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Chuzpe und Schiffbruch, Risiko und Reichtum : Container-König und Ex-Senator Ian Karan: „Für mich gibt’s nichts Besseres als Hamburg“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Ian Karan spricht im shz.de-Interview auch über die Statur von Peter Harry Carstensen.

Hamburg | Ian Karan (77) kann eine Vorzeige-Karriere als Zuwanderer vorweisen: Erfolgsunternehmer, Kurzzeit-Wirtschaftssenator und Stifter. Im Gespräch bekennt er sich zu seiner Wahlheimat an der Elbe.

Herr Karan, Ihr Geburtsland Sri Lanka verließen Sie, um in England zu studieren und kamen dann nach Deutschland. Warum ausgerechnet Hamburg?
Ian Karan: Die Spedition Schenker in London, wo ich bis dahin tätig war, hatte mir zwar einen Job in Frankfurt angeboten, aber ein Freund empfahl mir: „So wie Du aussiehst, wird es nicht gut ankommen, wenn Du Hessisch babbelst. Such dir lieber etwas in Hamburg.“ Diese Entscheidung habe ich nie bereut. Die Stadt war sehr nett zu mir und hat mir meinen Aufstieg ermöglicht. Ich bin hier sehr glücklich mit meiner Familie, für mich gibt es nichts Besseres als Hamburg.

Beim Talk „Knut Terjung trifft…“ kam die Rede darauf, dass Sie Ihr Studium in London wegen Fehlzeiten abbrechen mussten. Wie kam es dazu?
Ich habe morgens in einem Restaurant geputzt und abends als Barmann in einem Club gearbeitet. Sie sehen, ich konnte damals schon einiges (lacht). Aber ich war immer müde und verschob die Vorlesung auf den nächsten Tag. So wird aus morgen übermorgen, und plötzlich sind es enorme Fehlzeiten. Schon im zweiten Semester war ich draußen. Aber ich bin ohnehin kein Akademiker, sondern jemand, der auf Handfestes baut. Theorie ist nicht unbedingt meine Sache. Gelernt habe ich aus Biographien von Menschen, die viel bewegt haben wie Napoleon, Winston Churchill oder der deutsche Geschäftsmann Tiny Rowland, der mit nichts nach England kam und dort ein großes Imperium aufgebaut hat.

Geboren wurde Ian Kiru Karan 1939 auf Sri Lanka. Mit 16 begann er ein Studium an der London School of Economics, arbeitete aber bald für die englische Niederlassung des Logistik-Unternehmens Schenker. 1970 kam  Karan nach Hamburg, wo er 1975 mit Clou Container sein erstes Unternehmen, gründete. Für sein gesellschaftliches, soziales, und kulturelles Engagement erhielt er 2007 das Bundesverdienstkreuz. Von August 2010 bis März 2011 war Ian Karan Wirtschaftssenator unter CDU-Bürgermeister Christoph Ahlhaus. Ian Karan ist verheiratet mit Barbara Karan und hat je zwei Kinder aus der ersten und der jetzigen Ehe.

Vom Tellerwäscher zum Multimillionär – ausgerechnet in Hamburg haben Sie amerikanische Klischee-Karriere gemacht?
Genau! Das ist auch in Deutschland möglich. Ich hatte noch keinen Job in Hamburg und arbeitete die ersten drei Monate als Tellerwäscher in einem vegetarischen Restaurant. In der Freizeit zwischen 15 und 18 Uhr putzte ich bei Firmen Klinken, um einen anderen Job zu finden. Schließlich bekam ich bei der Spedition Max Grünhut eine Stelle.

Wen haben Sie in Ihrem Leben bewundert, wer hat Sie inspiriert und motiviert?
Bei den deutschen Politikern ist es Angela Merkel. Ich finde sie ganz toll und freue mich, mit ihr am 15. Mai zu Abend zu essen. Sehr gern mag ich auch Peter Harry Carstensen. Er ist der geborene Landesvater und hat viel Humor. Ich hätte gern seine Statur! Mein berufliches Vorbild war Fritz Schröder, Inhaber von Max Grünhut. Er wusste mit wenigen Worten Menschen zu motivieren. Eines Tages wollte er mir den Dank einer kanadischen Firma weiterleiten, für die ich auf Englisch einen Bericht geschrieben hatte. Seine Sekretärin war nicht am Platz, also marschierte ich direkt ins Chefzimmer, wo mir der elegante Herr einen Sherry anbot, weil er mich für einen Kunden hielt. Irgendwann erschien die Sekretärin und raunte ihm wohl zu, dass ich nur ein unwichtiger Idiot aus irgendeiner Abteilung sei. Doch da er gern englisch sprach, wollte er jeden Donnerstag mit mir üben – bei Tee statt bei Sherry. Zwischen uns entwickelte sich Sympathie, und ich fing an, Karriere zu machen. Sehr schnell wurde ich Leiter der USA-Abteilung, wo ich zum ersten Mal mit Containern in Verbindung kam.

Ein paar mal im Leben haben Sie alles auf eine Karte gesetzt. Sind Sie eine Spielernatur?
Nein. Aber ich weiß, was ich will und bin bereit, Risiken einzugehen. Wie bei dem Chef eines Chicagoer Unternehmens, der nach Hamburg zur Beerdigung des deutschen Firmenleiters gekommen war und nun einen neuen suchte. Damals verdiente ich bei Grünhut 2500 D-Mark. Als mich der Mann aus Chicago fragte, wie viel ich bei ihm verdienen wollte, verlangte ich forsch: „10.000!“ Er war ein bisschen schockiert, aber ich sagte: „Sie kriegen einen guten Mann dafür!“ Drei Wochen später kam ein Telex mit der Bestätigung von 10.000 US-Dollar. Ich hatte keine Währung genannt, aber er hatte an Dollar gedacht. Das waren 24.000 D-Mark. Ich war saniert!

 

Sie haben auch Schiffbruch erlitten. Hatten Sie da zu hoch gepokert?
Einen herben Rückschlag erfuhr ich 1993. 1975 hatte ich mich selbstständig gemacht in der Container Leasing-Branche und eine Firma aufgebaut mit 102.000 Containern. Damit waren wir die Nummer 10 weltweit. Ein Konkurrent wollte die Firma kaufen. Ich übertrug ihm alles, aber er „vergaß“ zu zahlen. Mein Gewinn wären 21 Millionen US-Dollar gewesen. Am Ende erhielt ich davon etwa 30 Prozent. Ich wollte nicht jahrelang prozessieren, sondern den Streit beilegen, um mich auf einen Neuanfang konzentrieren zu können. Allerdings war ich verschuldet und musste sogar mein Haus verkaufen. Mit den 30 Prozent und einem großartigen Partner fing ich ganz neu an, und innerhalb von zehn Jahren wuchs die Firma von null auf Nummer sieben in der Welt mit 520.000 Containern, umgerechnet 1,4 Milliarden US Dollar Investitionskapital. Die Firma habe ich dann direkt vor der Pleite der Lehman Brothers an zwei Banken verkauft. Und diesmal hat mein Anwalt sichergestellt, dass das Geld vor der Schlüsselübergabe auf meinem Konto war.

Wie sehen Sie die Zukunft der Schifffahrt-Branche?
Die Entwicklung ist sehr traurig, ein Ende nicht in Sicht. Die Überkapazität ist schlimm, hauptsächlich deutschen Investoren und Banken wie der HSH Nordbank geschuldet, die freiwillig viel Geld geliehen haben. Und die Reeder haben gekauft ohne Ende. Jetzt gehen sie links und rechts Pleite, und die Banken in Hamburg und Schleswig-Holstein müssen Milliarden abschreiben. Zur Rettung der Schifffahrt müssten viele Schiffe außer Dienst gestellt und die Weltwirtschaft gesteigert werden. Man fürchtet aber, dass Präsident Trump die Importe nach Amerika drosselt und es wieder eine Überkapazität geben wird. Für Deutschland wird es dann sehr schwierig werden, weil die USA das Hauptimportland für Pkws sind. Wir selber haben einiges investiert in Spezialcontainer, die alle langfristig vermietet sind. Wir kaufen seit drei Jahren nichts mehr, sondern warten den Markt ab. Aber ich sehe noch kein Licht am Ende des Tunnels.

Und wie sieht es mit dem Hamburger Hafen als Containerumschlagplatz aus?
Viele glauben, dass wir einen Hafen auf hoher See haben. Aber in Wahrheit sind wir ein Binnenhafen. Die Schiffe sind größer geworden und brauchen mehr Tiefe und Breite. Das Problem ist der Begegnungsverkehr. Nicht überall können zwei Schiffe aneinander vorbeifahren. Wenn die Reedereien einmal anfangen, ihre Fahrpläne zu ändern, um Hamburg zu vermeiden, dann wird es sehr schwierig sein, sie zurückzugewinnen. Zum Glück sind 30 Prozent der Ladung, die über Hamburg läuft, auch für Hamburg bestimmt. Das ist noch ein Anreiz für Reeder, den Hafen anzusteuern. Trotzdem muss man jetzt anfangen, auf Hafen-affine Industrien zu setzen, um nicht nur auf Umschlag angewiesen zu sein und Arbeitsplätze für die 160.000 Hafenarbeiter zu schaffen. Da ist die Politik gefragt, in Zusammenarbeit mit Schleswig-Holstein und Niedersachsen neue Ideen zu entwickeln. Leider sitzt Hamburg aber manchmal auf einem hohen Ross.

Wo setzen Sie in Ihrer Ian und Barbara Karan-Stiftung die Schwerpunkte?
Wir haben auf der Halbinsel Jaffna im Norden von Sri Lanka ein Internat für 160 Kinder des Hartley College wieder aufgebaut, das im Krieg zerstört wurde. Als Vollwaise habe ich selber dort gewohnt. Es gibt weitere Pläne für Sri Lanka. Ansonsten kümmert sich die Stiftung zu 80 Prozent um Projekte in Hamburg. Ich will nicht die Welt verbessern, sondern vor der eigenen Haustür kehren. Die Stiftung legt Wert auf Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch Sprachförderung. Ich selber habe erfahren, dass die Sprache der Schüssel dazu ist, um eine fremde Kultur zu verstehen und Teil von ihr zu werden.

Ian Kiru Karan...persönlich
Am besten entspanne ich... in meinem großen Garten in Wellingsbüttel.

Den schönsten Blick genieße ich... auf die Außenalster direkt vor der Tür unseres Firmengebäudes.

Fit halte ich mich... mit Tennis und Golf. In England habe ich auch Cricket gespielt. Der HSV hat ein Cricket-Team, das ich als damaliger Aufsichtsrat unterstützt habe.

In meiner Freizeit höre ich... sehr gern klassische Musik von Mozart bis Debussy. Ich gehöre zum Freundeskreis Elbphilharmonie und zur Gesellschaft der Freunde von Bayreuth.

Meinen nächsten Traum... erfülle ich mir auf einer Reise zum Südpol. Dort wollen meine Frau und ich ein Expeditionsschiff besteigen.

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erstellt am 29.Apr.2017 | 10:00 Uhr

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