebaut. Davon sind 1150 Hektar Bioproduktion. Offiziellen Zahlen zufolge liegt die Zahl der Obstbäume bei etwa 20 Millionen. Damit ist das Alte Land das größte Obstanbaugebiet Deutschlands. Davon haben die verschiedenen Apfelsorten mit fast 90 Prozent den größten Anteil. Vorn liegen Elstar (33% der Produktion), gefolgt von Jonagold und Co. (29%), Braeburn (11%) und Boskop (5,1%). Birnen liegen mit 3,2 Prozent weit dahinter. Hinzu kommen Kirschen und Zwetschgen. Statistiken zufolge kommt fast jeder dritte deutsche Apfel aus dem Alten Land.

Erstmals erwähnt wurde der Obstbau an der Niederelbe Quellen zufolge im Stadtbuch von Stade im Jahr 1312, das ein „Pomarium“, also einen Obstgarten am Kloster Sankt Georg nennt. Urbar gemacht wurde das frühere Sumpfland durch holländische Siedler, die vor etwa 900 Jahren die ersten Deiche im „Ole Land“ bauten und Entwässerungskanäle zogen.

Schon jetzt kommen aus dem Alten Land erstmals auch exotische Früchte wie Nektarinen oder Aprikosen, die einzelne Bauern in kleinen Mengen züchten. Laut Obstbauzentrum gibt es dazu eine vierstellige Zahl von Pfirsichbäumen. Eine Handvoll von ihnen steht auf dem Obsthof Meyer in Leeswig, geschützt vor Regen oder Hagel unter einem Dach. Tiefrot sind die Früchte und herrlich saftig. Ob es bald mehr werden? Franziska Meyer ist unsicher: „Pfirsiche bleiben noch lange die Ausnahme, glaube ich. Aber letzten Endes bestimmt der Verbraucher, was wir anbieten.“  Doch in den nächsten sechs Wochen kümmert sich die  Nachwuchs-Obstbäuerin erst einmal ganz um die Apfelernte 2018.

Tipp: Herbst im Alten Land

Anfang September beginnen traditionell die Altländer Apfeltage. Sie dauern bis zum Erntedankfest im November. Höhepunkt der verschiedenen Veranstaltungen rund um den Apfel ist der „Tag des offenen Hofes“: Am zweiten Wochenende im September laden zahlreiche Obsthöfe Besucher zu Obsthofführungen mit Kostproben ein. Die teilnehmenden Höfe findet man hier.
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