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Methadon-Tod in Hamburg : Chantal-Prozess: Pflegeeltern zu Bewährung verurteilt

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Vor gut drei Jahren stirbt die elfjährige Chantal an einer Methadon-Vergiftung. Ihre Pflegeeltern kommen mit Bewährungsstrafen davon.

shz.de von
erstellt am 05.Feb.2015 | 06:50 Uhr

Hamburg | Die Pflegeeltern des an einer Methadon-Vergiftung gestorbenen Mädchens Chantal sind am Donnerstag vom Hamburger Landgericht wegen fahrlässiger Tötung zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Der 54-jährige Pflegevater erhielt ein Jahr Haft auf Bewährung, die vier Jahre jüngere Pflegemutter acht Monate auf Bewährung.

Chantal war vor drei Jahren an den Folgen einer Methadon-Vergiftung gestorben. Das elfjährige Mädchen hatte dem Gericht zufolge in der Wohnung seiner drogenabhängigen Pflegeeltern in Hamburg-Wilhelmsburg Zugang zu der Heroin-Ersatzdroge. „Sicherheitsmaßnahmen trafen die Angeklagten nicht, obwohl ihnen als langjährige Betäubungsmittelkonsumenten die Gefahren bewusst waren“, erklärte der Vorsitzende Richter.

Damit blieb das Gericht deutlich unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft: Für den 54 Jahre alten Pflegevater hat sie zunächst eine zweieinhalbjährige Haftstrafe wegen fahrlässiger Tötung und Vernachlässigung der Fürsorgepflicht gefordert. Die 50-jährige Pflegemutter sollte nach Willen der Anklage zu einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung verurteilt werden. Die Verteidiger forderten für die Pflegeeltern Freispruch.

Nach Darstellung des Gerichts hatte der Pflegevater die im Sterben liegende Chantal sich selbst überlassen und war am Morgen zur Arbeit gegangen - ohne den Notarzt oder seine Lebensgefährtin zu verständigen. Die Pflegemutter hatte den vorherigen Tag sowie die Nacht außer Haus verbracht. Am Vorabend des Todes hatte sie Chantal geraten, ein Allergiemittel einzunehmen. Am Nachmittag des 16. Januar 2012 fand die Pflegemutter das Mädchen bewusstlos im Bett. Chantal starb kurz darauf.

Das Gericht wies die Angaben der Angeklagten, sie hätten ihre Methadontabletten ausschließlich in einer 300 Meter entfernten Garage und in einem Spind am Arbeitsplatz aufbewahrt, als „Schutzbehauptung“ zurück. Sie hätten die Tabletten auch in der Wohnung gelagert.

Dass die Polizei ein anderes hochwirksames Schmerzmittel in einer Klappbox im Wohnzimmer gefunden habe, belege ihren unverantwortlichen Umgang mit gefährlichen Medikamenten. „Sie wussten, dass bereits der Konsum von nur einer Tablette (Methadon) für ein Kind lebensbedrohlich sein würde“, sagte Göbel an die Adresse der Angeklagten. „Ihre Sorgfaltspflichtverletzung war ursächlich für den Tod des Mädchens.“ Die Angeklagten hätten sich der fahrlässigen Tötung durch Unterlassen schuldig gemacht.

Der Richter übte scharfe Kritik an der Staatsanwaltschaft. Die Anklagebehörde habe die Ermittlungen gegen Mitarbeiter des Jugendamts eingestellt, aber zugleich versucht, den Eltern eine Vernachlässigung des Kindes nachzuweisen. Dabei seien nicht einmal die schulischen Verhältnisse des Mädchens aufgeklärt worden. Mit „Zeugenunsinn“ habe die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren unnötig belastet. „Chantal war nicht verwahrlost“, stellte Göbel fest.

Strafmildernd wertete das Gericht auch die Berichterstattung der Medien „im Sinne einer Vorverurteilung“. Diese hätten den Tod von Chantal in eine Reihe mit anderen in Hamburg durch Misshandlung gestorbenen Kindern gestellt, insbesondere von Yagmur. Die Dreijährige war kurz vor Weihnachten 2013 in der Wohnung ihrer Eltern an den Folgen schwerer Misshandlungen durch die Mutter gestorben. Der Richter forderte die Medien auf, die Pflegeeltern von Chantal nun „in Ruhe zu lassen“.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Verteidigung kündigte an, Revision einzulegen. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft erklärte, man werde diesen Schritt prüfen.

Methadon dient als synthetischer Drogenersatz in der Suchttherapie. Der opiatähnliche Stoff unterdrückt die Entzugssymptome, macht aber ebenfalls süchtig. Anders als Heroin führt Methadon jedoch nicht zu rauschartigen Zuständen. Methadon kann als Tablette geschluckt werden oder in flüssiger Form. Weil es einen bitteren Geschmack hat, lässt es sich mit Saft verdünnt leicht trinken. Die Ersatzdroge soll Abhängigen dabei helfen, aus der Beschaffungskriminalität herauszufinden und ein weitgehend normales Leben zu führen. Methadon wirkt ähnlich wie Morphium, gilt aber als noch stärkeres Schmerzmittel. Eine Überdosierung kann zum Tod führen. Besonders für Kinder ist Methadon schon in geringer Dosierung gefährlich.
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