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Hamburg-Othmarschen : Auf dem Trockenen: Eine Tankstelle ohne Benzin

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Seit Mai liefert das Mineralölunternehmen Orlen dem Besitzer Ibrahim Keklikci keinen Treibstoff mehr. Dennoch bleiben die Kunden nicht aus.

shz.de von
erstellt am 10.Okt.2017 | 07:47 Uhr

Hamburg | Seit fast einem halben Jahr rinnt kein Tropfen Benzin aus den Zapfsäulen der Orlen-Tankstelle in Hamburg-Othmarschen. Und doch geben sich bei Pächter Ibrahim Keklikci Menschen die Klinke in die Hand, kaufen Süßes, Zeitungen und lassen ihre Autos waschen. „Meine Kunden halten zu mir“, sagt der 50-Jährige stolz, dem der Mineralölkonzern den Hahn zugedreht hat.

Im März flatterte die außerordentliche Kündigung des Pachtvertrages ins Haus, seit Anfang Mai liefert Orlen Deutschland mit Sitz in Elmshorn im Kreis Pinneberg keinen Kraftstoff mehr. Doch Keklikci kämpft um die Traditionstankstelle an der Bernadottestraße, zu der er eine ganz besondere Verbindung hat. „Ich habe hier vor 36 Jahren gelernt, seit 16 Jahren bin ich Pächter.“

Der Tankstellenbetreiber legte Widerspruch gegen die Kündigung ein und setzt den Verkauf von Kioskwaren ebenso fort wie den Betrieb der Waschanlage und der Werkstatt.

Eine Tanke auf dem Trockenen und doch voller Kunden – das gibt's in Deutschland wohl nur im gutbürgerlichen Othmarschen. So kurios die Situation anmutet, so ernst ist der Hintergrund. Orlen wirft dem 50-Jährigen unter anderem vor, drei Tageseinnahmen einbehalten zu haben. Keklikci bestreitet das, kann das Gegenteil aber nicht belegen. Die Begründung sei ohnehin ein Vorwand, sagt er bitter. Dahinter stecke eine grundsätzliche Abneigung der Manager gegen ihn als Person. „Denen passt meine Nase nicht. Ich lasse mir eben nicht alles vorschreiben.“

Im September hat ein Gericht die Kündigung bestätigt. Nun sagt der Unterlegene: „Rechtlich ist nichts mehr zu machen, aber ich hoffe auf die Stadt.“ Als Eigentümerin des Grundstücks könnte diese den Mietvertrag mit Orlen auslaufen lassen, dann hätte der bisherige Pächter die Chance, mit einem neuen Kraftstofflieferanten weiterzumachen. Die Altonaer Bezirkspolitik hat sich der Sache angenommen, Ausgang offen. 

Orlen sah sich am Montag nicht zur Beantwortung einer Anfrage nicht in der Lage. Der „Bild“-Zeitung hatte Geschäftsführer Wieslaw Milkiewicz zuvor gesagt: „Aufgrund unüberwindbarer Differenzen mussten wir das Vertragsverhältnis kündigen. Mit Urteil vom 13. September hat das Landgericht Hamburg die außerordentliche Kündigung bestätigt. Nunmehr hat der Tankstellenpächter die Tankstelle herauszugeben.“

Keklikci weicht nicht – „bis der Gerichtsvollzieher kommt“. Auch deshalb, so schiebt er nach, weil er seinen sechs Mitarbeitern nicht kündigen will. Unter ihnen befänden sich zwei behinderte Auszubildende. „Ich bringe es nicht übers Herz, denen zu sagen, sie sollen nach Hause gehen.“

Die Unterstützung vieler Kunden ist ihm gewiss. Der Pächter zeigt Solidaritätsbriefe, von Bürgern, unter anderem an den Senat, und sagt: „Das hier ist wie ein Dorf. Meine Tankstelle gehört dazu.“

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