Sommer-Tournee : Beth Ditto rockt den Hamburger Stadtpark

Beth Ditto spielte in Hamburg vor 2500 Fans.
Beth Ditto spielte in Hamburg vor 2500 Fans.

Die Sängerin begeisterte ihre Fans mit Gossip-Hits, Solostücken und Regenbogen-Fahne.

shz.de von
10. Juli 2018, 06:53 Uhr

Hamburg | Ob ihre Bienenkorbfrisur wohl den Abend überleben wird? Beth Ditto hat da so ihre Zweifel und tastet mit ihrer Hand dauernd nach ihrem Dutt-Haarteil. Schließlich steht die Sängerin bei ihrem Konzert im Hamburger Stadtpark selten still. Will sagen: Sie ist ein richtiger Wirbelwind, aufgeputscht wie nach anderthalb Litern Energydrink. Wenn die 37-Jährige mit dem Lied „Oh my God“ von ihrem ersten Soloalbum „Fake Sugar“ gleich in der Anfangsphase hemmungslos in die Offensive geht, wird klar: Sie hat nach der Trennung ihrer Band Gossip nichts von ihrer Ausstrahlung verloren.

Gekonnt post sie für die Fotografen, dabei zeigt sie das Tattoo auf ihrem Oberschenkel. Mit ihrer voluminösen Stimme könnte sie ihren Auftritt vermutlich auch ohne ein Mikrofon bestreiten. Wen stört es da noch, dass die nur 1,58 Meter große Wuchtbrumme nicht etwa 60, sondern beinahe 100 Kilo auf die Waage bringt? Ihr Charisma zählt, nicht ihr Gewicht. Schelmisch blitzen ihre Augen mit ihrem Glitzerkleid um die Wette. Sie schwitzt, tupft sich ihr Gesicht mit einem Handtuch ab und erzählt lustige Geschichten. Gern in einem Deutsch-Englisch-Mischmasch. Mit eindrucksvoller Intensität erinnert sie sich an eine alte Frau in einer Imbissbude, die ihr bei ihrem ersten Hamburg-Besuch mehr Ketchup für ihre Pommes frites verweigerte. Für eine Amerikanerin ein traumatisierendes Erlebnis – klar.

Doch natürlich sorgt Beth Ditto in erster Linie mit ihrer Musik für Furore. Sie denkt gar nicht daran, sich nur auf neuere Stücke wie „Fire“ zu beschränken. Warum auch? Fesseln muss man sprengen und abwerfen. Darum nimmt sie sich die Freiheit, altbewährte Gossip-Songs wie „Love long Distance“ oder „Standing in the Way of Control“ wiederaufleben zu lassen. Da schlagen die Emotionen auf allen Seiten hoch. Das Publikum trägt seine Begeisterung nach außen, indem es tanzt und jubelt. Eine angemessene Reaktion, die Beth Ditto anspornt, noch mehr gute Laune zu versprühen. So steigt die Stimmung von Minute zu Minute. Beste Voraussetzungen also, um in der Zugabe, für die die Künstlerin eigens in ein rotes Kleid geschlüpft ist, mit dem Post-Punk-Klassiker „Heavy Cross“ aus Gossip-Zeiten einen fulminanten Schlusspunkt zu setzen. Dieses Lied plädiert dafür, die freie Wahl zu haben. Zu entscheiden, wer man ist oder sein will.

Auch wenn sich Beth Ditto hier gewohnt haltungsstark gibt, richtet sie den Kurs ihrer Show sonst nicht auf politische Parolen aus. Einzig als sie sich die Regenbogenfahne wie einen Umhang um die Schultern legt, solidarisiert sich sich ganz bewusst mit der Lesben- und Schwulenbewegung – ohne gegen Trump zu polemisieren. Vielleicht hat sie einfach Angst, die permanenten Seitenhieben vieler Musiker gegen den US-Präsidenten könnten irgendwann zum bedeutungsleeren Pathos werden. Und hält sich deshalb mit offener Kritik lieber ein bisschen zurück.

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