Urteil in Hamburg : Achtjährige entführt – Freispruch für psychisch Kranken

Ermittler entdeckten im Haus des Täters einen mit Atmungsschlitzen versehenen Schrank samt Dämmplatten – offenbar gedacht als Verlies für das Entführungsopfer.
Ermittler entdeckten im Haus des Täters einen mit Atmungsschlitzen versehenen Schrank samt Dämmplatten – offenbar gedacht als Verlies für das Entführungsopfer.

Er gibt vor Gericht alles zu, bleibt aber straffrei: Ein 28-Jähriger, der ein kleines Mädchen in Hamburg entführte und wochenlang in einem Verlies missbrauchen wollte, ist laut Gericht schuldunfähig.

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26. November 2013, 18:34 Uhr

Hamburg | Er hatte ein achtjähriges Mädchen am helllichten Tag von der Straße in sein Auto gezerrt und wollte sich in seinem Haus sexuell an ihr vergehen. Vor Gericht hat Christian H. diesen Plan zugegeben, dennoch bleibt der 28-Jährige straffrei. Das Hamburger Landgericht hat den Angeklagten freigesprochen, „aus Rechtsgründen“, erklärte der Vorsitzende Richter nebulös – und meinte damit wegen Schuldunfähigkeit.

Denn H. ist psychisch schwer krank, weshalb ihn die Kammer in eine psychiatrische Klinik eingewiesen hat. Wie lange der 28-Jährige dort bleiben muss, hängt allein von seiner gesundheitlichen Entwicklung ab. Möglicherweise bis ans Ende seines Lebens.

Wie die gesamte Verhandlung erfolgte auch die Urteilsbegründung unter Ausschluss der Öffentlichkeit. H. leidet unter dem Asperger-Syndrom, einer dem Autismus verwandten Kontakt- und Kommunikationsstörung. Allerdings galt der junge Mann bis zu jenem verhängnisvollen 30. April dieses Jahres nicht als gefährlich für die Allgemeinheit. Eine schwere Fehleinschätzung, wie die dramatischen Geschehnisse in Hamburg-Duvenstedt zeigen sollten.

Am Nachmittag hatte sich H. in seinem Auto der Achtjährigen genähert, die sich auf dem Nachhauseweg befand. Er stoppte, stieg aus und sprach die Grundschülerin an. Dann zerrte der Angreifer das Mädchen auf die Rückbank seines Wagens, schloss die Tür und wollte davonfahren. Doch das Opfer konnte die Tür öffnen. Wild schreiend stürzte die Schülerin auf den Gehweg, wo Passanten sich ihrer annahmen. H. flüchtete in seinem VW Passat, doch ein Zeuge hatte sich das Kennzeichen gemerkt. Dieses führte die Ermittler direkt zum Täter.

Noch in der Nacht nach der Tat nahmen Polizisten Christian H. fest. Im Verhör sagte er aus, dass er das ihm unbekannte Mädchen über Wochen gefangen halten und sexuell missbrauchen wollte. Ermittler entdeckten im Haus einen mit Atmungsschlitzen versehenen Schrank samt Dämmplatten – offenbar gedacht als Verlies für das Entführungsopfer.

H. sitzt seit August in der geschlossene Psychiatrie. In dem Prozess musste er sich wegen versuchter Entführung und versuchten schweren sexuellen Missbrauchs verantworten musste.

Weitere Prozesse, die für Aufsehen sorgen:

Schwimm-Trainer soll 16-Jährige missbraucht haben

Zwischen 2004 und 2006 soll sich ein Schwimmtrainer an einer ihm damals anvertrauten jungen Schwimmerin mehrfach vergangen haben – in seiner damaligen Kieler Wohnung, im Urlaub auf Kreta sowie in einem Berliner Hotel 2005. Insgesamt 18 Fälle sexuellen Missbrauchs wirft die Staatsanwaltschaft dem heute 41-Jährigen vor. Die Anklageschrift im neuen Verfahren ist dieselbe wie im ersten Prozess, der im August 2012 in Kiel gestartet war. Das Amtsgericht rollt den Ende 2012 geplatzten Prozess neu auf. Damals hatte die Verteidigung einen Antrag auf ein Glaubwürdigkeits-Gutachten der heute 25-jährigen Hauptbelastungszeugin gestellt. Es konnte in der geforderten Zeit jedoch nicht erstellt werden. Seit dem 19. November wird erneut verhandelt.

Führerschein verweigert – Sachbearbeiterin erstochen

Ein 57-Jähriger, der seine Führerschein-Sachbearbeiterin erstochen haben soll, muss sich seit Mitte November vor dem Landgericht Flensburg verantworten. Der bis dahin unbescholtene Mann war laut Anklage Ende April in Lürschau bei Schleswig in das Einfamilienhaus seiner Sachbearbeiterin eingedrungen. Dann soll er die 37-Jährige zunächst gewürgt und anschließend auf sie eingestochen haben. Hintergrund ist den Angaben zufolge die Nichterteilung einer Fahrerlaubnis. Laut Staatsanwaltschaft unternahm der Angeklagte nach der Tat einen Selbstmordversuch.

Mord an Lübecker Joggerin

Einem 45 Jahre alten Mann aus Lübeck wird vor dem Schweriner Landgericht neben Mord versuchte sexuelle Nötigung und ein Verstoß gegen das Waffengesetz zur Last gelegt. Der Tatverdächtige soll eine 29-jährige Joggerin aus Lübeck Anfang Juli in einem Waldstück zwischen Lübeck und der westmecklenburgischen Gemeinde Herrnburg überfallen haben, um sich an ihr zu vergehen. Als die Läuferin – die mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Kind mittlerweile in Italien lebt und nur zu Besuch bei ihren Eltern war – sich gegen den sexuell motivierten Angriff wehrte, hat sie der Mann nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft gezielt erstochen. Die Staatsanwaltschaft geht nach eigenen Angaben von niedrigen Beweggründen für die Tat aus. Das Gesetz sieht dafür lebenslange Haft vor.

Methadontod der elfjährigen Chantal

Nach dem Methadontod der elfjährigen Chantal im Januar 2012 beginnt der Prozess gegen die Pflegeeltern nach Einschätzung der Hamburger Staatsanwaltschaft wohl nicht mehr im Jahr 2013. Mitte August hatte das Oberlandesgericht eine Entscheidung des Landgerichtes korrigiert, das nur gegen den Pflegevater verhandeln wollte. Nach Ansicht des Oberlandesgerichts ist die Anklage gegen die Pflegemutter ohne Einschränkung zuzulassen, da die Frau der fahrlässigen Tötung und der Verletzung ihrer Fürsorge- und Erziehungspflicht hinreichend verdächtig sei. Chantal war in Hamburg-Wilhelmsburg in der Obhut ihrer drogensüchtigen Pflegeeltern an einer Vergiftung mit der Heroin-Ersatzdroge Methadon gestorben.

 
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