Hamburg der 60er Jahre : „Banklady“: Eine wahre Geschichte kommt ins Kino

Schauspieler Nadeshda Brennicke (als Gisela Werler) und Charly Hübner (als Hermann Wittorff) im Thriller „Banklady“.
Schauspieler Nadeshda Brennicke (als Gisela Werler) und Charly Hübner (als Hermann Wittorff) im Thriller „Banklady“.

Mit ihrem Komplizen raubte Gisela Werler im Hamburg der 60er Jahre 19 Banken aus. Weil sie stets schick angezogen war, wurde sie als „Banklady“ bekannt. Der Fall kommt jetzt ins Kino – der Film ist nicht nur ein Krimi.

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20. März 2014, 13:41 Uhr

Hamburg | Mitte der 60er Jahre arbeitete sie als Hilfskraft in einer Hamburger Tapetenfabrik, wohnte mit ihren gut 30 Jahren noch bei ihren Eltern im Kinderzimmer - und sehnte sich nach der großen Welt, die sie aus bunten Illustrierten kannte. Und dann kam Hermann. Mit dem Räuber überfiel sie 19 Banken und machte Schlagzeilen. Die Medien nannten die stets höfliche und schick angezogene Unbekannte, die später im Gefängnis ihren Komplizen heiratete, die „Banklady“.

Aus dem ziemlich vergessenen Fall der Gisela Werler schuf der deutsche Hollywood- und „Tatort“-Regisseur Christian Alvart („Fall 39“, „Antikörper“) den gleichnamigen Kriminal-, Liebes- und Freiheitsfilm mit der aparten Nadeshda Brennicke in der Titelrolle.

Die aktionsreich, fesselnd raffiniert und durchaus mit Humor in Szene gesetzte Produktion feierte vergangenen September Weltpremiere auf dem Filmfest Hamburg. Mit einem draufgängerischen, schmierig-attraktiven Charly Hübner („Polizeiruf 110 - Rostock“) als Spießgesellen Hermann Wittorff, Ken Duken und Heinz Hoenig als ungleichen Kripo-Ermittlern sowie - in einem Cameoauftritt - dem norddeutschen Entertainer Heinz Strunk als Erotikclub-Gast. „Wir hatten Glück“, sagte der Regisseur damals, „das Leben hat die Geschichte scheinbar fürs Kino entwickelt und geschrieben. Viele Dinge hätte ich mich nicht getraut zu erfinden.“ 

Dazu zählte Alvart die Erschießung eines anderen Gangsters aufgrund einer Verwechselung durch die Polizei oder auch den letzten, spektakulären Überfall im schleswig-holsteinischen Bad Segeberg 1967, bei dem der beherzte Kassierer das Geld immer wieder an sich nahm. Sogar dessen Spruch „Ich hab bei Stalingrad in ne Panzerkanone geguckt“ ist historisch verbürgt. Und wie im Film gaben sich Räuber und Räuberin tatsächlich noch im Gerichtssaal das Eheversprechen und blieben 31 Jahre lang bis zum Tod Giselas verheiratet.

Selbst wenn sie also bei dieser „Bonnie & Clyde“-Story über die erste deutsche Bankräuberin nur wenig frei erdichtet haben - auch die Drehbuchautoren Kai Hafemeister und Christoph Silber haben gute Arbeit geleistet. Es ist so unterhaltsam wie menschlich und zeitgeschichtlich erhellend, den Werdegang der moralisch zwar mehr als zweifelhaften, aber alles andere als böswilligen „Banklady“ zu verfolgen. Als liebenswert-naiv und gerissen, introvertiert und dann wieder tollkühn zeichnet Brennicke („Dampfnudelblues“) ihre Ganovin mit Perücke, Sonnenbrille und teurem Audrey-Hepburn-Look. Deren Durst nach Liebe, Geld und Glamour im tristen, beklemmend engen Nachkriegs-Hamburg wirkt dabei oft berührend nachvollziehbar.

In flirrend schnellen, oft schummerigen, manchmal schwindelerregenden Bildern zu surrender Tonkulisse inszeniert Alvart Zeit und Ort mit Hingabe zum Detail - altmodische Tapetenmaschinen und Bankfilialausstattungen, Wohnküche und VW-Käfer eingeschlossen. Dazu gibt es neben den beiden Hauptfiguren pointierte Typenzeichnungen. So verkörpert Hoenig einen polternden Hauptkommissar, in dessen Habitus noch das damals nicht allzu lange vergangene Dritte Reich anklingt. Duken dagegen ziseliert seinen jungen Kommissar Fischer als verbissen ehrgeizigen Mann der Moderne.

Titelstar Brennicke ist übrigens geistige Urheberin des Projekts. Im Internet hatte sie eine NDR-Doku von 2007 über die 2003 mit 69 Jahren verstorbene Werler und ihren Ehemann (er starb 2009) gesehen - und dann für einen Spielfilm gekämpft.

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