Studie „Soziale Ungleichheit im Wohlstand“ : Arme Stadt, reiche Stadt: Fast jeder Fünfte in Hamburg lebt in Armut

Die wachsende soziale Spaltung im Stadtstaat lässt sich nach Wohnvierteln nachvollziehen.
Die wachsende soziale Spaltung im Stadtstaat lässt sich nach Wohnvierteln nachvollziehen.

285.000 Menschen in Hamburg sind als arm einzustufen. Gleichzeitig wächst auch die Zahl der wohlhabenden Bürger.

shz.de von
15. September 2017, 15:25 Uhr

Hamburg | Trotz robuster Wirtschaft und 42.000 Millionären in der Stadt: In Hamburg nimmt die Armut weiter zu. Zu diesem Schluss kommt die Linksfraktion in der Bürgerschaft in ihrer am Freitag vorgelegten Studie „Soziale Ungleichheit im Wohlstand“. Von den gut 1,8 Millionen Hamburgern seien mindestens 285.000 als arm einzustufen, sagte Studienautor Bernhard Müller, das entspricht einem Wert von 15,7 Prozent und liegt exakt im Bundesdurchschnitt. In Wahrheit aber treffe im Stadtstaat noch mehr Menschen das Schicksal prekärer finanzieller Verhältnisse. Unter Berücksichtigung der hohen Lebenshaltungskosten in der Elbmetropole liege der Anteil der Armen bei 19 Prozent, sagte der Mitautor und ehemalige Linken-Bürgerschaftsabgeordnete, Joachim Bischoff.

Die Zahlen basieren auf Statistiken des Jahres 2015 und legen die gängige Armutsdefinition zu Grunde. Nach dieser gilt jeder als „armutsgefährdet“, dem weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung steht. Diese Grenze liegt in Hamburg bei 1040 Euro für Einzelpersonen sowie bei 2184 Euro für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern.

Besondere Risikogruppen sind in der Hansestadt – wie anderenorts auch – Migranten, Alleinerziehende, Hartz-IV-Empfänger sowie Rentner. Bei der Altersarmut gebe es eine besonders bedrohliche Entwicklung, befand Bischoff. Erhielten 2003 noch drei Prozent der Rentner in Deutschland staatliche Grundsicherung, sind es aktuell bereits sieben Prozent.

Zugleich nehme die Zahl wohlhabender Hamburger beständig zu, ärgerte sich die Linken-Fraktionschefin Cansu Özdemir. Nicht nur sei die Millionärsdichte deutschlandweit nirgends höher als an der Elbe. Auch habe der Anteil der als wohlhabend geltenden Hamburger (ab dem Doppelten des Durchschnittseinkommens) in den vergangenen fünf Jahren um mehr als einen Punkt auf 12,6 Prozent zugenommen, während er bundesweit bei gut acht Prozent stagnierte. Die wachsende soziale Spaltung im Stadtstaat lasse sich nach Wohnvierteln exakt nachvollziehen. So liegen die Einkommen in Nienstedten und Blankenese um bis zu achtmal höher als in Wilhelmsburg und Billstedt.

Viele Ursachen wachsender Armut seien nur im Bund zu beseitigen, räumten die Hamburger Linken ein. Sie wünschen sich von der Bundesregierung vor allem Maßnahmen für höhere Renten und niedrigere Mieten. Aber auch der Senat stehe in der Pflicht, die ärgsten Nöte zu lindern, forderte Co-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus. Sie verlangte unter anderem niedrigere HVV-Preise, Sozialrabatte bei Strom und Gas sowie mehr Geld für soziale Kinder- und Familienprojekte. Und: Rot-Grün solle den Anteil von Sozialwohnungen bei Neubauten von 30 auf 50 Prozent steigern.

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