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Interview mit Pastor Sieghard Wilm : Christliche Trauerfeier für IS-Anhänger in Hamburg sorgt für Zündstoff

vom

Ein 17-jähriger Hamburger schließt sich dem IS an und stirbt. Nun findet ein christlich-muslimisches Gedenken für ihn statt. Das sorgt für Diskussionen. Der Pastor äußert sich im Interview zur Kritik.

shz.de von
erstellt am 26.Mai.2016 | 11:26 Uhr

Hamburg | Die Vorstellung von einem vermeintlich heroischen Kampf im Namen Gottes lockt den jungen Hamburger Florent im Mai 2015 zur Terrormiliz Islamischer Staat nach Syrien. Doch schnell muss er erkennen, dass die Realität im Kampfgebiet ganz anders aussieht. Er warnt seine Glaubensbrüder in Deutschland vor dem IS und seinem Umgang mit westlichen Rekruten. „Die schicken die Brüder einfach in den Tod“, sagt der 17-Jährige in einer Audiobotschaft. Im Juli stirbt Florent, die Umstände sind unklar. Knapp ein Jahr später soll an diesem Freitag bei einer christlich-muslimischen Trauerfeier in der evangelischen St. Pauli Kirche an ihn erinnert werden.

Bundesweit reisten nach Erkenntnissen der Behörden 820 Personen aus, um in die Bürgerkriegsgebiete in Syrien und Nord-Irak zu gelangen (Hamburg: 65). Etwa ein Drittel davon kehrte zurück. Bei 140 Ausgereisten gibt es Hinweise, dass sie tot sind. Darunter sollen nach Behördenangaben 15 aus der Hamburger Szene sein.

Die Meinungen darüber gehen auseinander, auch in den sozialen Netzwerken sorgt die Ankündigung für Diskussionsstoff. „Ich bin schon öfter kritisch angegangen worden, wie ein Pastor eine Trauerfeier für einen Terroristen machen könne“, berichtet Pastor Sieghard Wilm in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Er habe aber auch Zuspruch erhalten, erklärt der 50-Jährige, der Florent seit Jahren kannte.

Interview

Was sagen Sie Ihren Kritikern?

„Wir verweigern uns nicht dieser schwierigen Situation. Uns stehen als Menschen nicht die letzten Urteile zu, die stehen Gott alleine zu. Auch gedenken wir selbstverständlich aller Opfer von Terror und Gewalt.(...) Ich kann Ihnen als Pastor auf St. Pauli sagen, dass ich auch schon mehrere Mörder zu Grabe getragen habe. Sie können keine Grenze ziehen. Ein Mensch bleibt ein Mensch. Auch ein Mensch, der sich verfehlt hat. Auch so ein Mensch hat Angehörige, die um ihn trauern. Die Mutter braucht die öffentliche Trauer, sie kann das nicht mit sich selbst abmachen im stillen Kämmerlein. Es gab aber auch Verständnis für diese Entscheidung, dass die Kirche einen geschützten Raum anbieten will für die Trauer der Familie und Freunde, und dass sie ein Lernort sein will für den Respekt der Religionen untereinander.“

Besteht nicht die Gefahr, bei dem Gottesdienst ein zu schönes Bild dieses 17-Jährigen zu zeichnen, der für den IS in den Kampf ziehen wollte?

„Nein, er wird nicht idealisiert. Die ganze Gebrochenheit seines Lebens wird auch benannt. Es ist ein Irrweg, den er gegangen ist. Ich werde das aussprechen. Sein Leben von verschiedenen Seiten anzuschauen, muss möglich sein, auch bei jemandem wie Florent, der zum IS gegangen ist. Es ist ganz wichtig, in beide Richtungen nicht zu verfallen: Das Dämonisieren ist genauso unangemessen wie das Idealisieren.“

Der Junge wurde christlich getauft, konvertierte mit 14 Jahren zum Islam. Wie wollen Sie damit bei dem Totengedenken umgehen?

Die Familie ist christlich, legt darauf auch Wert und kann im christlichen Gott Trost finden. Nach christlicher Auffassung bleibt ein Mensch, der getauft wurde, mit Gott verbunden - auch wenn er Dinge tut, die Gott nicht mag. Gottes Treue gilt auch, wenn wir als Menschen untreu sind. (...) Ich ignoriere dabei nicht, dass der Junge selbst den Weg in den Islam gegangen ist, aus diesem Grunde nehme ich den Imam Abu Ahmed Jakobi dazu, der mein volles Vertrauen genießt. Er wird im selben Sinne wie ich sagen, dass wir an einen Gott des Friedens glauben. Wir wollen das Zeichen setzen: Gewalt darf mit Religion nichts zu tun haben. Natürlich hoffen wir auch, dass wir für alle Jugendlichen eine Warnung aussprechen.“

Welche Bedeutung hat die Audiodatei, die Florent kurz vor seinem Tod verschickte, für seine Familie?

„Es ist ein Trost für die Mutter, dass es diese Audiodatei gibt. Sie gibt darüber Auskunft, dass Florent bereut hat. Er hat erkannt, dass er einen Irrweg gegangen ist, er kritisiert den Salafismus, ohne als Kämpfer ausgebildet worden zu sein. Es deutet sehr viel darauf hin, dass er vom IS selbst umgebracht wurde, weil er eben kritisch war. Es gibt einige junge Menschen, die deutlich gewarnt worden sind durch dieses traurige Schicksal.“

Wie haben Sie Florent kennengelernt?

„Ich kenne Florent aus unserem Stadtteil, in dem wir Jugendsozialarbeit machen. Als ich ihn das erste Mal traf, war er elf Jahre alt, er war ein Freund unseres damaligen türkischen Pflegesohns. Ich kenne Florent als einen sehr fröhlichen, lebenslustigen Jungen. Er war eines der Kinder, das unsere Angebote sehr angenommen hat. Ob Theater oder Kletteraktion, überall war er mit dabei.“

Haben Sie mitbekommen, wie sich Florent immer stärker radikalisierte?

„Verändert hat er sich sehr deutlich, als er 14 Jahre alt wurde. Plötzlich trug er gerne weiße Schlabberkleidung. Sehr einschneidend war natürlich die Ankündigung: ,Ich heiße nicht mehr Florent, ich heiße Bilal‘. Es gab auch eine Problemanzeige in der Schule. Denn es gab einige Jungs, die sich so radikalisierten, und anfingen, Mädchen, die kein Kopftuch trugen, zu beschimpfen. (...) Mit Florent wurden mehrere Gespräche geführt. Er hatte dann eine Phase, in der er sich unauffällig kleidete. Ob das einfach nur eine Anpassung war, überlegt man natürlich im Nachhinein.“

Hatten Sie weiterhin Kontakt zu ihm?

„In dem Moment, in dem die Jugendlichen in der Salafisten-Szene waren, war es klar, dass sie nicht mehr in das Jugendhaus durften. Denn es ist ja ein Ort, an dem sich Jungs und Mädchen treffen - und das ist aus Sicht der Salafisten verboten. Ich habe Florent nie mehr alleine auf der Straße gesehen, sondern immer in der Gruppe. Die passen alle gegenseitig aufeinander auf. Wenn wir uns in der Fußgängerzone gesehen haben, gab es immer einen kurzen Austausch von Höflichkeiten. Aber es war klar, dass er sich von mir und seinem früheren sozialen Umfeld entfremdet hatte. Man kam nicht mehr an ihn heran.

Zur Person Sieghard Wilm

Sieghard Wilm (50) wurde in Bad Segeberg geboren, studierte in Hamburg, Heidelberg und Ghana Evangelische Theologie und Ethnologie. Seit 2002 ist er Pastor der St. Pauli Kirche in Hamburg, dabei auch verantwortlich für die Jugendsozialarbeit. 2013 machte Wilm bundesweit Schlagzeilen, als er die St. Pauli Kirche vorübergehend zur Notunterkunft für gestrandete Flüchtlinge aus Afrika erklärte.


Rückblende: Wie aus Florent „Bilal“ wurde

Der in Kamerun geborene Florent kommt als Kleinkind nach Deutschland. Er stammte nach Angaben des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz (LfV) aus einer christlichen Familie, konvertiert aber mit 14 Jahren zum Islam. Er radikalisiert sich zunehmend, schaut IS-Gewaltvideos und kleidet sich anders. Der Jugendliche möchte nun nicht mehr Florent genannt werden, sondern „Bilal“. In der Schule hätten er und einige andere Jungen Mädchen, die kein Kopftuch trugen, beschimpft, erinnert sich Pastor Wilm.

Schließlich verlässt Florent Hamburg, um sich dem IS anzuschließen. „Wir wissen nicht, wann er gestorben ist, nicht durch wen und wo“, sagt Wilm, der die Trauerfeier zusammen mit einem Imam hält. Bis heute wurde keine Leiche gefunden. Nach Angaben des Verfassungsschutzes mutmaßt ein Teil der salafistischen Szene, dass der IS selbst „Bilal“ umbrachte. Der Inhalt seiner Audiodatei werde in der islamistischen Szene diskutiert und zwar in alle Richtungen, erklärt Verfassungsschutz-Sprecher Marco Haase. „Bei der Analyse bestimmter Postings gibt es schon Anhaltspunkte dafür, dass sich manche Ausreisewillige die Sache noch einmal überlegen könnten.“

Florent war im Stadtteil St. Pauli sehr bekannt, in der Kirche werden deshalb am Freitag viele junge Menschen erwartet. „Die wollen trauern, die sitzen auf ihrer Trauer fest seit fast einem Jahr“, sagt Wilm. Auch Florents Mutter werde zu der Gemeinde sprechen. „Das halte ich für sehr mutig und einen wichtigen Schritt in ihrer eigenen Trauerarbeit.“ In seiner Rede will der Theologe an den Jungen erinnern. „Ich möchte natürlich den Menschen Florent, den ich kennengelernt habe, vor Augen führen“, erklärt er. „Ich möchte sprechen über das Verführtwerden, darüber dass man im Leben Fehler machen kann und trotzdem Mensch bleibt.“

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