Acht Jahre Haft gefordert : Böller-Explosion am S-Bahnhof Veddel war laut Staatsanwaltschaft Mordversuch

Dem 52-jährigen Angeklagten wird vorgeworfen, auf dem Bahnsteig eine Plastiktüte mit zwei pyrotechnischen Sprengkörpern und Montageschrauben gezündet zu haben.

Dem 52-jährigen Angeklagten wird vorgeworfen, auf dem Bahnsteig eine Plastiktüte mit zwei pyrotechnischen Sprengkörpern und Montageschrauben gezündet zu haben.

Wegen Mordversuchs in vier Fällen soll der Täter für acht Jahre in Haft, so die Anklage.

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10. Oktober 2018, 15:52 Uhr

Hamburg | Eine gefährliche Böllerexplosion kurz vor Weihnachten 2017 auf dem Hamburger S-Bahnhof Veddel sollte nach Ansicht der Staatsanwaltschaft als Mordversuch mit acht Jahren Gefängnis geahndet werden. Der 52 Jahre alte Angeklagte habe sich des Mordversuchs in vier Fällen sowie des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion, der gefährlichen Körperverletzung und der Sachbeschädigung schuldig gemacht, sagte die Anklagevertreterin am Mittwoch vor der Strafkammer am Landgericht.

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Der Angeklagte soll am 17. Dezember vergangenen Jahres eine Plastiktüte mit 73 Schrauben und zwei pyrotechnischen Sprengkörpern auf dem Bahnsteig abgestellt und nach dem Einfahren einer S-Bahn gezündet haben. Der etwa zwei Meter große Feuerball verfehlte einen Passanten nur knapp. Drei weitere Menschen befanden sich nach Angaben der Staatsanwältin ganz in der Nähe, einer von ihnen erlitt ein Knalltrauma. Die Scheibe eines Windschutzes ging zu Bruch. Zum Prozessauftakt hatte der Angeklagte eingeräumt, zwei Polenböller gezündet zu haben. Er habe Leute erschrecken, aber niemanden verletzten wollen, ließ er über seinen Anwalt erklären.

Der Verteidiger sprach sich für eine Freiheitsstrafe von unter zwei Jahren aus. Er sah keine Belege für einen Tötungsvorsatz. Die Schrauben hätten sich in einer zweiten Plastiktüte befunden, die über die erste Tüte mit den beiden Polenböllern gestülpt war. Die Schrauben seien nicht mit den Böllern verbunden gewesen. Die Sachverständigen hätten nur eine potenzielle Lebensgefahr durch die Explosion gesehen, aber keine konkrete. Es sei unklar, ob der Angeklagte die Schrauben überhaupt wahrgenommen habe. Nach dessen eigenen Angaben hatte er die Böller in der Tüte von einem Bekannten namens La Bomba geschenkt bekommen.

Die Tat sei spontan verübt worden, betonte der Verteidiger. Der Angeklagte habe die Tüte mit den Böllern zunächst in der S-Bahn vergessen, habe sie dann aber noch schnell aus dem Waggon geholt. Er habe sie gezündet, weil er sie loswerden und Leute erschrecken wollte. Ein versuchtes Tötungsdelikt hätten auch die ermittelnden Kriminalbeamten zunächst nicht in Erwägung gezogen.

Die Staatsanwältin ging ausführlicher auf die Vorstrafen des Angeklagten ein. Demnach war er 1992 wegen der brutalen Tötung eines 53-Jährigen in Buxtehude, der Adolf Hitler als Verbrecher bezeichnet hatte, vom Landgericht Stade zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Auch danach sei er mit ausländerfeindlichen Straftaten in Erscheinung getreten. Insgesamt habe er bereits 18 Jahre im Gefängnis gesessen. Während eines Hafturlaubs habe er eine Bekannte sexuell genötigt und geschlagen. Auch seine schwangere Lebensgefährtin habe er geschlagen und ihr wenige Wochen nach der Geburt der gemeinsamen Tochter das Nasenbein gebrochen.

Von Hitler besessen

Die Staatsanwältin zitierte die Aussage einer Zeugin, wonach der Angeklagte eine „tickende Zeitbombe“ sei und fügte hinzu: „Ich halte den Angeklagten für eine sehr gefährliche Person.“ Nach Angaben von Zeugen war der 52-Jährige von Hitler begeistert gewesen. Trotz seiner „niederen Gesinnung“ sei er aber seit Jahren nicht mehr in die rechtsextreme Szene eingebunden gewesen. Es sei ihm völlig gleichgültig gewesen, wen er mit der Explosion treffe, sagte die Staatsanwältin. Laut einer Mitteilung des Verfassungsschutzes, die das Gericht verlas, war der Angeklagte zuletzt 2015 mit dem Zeigen und Rufen des Hitlergrußes aufgefallen.

Verteidiger Andreas Mosenheuer distanzierte sich scharf von den rechtsextremistischen Ansichten seines Mandanten. Er verneinte zugleich, dass diese das Motiv für die Tat gewesen seien. Der Angeklagte soll am 19. Oktober die Gelegenheit zu einem letzten Wort bekommen. Das Urteil wird für den 29. Oktober erwartet.

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