1400 Hamburger Brücken : Brückenprüfer: Ein Job mit großer Verantwortung

<p>Holger Wohlfeil, Bauwerksprüfingenieur beim Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer, kontrolliert die Busanbrücke in der Hamburger Speicherstadt auf mögliche Schäden.</p>

Holger Wohlfeil, Bauwerksprüfingenieur beim Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer, kontrolliert die Busanbrücke in der Hamburger Speicherstadt auf mögliche Schäden.

Der Brückeneinsturz in Genua macht fassungslos. In Deutschland ist die Prüfung solcher Bauwerke streng geregelt.

shz.de von
15. August 2018, 20:03 Uhr

Hamburg | „Das berührt einen natürlich. Es sind schließlich viele Menschen zu Tode gekommen“, sagt Holger Wohlfeil und denkt an die Bilder von der eingestürzten Autobahnbrücke in Genua. Der 50-Jährige ist Bauwerksprüfingenieur beim Hamburger Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) und somit verantwortlich für die Sicherheit der mehr als 1400 Brücken der Hansestadt.

Einen Tag nach der Katastrophe in Italien steht am Mittwoch im Hamburger Hafen die Prüfung der Busan-Brücke an. In den 1930er Jahren für den Fahrzeugverkehr erbaut, dürfen die von vernieteten Stahlbögen getragene 36 Meter lange Brücke in der Hafencity heute nur noch Fußgänger und Fahrradfahrer nutzen.

Alle sechs Jahre eine große Kontrolle

„Die Verantwortung ist schon sehr groß: Man soll alle Brücken in Hamburg im Auge behalten“, sagt Wohlfeil und betont: „Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und werden das gewissenhaft umsetzen.“ Schließlich gebe es in Deutschland ein festgelegtes Prüfprogramm.„Das regelt die DIN 1076. Die schreibt ganz klar vor: Eine Hauptprüfung an jeder Brücke ist alle sechs Jahre durchzuführen. Dazwischen soll eine einfache Prüfung stattfinden, die dann in aller Regel nach drei Jahren passiert.“

Bei den großen Kontrollen alle sechs Jahre werde eine Brücke Zentimeter für Zentimeter überprüft – „handnah“, wie es in der Vorschrift heißt, sagt er. „Das muss man sich so vorstellen, dass man jedes Bauteil der Brücke zumindest mit der Hand erreichen könnte, um dann Schäden auch sehen und feststellen zu können.“

Brücken leiden unter Umwelteinflüssen

Zu schaffen machten den Hamburger Brücken vor allem Umwelteinflüsse. „Wir sind hier am Wasser und zum Teil auch ein Salzwassergebiet. Das ist gerade bei Stahlbrücken ein großes Problem, weil natürlich Korrosion stattfindet. Auf den Straßenbrücken werden im Winter Salze gestreut. Das greift natürlich jedes Bauwerk zusätzlich an.“ Der Unterhalt der Hamburger Brücken kostet auch deshalb viel Geld.

Rund neun Millionen Euro steckt der Landesbetrieb jährlich in ihren Erhalt. Hinzu kommen insgesamt fünf bis sechs Millionen Euro von der Hafenbehörde und der Hamburger Hochbahn. Und da sich einige der Brücken im Bundeseigentum befinden – etwa die Autobahnbrücken südlich des Elbtunnels – zahlt auch der Bund noch einmal rund neun Millionen Euro an Unterhaltungsmitteln.

<p>Ehrfurcht vor dem Job: Nadine Lehmitz.</p>
Christian Charisius/dpa

Ehrfurcht vor dem Job: Nadine Lehmitz.

 

Mit Wohlfeil ist seine Kollegin Nadine Lehmitz zur Busan-Brücke gekommen. Sie sei entsetzt gewesen, als sie die Nachrichten aus Genua hörte, erzählt die 38-Jährige. „Wenn man über die Jahre hinweg als Bauwerksprüfer Brückenbauwerke prüft, geht man davon aus, dass man immer den aktuellen Sachstand hat und auch immer dafür Sorge tragen kann, dass jeglicher Verkehr – Fußgänger oder Autofahrer – darüber fahren kann, ohne dass so etwas passiert.“

Sie warnt vor übereilten Analysen. „So schlimm das auch alles ist und so sehr jetzt alle nach der Ursache schreien, sind Spekulationen das Schlimmste. Da sind Zeit und Ruhe gefragt.“ Sie spricht von Respekt vor der ihr und ihren zehn Kollegen von der Bauwerksprüfabteilung gestellten Aufgabe. „Wenn ich jetzt hier vor dieser Brücke stehe, dann schaue ich mir alle Schäden an, die vorhanden sind. Aber das ist natürlich immer nur eine Momentaufnahme.

Ehrfurcht vor dem Beruf

Da muss man durch Erfahrung glänzen. Denn wir wissen, wie sich welcher Schaden eventuell auswirken könnte. Aber nichtsdestotrotz können wir nicht hellsehen.“ Bauwerksprüfer sei deshalb ein Beruf auf Lebenszeit. „Es gibt so viel Materie, die Sie erst in der Praxis lernen können. Und deshalb ist es auch jedes Mal, wenn ich eine Prüfung mache, mit sehr viel Ehrfurcht verbunden. Und es macht mir manchmal auch ein bisschen Angst. Und das ist gut so, denn dann prüft man sorgfältiger.“

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