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„Die Gesellschaft ist abgestumpft“ : Amateurschiedsrichter in Hamburg wehren sich nach körperlichen Angriffen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Offener Brief gegen die Zustände auf Amateurplätzen. Bei dem, was sich in den vergangenen Wochen zugetragen hat, hilft aber auch kein dickes Fell mehr.

Hamburg | Was absurd klingt, ist im Jahr 2015 im Hamburger Amateurfußball zur Realität geworden. Zur bitteren Realität. Die Schiedsrichter sind in den Augen vieler aktiver Spieler, Zuschauer und Vereinsverantwortlicher nur noch ein Ventil für den eigenen Frust, für die eigenen überscheumenden Emotionen geworden.

„Es ist traurig, dass ich das so sagen muss, aber dass unsere Schiedsrichter beleidigt, bepöbelt und verbal angegangen werden, ist zur allwöchentlichen, gängigen Praxis geworden“, unterstreicht Wilfred Diekert, der Vorsitzende des Verbandsschiedsrichterausschusses (VSA) im Hamburger Fußball-Verband (HFV).

Und er ergänzt: „Das Traurige dabei ist, dass das offenkundig niemanden mehr interessiert. Die jüngeren Schiedsrichter machen das zwei bis drei Wochen mit, dann hängen sie ihre gerade begonnene Schiri-Karriere an den Nagel. Und die älteren Kollegen haben sich ein richtig dickes Fell zugelegt.“

Bei dem, was sich in den vergangenen Wochen zugetragen hat, hilft aber auch kein dickes Fell mehr. Die Angriffe auf die ehrenamtlich tätigen Unparteiischen haben eine neue Dimension eingenommen. Aus Frust über vermeintliche Fehlentscheidungen ist längst blinder Hass geworden. Aus Pöbeleien und Beleidigungen wurden Tritte und Schläge. Gegen die Beine, gegen den Körper, ja sogar gegen den Kopf und mitten ins Gesicht.

„Solche extremen Vorfälle hat es in den vergangenen Jahren bedauerlicherweise immer mal wieder gegeben“, blickt Diekert mit sorgenvoller Miene zurück, „aber in den vergangenen Wochen hat ihre Häufigkeit in einem Maße zugenommen, dass das Maß voll ist.“ So voll, dass sich die im VSA organisierten Schiedsrichter jetzt mit einem Brief an die Öffentlichkeit wenden.

29. März
Nach Abpfiff des Bezirksliga-Spiels (Staffel Ost) zwischen ASV Hamburg und Este 06/70 wurde ein junger Schiedsrichter körperlich attackiert. Auf dem Laptop des Täters wurde vor dem Spiel noch der Spielberichtsbogen ausgefüllt, er scheint aus dem Vereinsumfeld des ASV zu stammen.

„Wir fühlen uns durch die Zustände auf Hamburgs Amateur-Sportplätzen gezwungen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Vielfach werden wir ehrenamtlichen Schiedsrichter respektlos behandelt. In einigen Fällen werden wir beleidigt, bedroht oder gar körperlich attackiert.“, heißt es zu Beginn dieses Schreibens.

Vor allem fünf jüngere, dramatische Vorfälle veranlassten die Unparteiischen zu ihrer Flucht nach vorn. Auch den Kreis Pinneberg hat die Welle der neuen Gewalt längst erreicht: Am 30. August bedrängten Spieler, Offizielle und angetrunkene „Fans“ des Oberliga-Teams Buxtehuder SV Schiedsrichter Benjamin Stello (SC Egenbüttel) nach ihrer 2:3-Niederlage am 6. Spieltag beim VfL Pinneberg. Stello soll auf seinem Spießrutenlauf Richtung Kabine sogar bespuckt worden sein. Grund: Der späte Pinneberger Siegtreffer soll aus einer Abseitsposition heraus entstanden sein. Bilder des Web-Senders Elbkick.tv belegten hinterher, dass Stello und sein Gespann richtig lagen. Nach tagelanger anonymer Hetze im Internet entschuldigten sich die „Kritiker“ beim Oberstudienrat eines Schenefelder Gymnasiums. Was nach irrer Einzeltat klingt, ist längst zum Alltag der Schiedsrichter geworden.

4. September
Nach der Landesliga-Partie zwischen Bramfeld und Dersimspor (Hansa-Staffel), wurde der Spielleiter Mike Franke von gewalttätigen Dersimspor-Anhängern zu Boden geschlagen und noch am Boden liegend weiter attackiert. Bis heute weigert sich der Verein die Namen der Täter preis zu geben.

Schiedsrichter-Boss Diekert aus Appen sieht darin ein Spiegelbild der Gesellschaft: „Die Hemmschwelle sinkt, die Gewaltbereitschaft steigt. Die Gesellschaft ist abgestumpft. Das Phänomen hat längst die oberen Spielklassen erreicht.“

Diekert geht einen Schritt weiter: „Man muss das Problem beim Namen nennen, es nützt ja nichts: Man muss sich nur mal anschauen, welche Vereine zumeist in diese Fälle verstrickt sind. Vereine, deren Mitwirkende einen Migrationshintergrund haben und/oder aus sozial benachteiligten Schichten stammen. Da bilden sich am Rande der Gesellschaft Gruppen heraus, die andere moralische Maßstäbe haben. Für die ist der Schiedsrichter kein Teil des Spiels, keine Instanz, sondern oft der Feind. Diesen Eindruck kann man jedenfalls gewinnen.“

13. September
Referee Benjamin Stello (SC Egenbüttel) bittet im Landesligaspiel zwischen dem FC Elazig Sport und dem SC Schwarzenbek (Hansa-Staffel) die Mannschaften in die Kabine, nachdem Elazig wegen vier Platzverweisen und einem verletzungsbedingten Ausfall beim Stand von  10:0 für Schwarzenbek in der 74. Minute nur noch mit sechs Akteuren auf dem Feld steht. Die Partie wurde als Abbruch eingetragen.

Es sei daher wichtig, von Verbandsseite aus Integrationsarbeit zu leisten, so Diekert, der allerdings auch betont: „Integration muss beidseitig sein. Es nützt nichts, wenn der Verband Integrationspreise ausschreibt, die Vereine zu Verbandstagen und Ehrungen einlädt, aber kaum einer kommt. Zudem ist auffällig, dass die Vereine, die sich negativ gegenüber unseren Schiedsrichtern verhalten, selbst keine Schiedsrichter ausbilden.“

Die Politik der sanften Sanktionen müsse, so sieht es jedenfalls der erfahrene Schiedsrichter Diekert, angesichts der jüngsten Vorfälle überdacht werden. Der VSA-Chef fordert daher drakonische Strafen: „Hamburg ist einer der letzten Landesverbände, die weder eine Gelb-Rote Karte, noch die fünfte Gelbe mit Sperren sanktionieren. Auf unserem vergangenen Verbandstag haben das die Vereine mehrheitlich abgelehnt, aber der Fairness ist das nicht zuträglich. Meiner Meinung nach führt das nur dazu, dass Spieler es zunehmend mutwillig in Kauf nehmen, Gelb-Rot zu bekommen, da sie ja wissen, dass das keinerlei Strafe nach sich zieht.“

20. September
Als Schiedsrichter Stephan Prado Munoz in der Landesligapartie zwischen dem FC Bergedorf 85 und dem SV Altengamme (Hansa-Staffel) in der 74. Minute einen Bergedorfer Spieler vom Platz stellt, bedrängten Spieler und wohl auch Zuschauer den Referee. Munoz brach die Partie ab und verlässt die Anlage Sander Tannen nur unter Polizeischutz. 

In Schleswig-Holstein ist es längst gängige Praxis, auch Ampelkarten schon mit einem Spiel Sperre zu belegen. Auch das Mittel des Ausschlusses vom Spielbetrieb müsse laut Diekert künftig öfter angewendet werden: „Es kann doch nicht sein, dass – im Falle Elazigspor – ein offenkundiger Vereinsoffizieller erst auf seinem Laptop den Spielbericht ausfüllt, nach der Partie dann einen unserer Schiris verdrischt und flüchtet. Und vom Verein will ihn nachher keiner gekannt haben und man gibt vor dem Sportgericht seinen Namen nicht preis.“

Dass es mittlerweile vermehrt nicht nur Spieler im Affekt, sondern Zuschauer und gar Trainer sind, die sich nicht mehr im Griff haben, sieht Diekert mit großer Besorgnis: „Diese Leute sind zum Teil nicht mehr zurechnungsfähig. Die Trainer haben oftmals vergessen, dass sie eine Vorbildfunktion haben. Ich erlebe es nicht selten, dass sogar Oberliga-Trainer unsere Schiris verbal attackieren.“

Stumpf ist Trumpf – nicht nur in den Ligen sieben, sechs, fünf und vier. „Wenn ich sehe, wie die Bundesliga-trainer Jürgen Klopp, Christian Streich oder Thomas Tuchel zum Teil auf die Schiedsrichter losgehen, dann wundert es mich nicht, dass das von Amateurtrainern nachgemacht wird. Anstatt ihrer Vorbildfunktion nachzukommen, springen die wie wildgeworden da rum und sorgen auf diese Weise dafür, dass dieses Verhalten salonfähig wird – das ist eine fatale Entwicklung.“

Diese, das weiß auch Diekert, könne der VSA nicht aufhalten. „Aber man kann versuchen, wach zu rütteln und an die Vernünftigen zu appellieren.“ Genau das versuchen die Verbandsschiedsrichter mit ihrem offenen Brief. Sie haben genug einstecken müssen – im wahrsten Sinne des Wortes.  

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erstellt am 23.Sep.2015 | 16:16 Uhr

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