Effizient und transparent : Alles in Bewegung: Hamburger Logistik-Start-up vernetzt Lkw-Verkehr

Stau auf der Hamburger Köhlbrandbrücke: Bis zu 30 Prozent der Lkw sind ohne Ladung unterwegs.
Stau auf der Hamburger Köhlbrandbrücke: Bis zu 30 Prozent der Lkw sind ohne Ladung unterwegs.

Junge Firmen mischen mit Internet und Algorithmen die Logistik-Branche auf – ein Hamburger Unternehmen nimmt sich den Lkw-Verkehr vor.

till_maj_0539 von
05. Juni 2017, 19:24 Uhr

Hamburg | Die Reisebranche und das Taxi-Gewerbe haben eines gemeinsam: Sie haben in der Vergangenheit (leidvoll) erlebt, wie die Digitalisierung althergebrachte Strukturen aufbricht und dabei Online-Portale Reisebüros verdrängen und Smartphone-Apps die Taxi-Zentrale zum Auslaufmodell machen. Nun nehmen sich Computer-Spezialisten und Investoren die nächste Branche vor: die Logistik.

Die Bundesregierung geht von einer drastischen Zunahme des Lastwagenverkehrs aus. Bis zu 30 Prozent der Lkw auf den Straßen sind ohne Fracht unterwegs. Damit das künftig besser organisiert werden kann, muss der Güterverkehr intelligent werden.

Flexport, Cargonexx, Uber Freight, Freight Hub heißen die jungen Firmen, deren Geschäftsmodelle nicht selten einer Kampfansage gleichkommen. Nach einer kürzlich vorgestellten Analyse der Managementberatung Oliver Wyman pumpten Investoren allein in den vergangenen zehn Jahren fast elf Milliarden Euro in junge Firmen, die sich mit Containern, Sperrgut und Lieferketten beschäftigen. Den Angaben zufolge wird derzeit alle fünf Tage ein neues Logistik-Start-up gegründet. Eines davon: das in Hamburg ansässige Unternehmen Cargonexx. Es will Bewegung in Europas Lkw-Markt bringen, wohl auch weil die Geschichte der Firma mit einem Stillstand begann.

So ließ ein Lkw-Stau im Sommer 2015 Rolf-Dieter Lafrenz und Andreas Karanas über die Logistik-Branche grübeln und wenig später das gemeinsame Unternehmen aus der Taufe heben. Mit Vorhersage-Modellen und künstlicher Intelligenz will das Start-up die klassischen Frachtbörsen überflüssig machen, über die Speditionen bislang vergleichsweise kompliziert ihre Aufträge an einzelne Transportunternehmen vergeben haben. Das System errechnet die Wahrscheinlichkeit, mit der registrierte Lastwagen auf einer bestimmten Route unterwegs sind und welche Kapazitäten diese bieten. Das alles geschieht innerhalb weniger Sekunden und soll mittelfristig sogar helfen, Leerfahrten zu reduzieren.

Cargonexx konzentriert sich dabei ganz auf den Lkw-Verkehr. Doch auch die anderen Frachtbereiche stehen vor Veränderungen. Das Berliner Start-up Freight Hub will so beispielsweise das Geschäft mit der Seefracht „ins 21. Jahrhundert bringen“. Und in den USA wiederum – wo viele Lastwagen-Fahrer selbständige Unternehmer sind – schickt sich Uber Freight an, die Regeln der Branche neu zu schreiben.

Sie seien mit dem Blick von Digital-Leuten an die Sache herangegangen, sagt Lafrenz. Spediteure waren weder er noch sein Mitstreiter Andreas Karanas zuvor. Lafrenz arbeitete als Unternehmensberater, Karanas hatte zuvor erfolgreich zwei IT-Start-ups aufgebaut, die sich um TV-Werbung und E-Commerce gedreht hatten. Nicht um Logistik. Und dennoch: „Wer hat Paypal gemacht, das war kein Banker“, sagt Lafrenz. „Amazon wurde auch nicht von einem Buchhändler gegründet.“

Der Manager ist überzeugt: „Die großen Ideen kommen immer von Quereinsteigern.“ Und aus Sicht der Cargonexx-Macher könnte die Plattform eben das werden: groß. „Der Lkw-Markt in Europa ist über 200 Milliarden Euro schwer“, rechnet Lafrenz vor. Aus unternehmerischer Sicht ist es diese Größe, die ihn reizt. Während sich Digital-Unternehmen in Europa in anderen Marktsegmenten oft schwer tun, die nationalen Grenzen zu überwinden, könnten die Logistik-Start-ups womöglich jenen Hebel für sich nutzen, der auch Google, Uber, AirBnB und Facebook auf die globale Bühne gehievt hat – der gewaltige Heimatmarkt.

Rund 400 Speditionen zählt Cargonexx derzeit zu seinen Kunden; 2300 Transportunternehmen sind bei der Plattform registriert. Unter den Kunden finden sich Namen wie jener von Kühne  +  Nagel. Mittelfristig könnte sich die Plattform jedoch auch für die Versender der Waren öffnen; ob es so kommt, ist derzeit offen. „Wir spüren ein sehr, sehr großes Interesse von Unternehmen“, räumt Lafrenz ein.

Für klassische Speditionen, Frachtbörsen und Logistiker haben die neuen Herausforderer durchaus Bedrohungspotenzial. „Innovative Start-ups sind dabei, das klassische Speditionsgeschäft komplett zu digitalisieren”, urteilt Joris D’Inca bei der Managementberatung Oliver Wyman. „Wenn die etablieren Anbieter nicht rechtzeitig auf die digitalen Geschäftsmodelle reagieren, können die agilen Start-ups schon bald zu einer realistischen Gefahr werden“, urteilt er.

Zugleich bieten die jungen Firmen mit ihren Ideen aber auch Chancen. In Hamburg will die Hamburger Sparkasse und die Logistik-Initiative der Hansestadt daher ab Oktober mit dem Programm „Next Logistics Accelerator“ gezielt Start-ups aus dem Logistik-Bereich fördern.

Für Lafrenz geht es nicht nur um unternehmerischen Erfolg. Ihn treibt noch etwas anderes an: „Die Lkw-Transporte werden uns irgendwann umbringen“, warnt er. Nach Zahlen der Bundesregierung soll der er bis 2030 gegenüber dem Vergleichsjahr 2010 um 29 Prozent zulegen. „Das Ganze wird nur funktionieren, wenn wir den Güterverkehr intelligent organisieren”, so Lafrenz.
 

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