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Tödliche Messerattacke in Hamburg : Auszeichnung für Barmbeker Helden: „Nicht groß darüber nachgedacht“

vom
Aus der Onlineredaktion

Sieben Männer stellten sich dem Messerangreifer entgegen. Dafür werden sie geehrt.

Hamburg | Sönke Weber ist die Aufregung anzusehen. Der 28-Jährige steht nicht gern im Mittelpunkt. Am Mittwoch aber gab es kein Entrinnen, denn er ist einer der sieben Helden von Barmbek, wie sie inzwischen allerorts genannt werden. Sie wurden im Hamburger Polizeipräsidium mit dem Ian-Karan-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet.

Die sieben Männer bewiesen echte Zivilcourage als sie sich Ahmad A. entgegenstellten. Der Palästinenser hatte am Freitagabend bei einer Messerattacke in einem Barmbeker Supermarkt einen Mann getötet und sieben weitere Menschen verletzt.

Jeder von ihnen erhält 500 Euro als Dankeschön dafür, dass sie „mutig, selbstlos, aber mit zugleich großer Umsicht und Bedacht einen gefährlichen bewaffneten Straftäter verfolgt, ihn niedergerungen und der Polizei übergeben“ haben. So steht es in der Urkunde.

Polizeipräsident Ralf Martin Meyer sagte: „Hier gibt es kein Wenn und hier gibt es kein Aber: Bei dieser Art des aggressiven Täters, der wie in Rage war, gab es nur diesen einen Weg, ihn zu stoppen“. Das sei gut und richtig gewesen und habe weiteres Leid vermieden.

Sönke Weber, der zur Preisverleihung von seiner Frau begleitet wird, ist das alles ein bisschen viel der Ehre. „Für das, was ich persönlich geleistet habe, ist der Preis eigentlich übertrieben“, sagt der Friseur bescheiden. Ja, er habe Angst gehabt, aber „nicht groß darüber nachgedacht“, ob er miteingreifen soll. Nur reden möchte er jetzt nicht mehr über die Ereignisse, nicht mit Medienvertretern, aber auch in der Familie „ist das kein Thema mehr“.

Unterdessen soll sich die Familie des Messerangreifers entschuldigt haben. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ zitiert einen in Norwegen lebenden Onkel entsprechend. Der könne sich nicht vorstellen, dass sein Neffe ein Extremist geworden ist. „Von seiner Erziehung und von seinem Charakter her“ passe das nicht zu ihm. 

Dass sich der Onkel täuschen muss, dafür sprechen andere Tatsachen: Im Spind des 26-jährigen Täters in der Flüchtlingsunterkunft Hamburg-Langenhorn  haben Fahnder an der Innenseite der Tür einen 10 mal 15 Zentimeter großen Aufkleber mit der Fahne der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gefunden. Die Bundesanwaltschaft, die die Ermittlungen übernommen hat, hatte noch zu Wochenbeginn angegeben, keine Anhaltspunkte für eine IS-Mitgliedschaft zu haben, auch nicht dafür, dass es Kontakte oder eine Einflussnahme gab.

Der in den Vereinigten Arabischen Emiraten geborene Ahmad A. war 2015 als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Er hatte in Norwegen bereits einen Asylantrag gestellt und hätte deshalb nach Regeln des sogenannten Dublin-Systems  unmittelbar zurückgeschickt werden können. Die Bundesbehörde für Migration und Flüchtlinge (Bamf) verpasste aber die Abschiebefrist.

Nach der gescheiterten Abschiebung des Messerangreifers will die Bundesregierung jetzt die bisherige Fristenregelung abschaffen. Dieses Verfahren sei „nicht wirklich praktikabel“, sagte eine Sprecherin des Innenministeriums in Berlin. Eine Abschaffung würde dazu führen, „dass sich Einzelne durch Verstreichen der Fristen den Dublin-Regelungen nicht mehr entziehen könnten. Nach den Regeln des sogenannten Dublin-Systems hätte der Mann damals unmittelbar nach Norwegen zurückgeschickt werden können.

Kommentar: Noch mehr Helden

von Barbara Glosemeyer

Es ist schön und gut, dass der Mut der sieben Männer von Barmbek mit einem Preis für Zivilcourage gewürdigt wird. Denn es ist alles andere als selbstverständlich, sich selbst in Lebensgefahr zu bringen, um anderen Menschen das Leben zu retten. Mal ehrlich, wer von uns hätte den Mut gehabt, sich dem Messermann entgegen zu stellen und ihn mit Stühlen anzugreifen. Das ist aller Ehre wert.

Über alle Wertschätzung für die Helden von Barmbek, die noch Schlimmeres verhindert haben, sollte aber nicht vergessen werden, dass es noch mehr Helden gibt. Die Opfer, die Familie und Freunde von Mathias P. etwa, dem 50-jährige Supermarkt-Kunden, der sterben musste, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war. Häufig genug müssen sie heldenhaft ein Leben lang mit den Folgen der Gewalttat leben.

Respekt und Anerkennung verdient auch der Zimmergenosse von Ahmad A. in der Flüchtlingsunterkunft in Hamburg-Langenhorn, der aufmerksam und couragiert genug war, die Islamisierung des späteren Messertäters zu erkennen, und sie der Polizei und dem Staatsschutz zu melden. Mehrfach! Leider ein erfolgloser Held. Hätten die Zuständigen seine Hinweise ernster genommen, wäre die Messerattacke von Barmbek vielleicht nicht passiert. Auch darüber darf man in diesen Tagen reden.

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erstellt am 02.Aug.2017 | 19:44 Uhr

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