zur Navigation springen

Streik des Sicherheitspersonals : Chaos am Hamburger Flughafen: Passagiere müssen draußen bleiben

vom

In Hamburg mussten Reisende wegen eines Warnstreiks stundenlang warten – teilweise vor dem Terminal. Was Sie wissen müssen.

Hamburg/Berlin | Ein Warnstreik des Sicherheitsgewerbes hat den Hamburger Flughafen am Montag nahezu lahmgelegt. Tausende Passagiere mussten umbuchen oder nahmen stundenlange Wartezeiten vor ihrem Abflug in Kauf. Weil sich mehr als 5000 Reisende am Morgen in den Terminals aufhielten, wurden die Gebäude rund zwei Stunden lang von Polizisten abgeriegelt. „Wir hatten noch nie die Situation, dass wir Gebäude schließen mussten. Das ist das erste Mal in der 103-jährigen Geschichte des Flughafens“, sagte Airport-Sprecherin Stefanie Harder.

Draußen vor den mit rotem Band versperrten Eingängen warteten resignierte und verzweifelte Touristen, in den Terminals 1 und 2 drängelten sich die Menschen dicht an dicht in den endlos erscheinenden Schlangen. Helfer verteilten Wasser - und immer wieder kam die Durchsage, es sei mit Verzögerungen bei der Abfertigung von vier Stunden zu rechnen. Nur drei der 24 Schleusen für den Sicherheits-Check waren am Montagvormittag geöffnet, nach dem Schichtwechsel um 13 Uhr stand dann nur noch eine Kontrollspur zur Verfügung.

Umso erstaunlicher fand es Harder, dass die Gäste „so ruhig“ bleiben und „brav“ in der Schlange standen. „Alle nehmen das hin, es wird nicht rumgepöbelt, keiner ist ausgerastet“, schilderte auch Erhard Dygutsch (74) aus Neumünster vor seinem geplanten Türkei-Urlaub. Man kenne ja auch die Beweggründe der Streikenden. „Aber wenn ich mir vorstelle, dass die jetzt vor dem Fernseher sitzen und ich hier in der Schlange stehe, kommt ein bisschen Unmut auf.“

Etwa 40.000 Passagiere waren dem Flughafen zufolge insgesamt von dem Ausstand betroffen. Von den mehr als 400 An- und Abflügen wurden mehr als 150 gestrichen, vor allem vom Nachmittag an. Dann konnten nur ein bis drei Sicherheitskontrollen offen gehalten werden. „Passagiere sollten nicht mehr zum Flughafen kommen“, sagte eine Sprecherin am Nachmittag, als die Wartezeit immer noch vier bis fünf Stunden betrug. „Sie werden ihre Flüge nicht mehr erreichen.“ Der Flughafen stellte sich für Dienstag auf zusätzliche Reisende ein.

Wegen des Streiks stellte der Hamburger Flughafen am Montagabend 50 Feldbetten für gestrandete Passagiere auf. Zunächst seien die Betten jedoch nicht genutzt worden, sagte eine Flughafen-Sprecherin. „Die meisten Gäste gehen lieber in ein Hotel.“

Verdi hatte am Flughafen rund 900 Sicherheitskräfte zum Ausstand aufgerufen. Ebenfalls rund 900 Beschäftigte der Bodenverkehrsdienste wie Belader und Reinigungskräfte schlossen sich an. Ein Protestzug mit mehreren hundert Streikenden zog nach Verdi-Angaben mittags durch die Innenstadt.

Am Dienstag soll der Betrieb wieder normal laufen. Das teilte eine Flughafensprecherin mit. Weitere Arbeitsniederlegungen waren nicht angekündigt worden. Am Mittwoch soll in Hamburg wieder verhandelt werden.

Der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) warf der Gewerkschaft Verdi vor, erneut unschuldige Passagiere zu schädigen.

Auch Stuttgart war massiv von dem Streik betroffen. Lediglich in Hannover hatte der Streik nach Angaben eines Flughafensprechers so gut wie keine Auswirkungen. Dort demonstrierten Dutzende Mitarbeiter mit Trillerpfeifen, Fahnen und Transparenten.

Grund für den Ausstand sind festgefahrene Tarifverhandlungen um mehr Lohn. Verdi fordert je nach Bundesland und Beschäftigtengruppe 0,70 Euro bis 2,50 Euro mehr Lohn in der Stunde. Aus Sicht der Dienstleistungsgewerkschaft leisten „die Beschäftigten der Personen-, Fracht- und Warenkontrolle an den Flughäfen jeden Tag eine anstrengende und verantwortungsvolle Arbeit“, die besser entlohnt werden müsse.

BDSW-Verbandschef Harald Olschok warf Verdi vor, mit falschen Zahlen zu operieren. Die Arbeitgeber seien bereit, die Stundenlöhne der Luftsicherheitskontrolleure in Niedersachsen um 6,13 Prozent, in Hamburg um 6,4 Prozent und in Baden-Württemberg um 3,53 Prozent zu erhöhen.

Die Fluggesellschaft Germanwings verlangte „klare Spielregeln für den Ablauf von Arbeitskämpfen“. Streiks schadeten dem Luftverkehrsstandort, der sich in einer kritischen Wettbewerbssituation befinde. Der Flughafenverband ADV sprach von einer Zumutung für die Passagiere. „Ein zwingendes Schlichtungsverfahren ist dringend erforderlich“, verlangte ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel.

Verdi-Vertreter Peter Bremme sprach in Hamburg allerdings von einem „notwendigen Paukenschlag“ und einer „grandiosen Streikbeteiligung“. Er erwartet bei der Tarifrunde am Mittwoch eine Bewegung bei den Arbeitgebern.

In Nordrhein-Westfalen war jüngst ein Tarifabschluss erzielt worden. Im Bewachungs- und Sicherheitsgewerbe sind in Baden-Württemberg rund 19.000 Menschen beschäftigt, in Hamburg 8000 und in Niedersachsen schätzungsweise rund 7000 Mitarbeiter.

Auf Twitter machten Passagiere am Montag ihrem Ärger Luft:

Andere berichten von den Zuständen rund um den Hamburger Flughafen:

Fragen und Antworten:

Wann darf ich einen Flug aufgrund eines Streiks kostenlos stornieren?

Um ihren Flug kostenlos stornieren zu können, müssen Fluggäste sich zunächst an die Airline wenden: „Sie muss Gelegenheit bekommen, eine Ersatzbeförderung zu organisieren“, erläutert Reiserechtsexperte Paul Degott aus Hannover. Sie ist dazu verpflichtet, diese schnellstmöglich anzubieten. Erst wenn sie das nicht tut, kommt eine kostenlose Stornierung in Betracht. „Wichtig ist jedoch, dass die Kunden diese Aufforderung belegen können, wenn sie später stornieren wollen oder auf eigene Faust eine Ersatzbeförderung organisieren.“ Daher fordern Betroffene diese am besten schriftlich ein. Kümmert sich die Airline nicht, sei das anhand eines E-Mail-Verkehrs leichter zu belegen als bei einem Telefonat. Bei einem Gespräch am Schalter kommt auch eine schriftliche Bestätigung durch die Mitarbeiter in Betracht.

Wie lange muss ich am Flughafen auf eine Ersatzbeförderung warten?

Grundsätzlich müssen Fluggäste in Kauf nehmen, dass es auch bei der Ersatzbeförderung zu einer Verzögerung kommt, so Degott. Allerdings müsse die im Verhältnis zur Flugdauer stehen. Auf ein Ende des Streiks sollten sich Flugreisende am Freitag jedenfalls nicht vertrösten lassen. Wem das Warten auf eine angekündigte, aber nicht erfolgte Ersatzbeförderung zu lang wird, kann nach einer angemessenen Frist immer noch seinen Flug stornieren. Damit ist die Airline jedoch aus allen Pflichten entlassen. Und ob die Gäste auf eigene Faust schneller oder zum gleichen Preis ans Ziel kommen, ist keineswegs sicher. Organisiert die Airline hingegen die Ersatzbeförderung, muss sie auch eventuelle Mehrkosten übernehmen.

Welche Ansprüche habe ich, wenn ich am Flughafen strande?

Die Fluggesellschaft muss gestrandete Kunden betreuen. Die Leistungen gemäß der EU-Fluggastrechteverordnung sind unabhängig davon, ob das Unternehmen für die Verspätungen oder Ausfälle von Flügen verantwortlich ist. Passagiere haben Anspruch auf Essen und Getränke, meist erhalten sie dafür Gutscheine. Verschiebt sich der Flug auf einen anderen Tag, muss die Airline die Übernachtung in einem Hotel übernehmen. Das ist für den Ausstand morgen jedoch nicht zu befürchten.

Habe ich Anspruch auf eine Entschädigung?

Normalerweise steht Reisenden bei einem Flugausfall oder massiven Verspätungen laut der EU-Fluggastrechte-Verordnung eine Ausgleichszahlung zu. Das gilt jedoch nach derzeitiger Rechtsprechung nicht, wenn höhere Gewalt vorliegt. Das ist laut Bundesgerichtshof bei Streiks grundsätzlich der Fall.

 
zur Startseite

von
erstellt am 08.Feb.2015 | 12:44 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen