zur Navigation springen

Totes Baby in Hamburg : Betreuer von Tayler weisen Vorwürfe zurück: „Keine Auffälligkeiten“

vom

Der zwölf Monate alte Tayler war am Samstag gestorben. Das Kleinkind soll schwer misshandelt worden sein. Der Fall hat die Politik erreicht, da die Familie behördlich betreut wurde.

shz.de von
erstellt am 22.Dez.2015 | 09:09 Uhr

Hamburg | Nach dem Tod des einjährigen Tayler beschäftigt Politik und Verwaltung diie Frage, warum niemand den Tod des Jungen verhinderte. Tayler war am Samstagabend im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen. Eine Stiftung, die die Familie im Auftrag des Jugendamts betreut hatte, wies am Montag Vorwürfe zurück, eine ihrer Mitarbeiterinnen hätte eine Misshandlung des Kindes bemerkt, aber nicht gemeldet.

Der Tod des einjährigen Kindes weckt Erinnerungen an ähnlich tragische Fälle in der Hansestadt in der jüngeren Vergangenheit. In Politik und Medien wird die Frage diskutiert, ob strukturelle Probleme bei den Hamburger Jugendämtern zum Tod mehrere Kinder beigetragen haben.

Nach Angaben der Stiftung Rauhes Haus, für die die Sozialarbeiterin tätig ist, hatte es keine Hinweise auf eine Misshandlung gegeben. Die erfahrene Mitarbeiterin habe die Familie seit dem 21. August betreut, sagte Pressesprecher Uwe Mann van Velzen. „Seitdem gab es keine Auffälligkeiten“, sagte van Velzen. „Es gab eine gute Entwicklung. Die Mutter hat sich liebevoll um die Kinder gekümmert.“ Ihr Lebensgefährte sei als eher stabilisierender Faktor wahrgenommen worden. Darum sei der Umfang der Betreuung von zunächst zwölf auf später acht Fachleistungsstunden pro Woche reduziert worden. Das Kind wurde auch regelmäßig unbekleidet gesehen, ohne Auffälligkeiten.

Der Sprecher bestätigte, dass die Mitarbeiterin noch am 11. Dezember - also am Tag bevor der Junge ins Krankenhaus gebracht wurde - bei der Familie gewesen sei. Sie habe einige blaue Flecken bei Tayler bemerkt, diese aber der „wachsenden Mobilität“ zugeschrieben. Das Kind habe Stehen und Laufen geübt und sei dabei auch immer wieder umgefallen. Die Mitarbeiterin, die inzwischen krankgeschrieben sei, halte auch jetzt an dieser Auffassung fest.

Gegen die 22-jährige Mutter und ihren 26 Jahre alter Lebensgefährten ermittelt die Staatsanwaltschaft. „Die Ermittlungen laufen jetzt auf Hochtouren.“ Das Ergebnis der Obduktion vom Sonntag liege aber noch nicht vor, so Rinio am Montag. Weitere Untersuchungen liefen noch. Die Staatsanwaltschaft hofft, bis Weihnachten wenigstens ein vorläufiges Ergebnis zu bekommen.

Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) kritisierte am Montag indirekt das Vorgehen des Rauhen Hauses. Es gebe klare Anweisungen für die Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe. Würden Verletzungen festgestellt, müsse das Kind beim Kinderkompetenzzentrum des UKE vorgestellt werden, so die Senatorin. Dort gebe es Experten, die genauer beurteilen könnten, ob ein Kind misshandelt worden sei oder sich nur beim Spielen gestoßen habe.

Leonhard kündigte an, die Causa mit externer Hilfe überprüfen zu lassen: „Wir brauchen Klarheit darüber, welche Maßnahmen der Allgemeine Soziale Dienst zum Kinderschutz ergriffen hat und warum es trotz der Hilfen zum Tod des Jungen kam.“ Taylers Tod ruft an der Elbe Erinnerungen an die Fälle Chantal und Yagmur hervor. Beide Mädchen starben, obwohl sie unter Aufsicht der Jugendämter standen. Der Sender NDR 90,3 berichtete, Tayler sei das sechste tote Kind in Hamburg in elf Jahren, das in staatlicher Obhut gewesen sei.

In derartigen Fällen - so nun auch bei Tayler - soll in Hamburg die Jugendhilfeinspektion eingeschaltet werden. Diese Kommission aus drei Mitarbeitern und einer Leiterin war nach dem Methadon-Tod der elfjährigen Chantal im Januar 2012 von Leonhards Vorgänger Detlef Scheele (SPD) eingerichtet worden. Sie soll Fehler der Behörden in der Betreuung von Kindern vermeiden helfen und aufklären. Die Bezirksamtsleitung werde alles dafür tun, um herauszufinden, wie es dazu kommen konnte, sagte ein Sprecher des Bezirksamts Altona.

Dann dürfte auch erörtert werden, warum Tayler überhaupt noch bei seiner Mutter gelebt hat. Nach Medienberichten war der Junge bereits im Sommer wegen eines Schlüsselbeinbruchs im Krankenhaus. Das Jugendamt wurde demnach eingeschaltet und Tayler von seiner Mutter getrennt. Nach wenigen Wochen wurde er aber der 22-Jährigen zurückgegeben. Damals ließ sich der Verdacht auf Kindeswohlgefährdung nicht erhärten.

Die CDU in der Hamburgischen Bürgerschaft hat eine Sondersitzung des Familienausschuss beantragt. Eine der zentralen Fragen, die geklärt werden müssten, sei, wie es sein könne, „dass in Hamburg immer wieder Kinder durch Misshandlung oder Vernachlässigung zu Tode kommen“, sagte der familienpolitische Fraktionssprecher Philipp Heißner am Sonntag.

Heißner verlangt eine schonungslose Aufklärung. Neben der geforderten Sitzung des Familienausschusses hat seine Fraktion eine Schriftliche Kleine Anfrage eingereicht, um Informationen zu erhalten. Die FDP-Fraktion in der Bürgerschaft unterstützt den Antrag der CDU.

Die Linke-Fraktion warnte vor „politischen Schnellschüssen und populistischen Forderungen“. „Die Frage der konkreten Schuld und Mitschuld am Tod des Jungen wird durch Polizei und Staatsanwaltschaft untersucht und durch Gerichte festgestellt, nicht durch Abgeordnete“, sagte die jugendpolitische Sprecherin Sabine Boeddinghaus.

Um solche Fälle zu vermeiden, müsse die Politik aber „ihrerseits Verantwortlichkeiten und strukturelle Fehler wie beispielsweise Arbeitsüberlastung, mangelhafte finanzielle Ausstattung der Allgemeinen Sozialen Dienste (ASD) oder die Zusammenarbeit mit den Familiengerichten untersuchen“, forderte Boeddinghaus.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert