Neue Ausstellung : Angst vorm Alter: Dialoghaus Hamburg will Vorurteile abbauen

Ein Teil der Ausstellung im Museum für Kommunikation in Berlin. Nun sind die Werke auch in Hamburg zu sehen.
Ein Teil der Ausstellung im Museum für Kommunikation in Berlin. Nun sind die Werke auch in Hamburg zu sehen.

„Dialog mit der Zeit“ soll den Besuchern einen optimistischen Blick aufs Altern vermitteln.

shz.de von
24. Mai 2018, 20:49 Uhr

Hamburg | Die dunkelbraunen Augen eines Kleinkinds blicken von einer Videowand herab, während sein Gesicht langsam immer länger wird. Die Falten um die Augen werden tiefer, langsam mischt sich grau in die bis vor kurzem rabenschwarzen Haare. Innerhalb von gut vier Minuten ist aus dem Kleinkind eine alte Frau geworden. An der Wand neben der Videowand steht in pinken Buchstaben: „Altern ist natürlich“.

Mit dem Kurzfilm des Künstlers Anthony Cerniello beginnt die rund 75-minütige Tour durch die neue Ausstellung des Dialoghauses Hamburg.

Es will einen Blick in die Welt älterer Menschen ermöglichen. „Dialog mit der Zeit“ heißt die neue Schau. „Wir wollen, dass die Besucher einen optimistischen Blick auf das Altern bekommen. Wenn das gelingt, haben wir alles richtig gemacht“, sagt Projektleiterin Katharina Petersen. Dies soll auch gelingen, indem die Tour-Teilnehmer von geschulten Senioren betreut würden, die alle 70 Jahre und älter seien.

Die Ausstellung besteht aus mehreren Stationen, bei denen etwa nachempfunden werden soll, wie es sich anfühlt, plötzlich in Rente geschickt zu werden. Exemplarisch dürfen hierfür zufällig ausgewählte Besucher eine bestimmte Zeit nicht mehr an den geführten Touren teilnehmen. Die Zahl der Älteren, die noch berufstätig sind, steigt laut Bundesagentur für Arbeit seit Jahren. Betrachtet man die Gruppe der 55- bis 65-Jährigen, so hatten im Jahr 2012 nur etwa 42 Prozent eine Beschäftigung. Fünf Jahre später waren es schon 50 Prozent.

Wie kann man glücklich altern?

Weiße Stühle stehen im ersten Raum, der nach dem Film betreten wird. Unter Tischen befinden sich mehr als ein Dutzend schwarz-weiß Fotos.

Ein Mann um die 70 Jahre steht in dunklem Tank-Top und Handtuch in einem Fitnessstudio, darunter findet sich etwa das Bild eines ergrauten Pärchens, dass sich innig küsst. An dieser Stelle soll eine Gruppendiskussion darüber entstehen, wie es möglich ist, glücklich zu altern.

Doch die alternde Gesellschaft wird laut einer Umfrage der Bertelsmannstiftung von einer Mehrheit der Deutschen vor allem mit Risiken verbunden. Fast zwei Drittel denken beim demografischen Wandel vor allem an Altersarmut, längere Lebensarbeitszeit und steigende Rentenbeiträge, wie die im März veröffentlichte Befragung zeigt. Im nächsten Jahrzehnt werden verstärkt die geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten „Babyboomer“, in Rente gehen.

Erfahren statt erklären

Jeder Raum erstrahlt in einer anderen knalligen Farbe. Im Wechsel zwischen zwei Räumen kann der Eindruck eines Sehfehlers entstehen, etwa wenn man aus dem blau des Diskussionsraums in das schon fast erschlagende Gelb der nächsten Station kommt. „Wir haben unter anderem diese Farbe gewählt, weil sich das Sehen im Alter verändert und gelblich wird“, erklärt Petersen. Für die Veranstalter sei es wichtiger, dass die Besucher viel erfahren und nicht nur Dinge erklärt bekämen.

Das Hamburger Dialoghaus besuchen nach eigenen Angaben mehr als 100.000 Menschen pro Jahr. Vor allem für viele Schulklassen aus Hamburg und ganz Deutschland seien die Ausstellungen ein Ort des außerschulischen Lernens geworden.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen