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Konzert in Hamburg : Bill Ramsey: Jazz ohne Alterslimit

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Bill Ramsey macht in Sachen „Jazz“ und „Blues“ so schnell keiner etwas vor. Kurz vor seinem 85. Geburtstag hat der Musiker in Hamburg ein Konzert gegeben - mit „jazzigem“ Support.

shz.de von
erstellt am 12.Apr.2016 | 08:18 Uhr

Hamburg | Kraftlos und gebrechlich wirkt er, wenn er sich auf seinen Gehstock gestützt den Weg zu dem Hocker am Rande der Bühne bahnt - wenn er jedoch anfängt zu singen, ertönt eine unverkennbare, bluesige Stimme, die im Laufe der Jahrzehnte kaum an Soul und Energie eingebüßt zu haben scheint. Jazz-und Schlagerlegende Bill Ramsey (84) zieht es auch heute noch auf die Bühne, ans Abschied nehmen denkt er noch lange nicht. Während die meisten Menschen etwa an ihrem Geburtstag entspannen und sich ein Ständchen singen lassen, greift der Musiker mit dem charmantem Staaten-Akzent und der schwarzen Jazzstimme lieber selbst zum Mikrofon.

Fünf Tage vor seinem 85. Geburtstag hat sich der Deutsch-Amerikaner in seiner Wahlheimat Hamburg vor rund 600 Fans und Freunden auf dieses Ereignis eingestimmt: mit ordentlich Jazz, Blues und prominenter Unterstützung. Mit einer für Hamburger fast untypischen Euphorie begrüßen die Fans den 84-Jährigen am Montagabend, als dieser mit starker, ungebrochener Stimmgewalt einen unverkennbaren Blues in den Saal des alten St. Pauli Theaters trägt.

Ramsay präsentiert die Musik, die ihm spürbar am Herzen liegt. Blues, Swing, Gospel: Lieder, die das Herz berühren, begeistern und gedanklich fordern. Dabei singt er nicht nur die Songs seiner eigenen musikalischen Idole wie Sinatra, sondern auch seine Schlagerhits „Zuckerpuppe“ oder „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“, die ihm nach dem Zweiten Weltkrieg zu bundesweiter Bekanntheit verhalfen.

Mit solchen Ohrwürmer gelang Bill Ramsey vor Jahrzehnten der Durchbruch, an keiner Talkshow kam er zu dieser Zeit vorbei. Seine große Liebe war jedoch stets der Jazz. Schon als Schüler hatte sich der im US-Staat Ohio geborene Ramsey sein Taschengeld als Jazzsänger verdient, auch als Soziologie- und Wirtschaftsstudent an der Yale-Universität in New Haven blieb er ihm treu, übernahm aber bereits kleinere Funk- und Filmaufträge. Mitte der Sechziger verabschiedet sich Ramsey von der Sparte „lustiger Schlager“ und kehrte endgültig zum Jazz zurück. Wer ihn auf der Bühne beobachtet, versteht sofort, aus welchem Grund.

Genussvoll schließt er die Augen, wippt mit seinem Knie im Takt und fühlt den Groove des Quartetts, das an diesem Abend wahrlich den Geist der Musik aus den Erinnerungen an verrauchte Jazzkeller in New Orleans oder Chicago auf der Bühne beschwört. Immer wieder gibt es zwischendurch Applaus für die Künstler: sei es für den Klavierspieler, der mit flinken Händen das verrückte, ungestüme Wesen der Musik mit unvergleichlicher Virtuosität zelebriert oder für den Saxofonisten, der sich und das Publikum stufenartig durch Höhen und Tiefen schwindelig zu spielen scheint. Alles wirkt kraftvoll, energiegeladen - das Zentrum der Aura ist Ramsey selbst.

„Ich habe ein Textbuch vor mir. In meinem Alter, da kann man den Text schon mal vergessen“, witzelt er, wenig später trägt er einen schmutzigen Witz vor. Doch ebenso wie in seiner Musik, kann auch Ramsey selbst schnell zwischen humorvollem Geplänkel und ernsteren Themen changieren. So gedenkt er auch seinem kürzlich verstorbenen Jazz-Kollegen Roger Cicero, den er als „Spitzenmusiker und angenehmen Menschen“ beschreibt. Für ihn singt er Sinatras „I've got you under my skin“, eine Geste, die das Publikum sichtlich rührt.

Als Ramsey sich dann für den Abschluss noch Musiker Stefan Gwildis (57) mit auf die Bühne holt, ist die Geburtstagsüberraschung vollkommen. Nordischer Hafensoul trifft amerikanischen Blues, ein Traum für die Fans. Nach stehenden Ovationen und zwei Zugaben ist dann endgültig Schluss. Schließlich liegt „Mimi“ auch schon seit halb Zehn im Bett.

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