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Prozess in Hamburg : Angriff auf konvertierten Iraner - Afghane bestreitet Tat

vom
Aus der Onlineredaktion

Der Afghane soll dem Iraner durch Schlägen auf den Kopf schwer verletzt haben. Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag.

shz.de von
erstellt am 19.Mai.2016 | 16:05 Uhr

Hamburg | Im Prozess um einen mutmaßlich religiös motivierten Angriff auf einen christlichen Iraner in einer Hamburger Flüchtlingsunterkunft hat der Angeklagte die Tat bestritten. „Das ist totaler Unsinn, dass ich H. geschlagen habe, weil er Christ sei“, sagte der Afghane am Donnerstag in einer Erklärung, die sein Anwalt vor dem Landgericht verlas. Es habe eine Schlägerei gegeben, aber er sei es gewesen, der angegriffen wurde. Der Iraner habe zuvor den Islam beleidigt.

In zahlreichen islamischen Ländern werden Konvertiten verfolgt. Nach islamischen Recht wird der Abfall vom Glauben (Apostasie) mit dem Tode bestraft.

Der Afghane, der sein Alter mit etwa 19 Jahre angab, ist wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Er soll den 24 Jahre alten Iraner unvermittelt mit einem Teleskopschlagstock angegriffen und schwer verletzt haben. Das Motiv war laut Anklage Rache oder Verärgerung über den Übertritt des Iraners zum Christentum.

Eigentlich sollte der Iraner am ersten Verhandlungstag als Zeuge aussagen. Doch er habe Deutschland inzwischen verlassen und sei vermutlich in sein Heimatland zurückgekehrt, gab der Vorsitzende Richter Wolfgang Backen bekannt. Zuvor habe es jedoch noch eine richterliche Vernehmung gegeben. Das Protokoll soll noch im Prozess verlesen werden.

Das Gericht versuchte zunächst das Alter des Angeklagten zu ergründen. Diese Frage sei wichtig, denn für einen Heranwachsenden unter 21 wäre eine Jugendkammer zuständig, erläuterte Backen. Die Staatsanwaltschaft hatte den Afghanen auf 23 geschätzt. Er selbst sagte über eine Dolmetscherin: „Ich erinnere mich nicht an mein Geburtsdatum. Ich denke, ich werde 20 in diesem Jahr.“ Sein Verteidiger regte an, das Alter durch ein medizinisches Gutachten feststellen zu lassen.

Nach einer amtlichen Bescheinigung, die der Richter verlas, war der Angeklagte am 13. September vergangenen Jahres nach Deutschland eingereist und zunächst in München registriert worden. Dann sei er über Chemnitz und Leipzig nach Hamburg gekommen, sagte der Afghane. Er sei vor den Taliban geflüchtet.

In der zentralen Erstaufnahme in Hamburg-Eidelstedt - einem ehemaligen Baumarkt - habe er Bett an Bett mit dem Iraner geschlafen. Etwa zwei Tage vor dem Zwischenfall am 18. Oktober habe dieser sich abfällig über den Koran und die Mullahs geäußert, während er selbst in einer Schlange auf das Essen gewartet habe, schilderte der Afghane. Er habe dem Iraner zu dessen Schutz geraten, er solle den Islam nicht beleidigen, weil ihn sonst Araber angreifen würden. Daraufhin habe dieser ihn am T-Shirt gepackt und zu Boden gerissen.

Später sei er erneut von dem Iraner angegriffen worden. Danach habe es eine Streitschlichtung gegeben. Am Tattag habe er vor dem Gebäude der Unterkunft einen Tee getrunken, berichtete der Afghane. Als er wieder hineingehen wollte, sei er hinterrücks von dem Iraner und zweien seiner Freunde auf die Schulter geschlagen worden. Er habe sich mit Faustschlägen verteidigt. Als er zu Boden ging, habe er sich einen Teleskopschlagstock gegriffen, der dort lag. Bevor er ihn einsetzen konnte, sei ihm aber die Waffe von dem Sicherheitspersonal abgenommen worden. Auf Nachfrage des Richters erklärte der Angeklagte, dass er früher Kickboxen praktiziert habe.

Nach der Tat war der Afghane zunächst untergetaucht. In einer anderen Hamburger Flüchtlingsunterkunft erkannte ihn ein Sicherheitsmitarbeiter wieder. Mitte Dezember wurde er verhaftet.

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