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Hamburger Reeperbahn : Areal um Esso-Häuser heißt jetzt „Paloma-Viertel“

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Der Neubau des Gebäude-Ensembles an der Reeperbahn hat einen Namen. Bürger konnten entscheiden welchen.

Hamburg | Das ehemalige Esso-Häuser-Areal an der Hamburger Reeperbahn heißt ab sofort „Paloma-Viertel“. Für die neue Bezeichnung hat sich eine fünfköpfige Jury aus rund 250 Vorschlägen den Angaben vom Dienstag zufolge nicht nur entschieden, weil die Taubenstraße direkt an das Gelände grenzt. „Paloma“ ist der spanische Begriff für Taube. Es sei auch berücksichtigt worden, dass es sich „um den Soundtrack für den Kiez“ schlechthin handele, den schon Hans Albers und Freddy Quinn besungen hätten.

Für Anwohner sowie Kiez-Besucher war das ehemalige Esso-Areal  nahe der U-Bahn-Station St. Pauli ein zentraler Anlaufpunkt. Gleichzeitig waren die maroden Hochhäuser Ausdruck für bezahlbares Wohnen an der Vergnügungsmeile und somit auch Symbol für den Kampf gegen Gentrifizierung in Hamburg. Diese emotionale Besetzung macht eine Neugestaltung des Areals kompliziert - und gelang nur über eine Einbeziehung der Bürger.

Für das ehemalige Gebäude-Ensemble am Spielbudenplatz war eine Esso-Tankstelle namensgebend. Beim Abriss der Häuser verschwanden aber auch die Zapf-Säulen, auf dem Areal soll einer Komplex unter anderem mit Wohnungen und Hotel entstehen. Damit durfte das Gebäude auch nicht mehr den geschützten Markennamen „Esso“ tragen.

Bei der Suche nach einer neuen Bezeichnung waren die Bürger gefragt. Unter dem Motto „Gib den Häusern einen Namen“ hatte der Eigentümer einen Beteiligungsprozess gestartet. Dazu wurden 13.000 Postkarten an Haushalte verteilt und in Kneipen und Geschäften ausgelegt. Bis zum 15. Mai konnte sich jeder mit einem solchen Flyer an der Namensfindung beteiligen.

Die Geschichte der Esso-Häuser

Das Gelände war 2009 von einem bayerischen Investor, der Bayerischen Hausbau, gekauft worden. An- und Bewohner der damaligen Esso-Häuser am Spielbudenplatz und die Bayerische Hausbau standen sich anfangs feindlich gesinnt gegenüber. Auf der einen Seite der Investor, der über Neubauten möglichst viel Profit erzielen wollte. Auf der anderen Seite traditionell kritische Kiez-Bewohner, die die Bayerische Hausbau mit ihrem Immobilienportfolio im Wert von rund 2,5 Milliarden Euro schon aus grundsätzlichen Überlegungen am liebsten sofort wieder in ihre Heimat geschickt hätten.

Ging der Streit um den Ersatz der maroden und vornehmlich von weniger betuchten Menschen bewohnten Esso-Häuser zunächst kaum über den Stadtteil hinaus, geriet er kurz vor Weihnachten 2013 schlagartig bundesweit in die Schlagzeilen.

Wegen wackelnder Wände und Risse in den Wänden waren die rund 50 Jahre alten Esso-Häuser damals in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zwangsgeräumt worden - 86 Mietparteien waren betroffen. Seitdem war das Gebiet gesperrt, da die Häuser einzustürzen drohten. Die Mieter zogen vorübergehend in Hotels oder kamen privat unter. Die Mieter durften ihr Mobiliar nur mit Hilfe einer Spedition aus den baufälligen Gebäuden holen.

Vor dem Abriss: die ehemaligen Esso-Häuser mit der namensgebenden Tankstelle.
Vor dem Abriss: die ehemaligen Esso-Häuser mit der namensgebenden Tankstelle. Foto: dpa
 

Eigentlich war der Auszug aus den Häusern, die direkt an einer ebenfalls gesperrten „Esso“-Tankstelle an der Amüsiermeile liegen, erst für Sommer 2014 angesetzt. Nach Angaben des Eigentümers hatten mehrere Gutachten ergeben, dass eine Sanierung wirtschaftlich und technisch nicht sinnvoll sei.

Die Bayerische Hausbau wies Vorwürfe der Initiative Esso-Häuser energisch zurück, wonach sie die Gebäude aus Profitgier vorsätzlich habe verrotten lassen, für viele Hamburger und die traditionell stark ausgeprägte autonome Szene war damit jedoch das Maß voll. Über Wochen gingen teils tausende Menschen auf die Straße. Es kam zu mehreren, auch gewalttätigen Demonstrationen.

Ein Modell zeigt in Hamburg die geplante Bebauung des ehemaligen Esso-Häuser-Areals an der Reeperbahn.

Ein Modell zeigt die geplante Bebauung des ehemaligen Esso-Häuser-Areals an der Reeperbahn.

Foto: dpa
 

Der „St. Pauli-Code“ für die Neugestaltung

Eine Annährung von St. Paulianern und Bayerischer Hausbau gab es erst 2014. Nachdem sich der Investor zu Zugeständnissen bereit erklärt hatte, war von Stadtteilbewohnern die Initiative „Plan-Bude“ zur Bündelung ihrer Ideen ins Leben gerufen worden. Damit war ein Beteiligungsprozess angestoßen. Das was dann aus mehr als 2000 Vorschlägen von Bürgern für die Neugestaltung des Esso-Areals hervorging, wurde „St. Pauli-Code“ getauft.

Für das Esso-Areal bedeutet dies konkret:

  • Keine Eigentumswohnungen,
  • 80 frei finanzierte Mietwohnungen,
  • 80 Sozialwohnungen,
  • gut 30 Wohnungen, die über genossenschaftliche Baugemeinschaften realisiert werden sollen.
  • Hinzu kommen ein Hotel, ein Hostel, Kneipen, Clubs und Geschäfte.

Voraussichtlich 2020/21 sollen die neuen „Esso-Häuser“ fertig gebaut sein.

Video von der Räumung der Esso-Häuser:

(mit dpa)

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erstellt am 30.Mai.2017 | 12:00 Uhr

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