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S-Bahn von Hamburg nach Bad Oldesloe : Archäologen: Geplante S4-Trasse führt durch „Schatztruhe der Eiszeit“

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Einst zogen Rentierjäger durch das Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal. 10.000 Jahre später soll eine S-Bahn Pendler zwischen Bad Oldesloe und Hamburg zur Arbeit bringen.

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erstellt am 07.Okt.2015 | 06:40 Uhr

Hamburg/Bad Oldesloe | Die Trasse der geplanten S-Bahnlinie (S4) zwischen Hamburg und Bad Oldesloe wird nach Ansicht von Experten durch ein archäologisches Gebiet von Weltruf führen. Zahlreiche Spuren späteiszeitlicher Rentierjäger seien gefunden worden, im Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal sei die „Schatztruhe der Eiszeit“ verborgen, sagte Ingo Clausen, Gutachter vom Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein, am Mittwoch. Bei Probebohrungen fanden Clausen und seine Kollegen steinzeitliche Werkzeuge wie Pfeilspitzen und Schaber sowie 12.000 Jahre alte Rentierknochen unter mehreren Metern Torf. Clausen schätzt, dass unter der Baufläche auf schleswig-holsteinischem Gebiet mindestens 90.000 Knochen von über 2000 erlegten Rentieren lagern.

Dass die 36 Kilometer lange S-Bahnlinie tatsächlich gebaut wird, ist noch nicht ganz sicher. Die Entwurfs- und Genehmigungsplanung läuft nach Angaben der Hamburger Verkehrsbehörde voraussichtlich bis 2021. Hamburg und Schleswig-Holstein gehen davon aus, dass die Strecke über eine Milliarde Euro kosten wird. Um noch höhere Kosten und Verzögerungen zu vermeiden, lässt die DB Netz AG den Baugrund auch von Archäologen untersuchen.

Vertreter der DB Netz AG betonten, dass die Funde keine direkte Auswirkung auf das S-Bahn-Projekt S4 hätten. Es werde lediglich ein archäologisches Gutachten erstellt, das Teil der Vorplanung sei. Auf dieser Grundlage werde entschieden, wo am besten eine Straßenquerung in dem Bereich über die neue Trasse geführt werden könne.

Tümpel und Seen lockten vor 10.000 bis 15.000 Jahren Rentierherden an, denen Jäger mit Pfeil und Bogen nachstellten. Die Gewässer sind längst verlandet, über ihnen mehrere Meter Moor gewachsen. „Die Abfälle der Rentierjäger sind wunderbar erhalten“, sagte Lindemann. Schon in den 1930er Jahren habe dort der Archäologe Alfred Rust die ältesten bekannten Pfeilspitzen der Menschheit gefunden.

Der Hamburger Grabungsleiter Matthias Lindemann berichtete von Funden aus der Eisenzeit. Zahlreiche Scherben aus dem 2. bis 1. Jahrhundert vor Christus seien als „Beifang“ entdeckt worden. Die Archäologen freuten sich über schöne Funde. Lindemann betonte aber: „Wir graben nicht nach Schätzen, sondern nach Informationen.“ Dank moderner Untersuchungsmethoden bieten die Fundstücke eine Fülle von Daten.

Die DNA der Rentierknochen verrate Alter und Geschlecht des Tieres, über die Analyse des Knochengewebes und von Zähnen könnten Wissenschaftler Aussagen zu Weidegründen und Wanderungsbewegungen der Tiere machen, erläuterte Clausen. Viele Knochen seien aufgebrochen, weil Menschen das Knochenmark zur Ernährung brauchten. Kauspuren wiesen auf eine mögliche frühe Hundehaltung hin.

Bereits in den 1930er Jahren hatte der Archäologe Alfred Rust in dem Gebiet die ältesten bekannten Pfeile der Menschheit gefunden. Eine genaue Untersuchung eines solchen Pfeils habe ergeben, dass die Menschen vor 12.000 Jahren ihre Waffen schon wiederverwertbar bauten.

Der hölzerne Schaft habe eine Sollbruchstelle gehabt, erklärte Clausen. Wenn der vordere Teil bei einem Fehlschuss zerbrach, habe man den hinteren über eine „Kupplung“ aus Tiersehne mit einer neuen Spitze verbinden können.

Aber auch einige der ältesten Kunstwerke der Welt liegen nach Worten von Clausen in dem Tunneltal. In den 1950er Jahren sei ein Stück Rentiergeweih gefunden worden, auf dem ein menschliches Antlitz mit merkwürdig spitzen Ohren zu sehen sei. Die Darstellung weise Parallelen zu steinzeitlichen Höhlenmalereien in den Pyrenäen auf.

Bei den jetzigen Untersuchungen sei ein Schwirrgerät, eine Art primitives Musikinstrument, entdeckt worden. Der Archäologe zeigte sich begeistert von diesen Dingen. „Wir verhandeln also über eine Lokalität, die durchaus dem Kölner Dom oder der Akropolis in seiner Wertigkeit gleichkommt“, sagte Clausen.

Welche Kosten auf die Bahn als Bauträger mit der Bergung und Konservierung der archäologischen Fundstücke zukommt, wollte der Gutachter nicht sagen. Er deutete aber an, dass es je nach Variante ein sechsstelliger Betrag sein könnte. Er dankte zugleich der Deutschen Bahn für die Finanzierung der Voruntersuchung. Für die Wissenschaft sei das ein „Geschenk“.

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