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Kindesmisshandlung in Hamburg : Chronik des Falls Tayler: Sozialsenatorin kritisiert erneut Jugendamt

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Im Dezember starb der einjährige Tayler mutmaßlich am einem Schütteltrauma. Jugendamt und Sozialarbeiter gerieten in die Kritik. Nun meldet sich die zuständige Abteilungsleiterin des ASD zu Wort.

shz.de von
erstellt am 25.Feb.2016 | 16:11 Uhr

Hamburg | Der Tod des einjährigen Taylers löste große Bestürzung aus. Der kleine Junge war im Dezember gestorben, vermutlich an den Folgen einer Misshandlung. Möglicherweise wurde er so stark geschüttelt, dass er ein tödliches Schütteltrauma erlitt. Nicht nur der 23-jährigen Mutter des Kindes und ihrem Lebensgefährten werden Vorwürfe gemacht, auch das Jugendamt Hamburg-Altona muss sich der Kritik aussetzen. Die Familie war dem Amt bekannt. Die zuständige Abteilungsleiterin weist die Vorwürfe allerdings zurück.

Der Fall Tayler ist nicht der erste Fall der Kindesmisshandlung in letzter Zeit, wegen dem das Jugendamt Hamburg in die Kritik geriet. Nicht nur die Todesursache des Kindes ist noch nicht abschließend geklärt. Auch über Verantwortlichkeiten und eventuelle Versäumnisse der zuständigen Ämter wird noch diskutiert. Einige Politiker und Bürger fordern Kosequenzen.

Der kleine Tayler und seine Familie werden dem Amt zuerst im August 2015 bekannt.

August 2015

Tayler kommt mit einem Schlüsselbeinbruch ins Krankenhaus, und das Jugendamt wird eingeschaltet. Nach Aussagen der damals 22-jährigen Mutter aus Altona-Nord war sie gemeinsam mit dem Kind von einem Trampolin gestürzt. Es wird beschlossen, dass das Kleinkind zunächst in einer Pflegefamilie leben soll.

21. August 2015

Das „Rauhe Haus“ Hamburg übernimmt die sozialpädagogische Betreuung der Familie. Die Sozialpädagogen stellen in den folgenden Monaten fest, dass sich die Mutter liebevoll um ihre Kinder kümmert. Tayler hat noch einen älteren Bruder. Aufgrund der guten Entwicklung wird die Betreuung reduziert.

Oktober 2015            

Der Verdacht der Misshandlung gegen Taylers damals 22-jährige Mutter hat sich nicht erhärtet, und sie erhält ihr Kind zurück. Inzwischen besteht der Vorwurf, dass die Überprüfung der Familie und Situation nicht ausreichend war.

11.  Dezember 2015        

Eine erfahrene Sozialpädagogin des „Rauhe Haus“ besucht die Familie. Sie stellt blaue Flecken bei Tayler fest und schreibt sie „wachsender Mobilität“ zu. Der kleine Junge habe Stehen und Laufen geübt und sei dabei auch immer wieder hingefallen. Die Familienhelfer des „Rauhe Haus“ haben im November und Dezember sechsmal Blessuren bei dem Kind festgestellt, ohne Alarm zu schlagen. Da das Jugendamt keine konkrete Kindeswohlgefährdung sah, haben die Betreuer keine stringente Berichtspflicht.

12. Dezember 2015

          

Tayler wird lebensgefährlich verletzt ins Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gebracht und notoperiert.

18. Dezember 2015         

Die Öffentlichkeit erfährt vom Fall Tayler und reagiert geschockt.

19. Dezember 2015            

Tayler stirbt in Hamburg. Gegen die 23-jährige Mutter und ihren Freund wird wegen eines Tötungsdelikts ermittelt. Beide werden vorläufig festgenommen, aber bald wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Voraussetzungen für einen Haftbefehl sind nicht gegeben. Taylers älterer Bruder wird in Obhut genommen.

 

Die Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) fordert Aufklärung. Sie gesteht ein, dass es in Hamburg bezüglich Kindstötungen offenbar ein Problem gibt, hält bestehende Reglungen allerdings für ausreichend. Leonhard kritisiert indirekt das „Rauhe Haus“ und kündigt an, den Fall extern überprüfen zu lassen.

21. Februar 2016                

Rund zwei Monate nach dem gewaltsamen Tod des einjährigen Tayler wirft die Jugendhilfeinspektion dem betreuenden Jugendamt Hamburg-Altona Versäumnisse vor. Eine „sorgfältige und wiederholte Risikobewertung“ hätte „andere Bedingungen für die Sicherheit des Kleinkindes“ bieten können, heißt es in dem Bericht der staatlichen Prüfer, der „Spiegel Online“ nach eigenen Angaben vorliegt. Allerdings konnten die Prüfer „keinen unmittelbaren Zusammenhang“ zwischen Taylers Tod und der Arbeit des Jugendamts feststellen.

25. Februar 2016         

Der Kinder- und Jugendausschuss der Bürgerschaft berät über den Sachstand im Fall Tayler. Sozialsenatorin Melanie Leonhard dringt auf das Einhalten von vorhandenen Regeln, hält aber weiterhin neue Regelungen nicht für notwendig. Der Opposition genügt das nicht, sie fordert, dass der politischen Verantwortung für den Tod des Jungen auf den Grund gegangen wird.

Wie die Morgenpost berichtet, geht außerdem die Abteilungsleiterin der zuständigen Abteilung des Jugendamts Altona in die Offensive: Frau Ewers hat in einem Schreiben an alle ASD-Kollegen der Stadt ihre Mitarbeiter in Schutz genommen. Laut der Mopo weist sie Vorwürfe zurück, nach denen ihre Mitarbeiter Regeln missachtet hätten. Sie fühle sich auch von der Bezirksamtleiterin Liane Melzer im Stich gelassen. Im Fall Tayler habe es viele Schuldzuweisungen gegeben und vom Bezirksamt keine Richtigstellung. Melzer habe auf einer Pressekonferenz die Mitarbeiter des ASD mit einer Äußerung sehr verärgert.

Die Bezirksamtleiterin hatte mit Blick auf den bald erwarteten Obduktionsbereicht gesagt: „Ich habe […] angeordnet, dass zukünftig in allen Fällen von Kindeswohlgefährdung eine kollegiale Beratung verbindlich erfolgen muss.“ Laut Ewers sei die Anordnung überflüssig, diese Vorgehensweise sei eine Selbstverständlichkeit und die Beratung wurde auch im Fall Tayler zweimal durchgeführt.

Laut der Mopo bemängelt Ewers noch eine weitere Äußerung der Bezirksamtleiterin. Es sei falsch, dass die Arbeitsbelastung im Amt Altona nicht akut sei. Nach der Personalbemessung bräuchte die Abteilung 14,5 Stellen, davon seien aber aktuell nur 11,1 besetzt.

26. Februar 2016

Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) kritisiert erneut die Arbeit des Jugendamts Altona scharf. „Offenbar haben manche ein Problem damit, neue Regeln für sich anzunehmen. Das muss sich ändern. Alle in der Jugendhilfe - vom Mitarbeiter bis zur Führungskraft - müssen dafür sorgen, dass Regeln bekannt sind und befolgt werden“, sagt sie der „Bild“-Zeitung Freitag. Gleichzeitig kündigt die Senatorin an: „Wir werden die Jugendämter künftig deutlich mehr daraufhin kontrollieren, ob umgesetzt wird, was verabredet ist.“

 

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