Berufstaucher in HH : Arbeiten unter Wasser: „Jeder Taucher hat zehn Augen“

Sie werden immer dann gerufen, wenn unter Wasser Reparatur- oder Bauarbeiten anstehen.

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01. August 2018, 18:26 Uhr

Hamburg | Aus dem trüben Elbwasser steigen Rauch und Luftbläschen empor. Es riecht nach verbranntem Stahl und Schlick. „Ich komme jetzt hoch“, knistert es aus den Lautsprechern. Auf der schwimmenden Plattform halten sich die Kollegen von Mat Goy bereit.

Die Luftbläschen wandern in Richtung Aufstiegsleiter, werden immer größer und schließlich wird ein Taucherhelm unter der Wasseroberfläche erkennbar. Der Berufstaucher zieht sich an der Leiter hoch. Seine Kollegen helfen dem 52-Jährigen, sich mitsamt seinem knapp 45 Kilo schweren Equipment auf die Plattform zu hieven.

Mat Goy steigt nach einem Unterwasserschweißeinsatz aus der Elbe auf.
dpa

Mat Goy steigt nach einem Unterwasserschweißeinsatz aus der Elbe auf.

 

Es ertönt ein lautes Zischen und die restliche Luft entweicht aus Anzug und Helm, der über einen Schlauch mit Pressluftflaschen an der Oberfläche verbunden ist. Knapp drei Stunden war Goy unter Wasser. Nun heißt es erst einmal durchatmen.

Schweißarbeiten im Kanal 

Die Männer sind drei von insgesamt sechs geprüften Tauchern, die für das Hamburger Unternehmen „Taucher Knoth“ im Einsatz sind. Hier arbeiten sie in einem Kanal in der Hafencity. Dort nehmen sie eine sogenannte Vorplattung vor. Dabei werden Bleche vor die aus den Siebziger Jahren stammende Spundwand an der Waterkant geschweißt.

Normalerweise wird für diese Arbeit ein Senkkasten vor die Wand gesetzt, das Wasser abgelassen und direkt an der Spundwand gewerkelt. Ist sie jedoch nicht gerade, kann der Senkkasten nicht befestigt werden und die Taucher werden gerufen. Je nach Tidenhub arbeiten sie an dieser Baustelle bis zu zehn Meter unter der Wasseroberfläche.

Teamwork: Ein Kollege hilft dem Taucher die Handschuhe auszuziehen.
dpa

Teamwork: Ein Kollege hilft dem Taucher die Handschuhe auszuziehen.

 

„Die Zeit unter Wasser vergeht schnell“, berichtet Goy und zündet sich eine Zigarette an. Nach einem Toilettengang und einem zweiten Frühstück geht es wieder zurück ins undurchsichtige Brackwasser. „Bei dieser Tiefe und Temperatur ist es einfach“, sagt der gelernte Schlosser. Gerade im Winter kühle man jedoch trotz Neoprenanzug irgendwann aus.

Die Sicherheit steht an erster Stelle

Die Flotte umfasst vier Tauch- und Bergungsschiffe sowie eine Versorgungsbarkasse. Hinzu kommen eine Hubinsel und diverse Pontons. Der stärkste Schwenkkran des Unternehmens kann bis zu 100 Tonnen heben. „Er kommt bei unseren Aufträgen am häufigsten zum Einsatz“, berichtet Geschäftsführer Ralf Kröger. Neben Bergungen, Schwerlasttransporten, Kampfmittelsondierungen und Wasserbau, führen die Mitarbeiter auch Bauarbeiten an Schiffen aus.

Von der Arbeitsplattform aus erledigen die Taucher Schweißarbeiten.
dpa

Von der Arbeitsplattform aus erledigen die Taucher Schweißarbeiten.

 

Dabei stehe die Sicherheit stets an erster Stelle. „Gefährliche Situationen gibt es oft“, berichtet der 58-Jährige. Bei einer Tiefe unter zehn Metern bestehe zudem beim Auftauchen die Gefahr einer Taucherkrankheit, dem Austreten von Stickstoffbläschen aus dem Blut. Glücklicherweise habe es bei „Taucher Knoth“ bislang aber weder Schwerverletzte noch Tote gegeben.

Bei jedem Einsatz sind mindestens drei Taucher an Bord, damit zwei von ihnen ihrem Kollegen unter Wasser im Notfall zu Hilfe eilen können. Falls die Luftzufuhr über den Schlauch unterbrochen wird, trägt er noch eine Reserveflasche auf dem Rücken.

Ein dauerhaft eingeschaltetes Tauchtelefon und eine Helmkamera sind mit einer Kommandozentrale an Bord verbunden. Ein Kollege überwacht von oben permanent, was sich unter Wasser abspielt und achtet darauf, ob etwa die regelmäßigen Atemgeräusche des Tauchers zu hören sind.

Weniger als 50 Zentimeter Sichtweite

In der Elbe sei die größte Herausforderung das trübe Wasser, aber auch die starke Strömung, die an manchen Stellen herrsche. „Je nach Wetterlage gibt es unter Wasser maximal einen halben Meter Sicht“, erklärt Kröger. Das meiste müsse man daher ertasten. „Jeder Taucher hat zehn Augen, also seine zehn Finger“, scherzt der Ingenieur.

Besonders gefalle ihm an seiner Arbeit die Abwechslung. „Kein Tag ist wie der andere“, erzählt er. Das schätzen auch seine Kollegen. „Es gibt immer wieder neue Herausforderungen“, schwärmt Sascha Navvalo.

Der 36-Jährige ist seit 2008 unter Wasser im Einsatz. „Die Arbeit darf aber nie zur Routine werden, damit man nicht unvorsichtig wird“, berichtet der gelernte Industrieelektroniker. Das bisherige Highlight seiner beruflichen Laufbahn sei die Arbeit an der Kieler Schleuse gewesen, bei der das Schleusentor ausgetauscht und dafür in zwei Hälften geteilt werden musste, erzählt er.

Doch wie wird man eigentlich Berufstaucher?

„Um geprüfter Taucher zu werden, muss man zunächst einmal einen handwerklichen Beruf erlernen“, erklärt Kröger. Die Fortbildung selbst dauere etwa zwei Jahre. Am Ende müsse der Prüfling ein Gesellenstück unter Wasser anfertigen. Um Schweißarbeiten oder eine Kampfmittelräumung vornehmen zu können, bedürfe es einer Zusatzausbildung.

„Generell besteht bei den Tauchbetrieben großer Bedarf an Fachkräften“, berichtet Hans Joachim Beckers, Geschäftsbereichsleiter für Aus- und Weiterbildung bei der IHK Kiel. Daher erhielten die Absolventen auch fast immer eine Anstellung in ihrem Lehrbetrieb. „2017 haben zwölf Personen bei der IHK zu Kiel die Prüfung bestanden“, sagt Beckers.

Was unter Wasser zu Tage kommt, könne man nie sagen. Der skurrilste Fund sei ein Totenschädel mit einem Einschussloch gewesen, berichtet Kröger. Bei der Kampfmittelräumung, bei der zunächst mithilfe von Sonden Änderungen im Magnetfeld der Erde gemessen werden, um Störkörper zu identifizieren, handele es sich oftmals gar nicht um gefährliche Funde. Meistens seien es Stahltäger, Fahrräder, Einkaufskörbe, Drähte oder Gasflaschen, die im Schlick versteckt seien. „Schätze haben wir aber bislang nicht gefunden“, scherzt Kröger.

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