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Hauptbahnhof Hamburg : 25 Jahre „Neue Wandelhalle“ – eine Ortsbegehung

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Mit fast einer halben Million Menschen ist der Hamburger Hauptbahnhof einer der frequentiertesten in Deutschland. Die Wandelhalle feiert in diesen Tagen Geburtstag.

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erstellt am 10.Jun.2016 | 13:34 Uhr

Hamburg | Die Wandelhalle verbindet St. Georg mit der Innenstadt. Sie ist Durchgang und Wartebereich in Einem. Es ist wuselig. Die Massen gehen, schlendern, rennen durch die Wandelhalle. Das Accessoire Nummer Eins ist der Trolley-Koffer. Er gehört hier zu vielen Menschen, wie sonst die Handtasche zur Frau. Es ist Mittag. Geschäftsmänner und Touristen kämpfen um den schnellsten und besten Smoothie, Falafel oder Dönerkebab. Eine Schulklasse aus England dominiert für eine Minute die Halle. Laut plappernd laufen sie von West nach Ost, verteilt in vielen kleinen Grüppchen, ohne die Wandelhalle auch nur eines Blickes zu würdigen, zu sehr sind sie mit ihrer Konversation beschäftigt.

Am prägnantesten sind die zwei großen Bahnhofsuhren auf beiden Seiten der Halle. Von jeder Seite aus ist die genaue Uhrzeit zu erkennen. Einen Sekundenzeiger gibt es nicht. Die großen Anzeigetafeln verraten das richtige Gleis zum Zug, und viel wichtiger, die genauen Abfahrtzeiten. Hier liegen Glück und Leid dicht beieinander. Während sich der eine über den pünktlichen Zug erfreut, schimpft der andere über die Verspätung. Der Blick nach oben reicht 22 Meter hoch, bis an die Stahlträger unter das Dach. Die Weite über dem Kopf ist befreiend zwischen dem hektischen Getummel auf rot-gekacheltem Boden.

Schon 1902 wurde der Hamburger Hauptbahnhof auf Anordnung von Kaiser Wilhelm II. im Neorenaissance-Stil konzipiert. Die an der Nordseite gelegene Haupthalle des Hauptbahnhofes bekam ihren Namen: Wandelhalle.

Die Wandelhalle in den Anfangsjahren.
Die Wandelhalle in den Anfangsjahren. Foto: Fotografen Dierck Lawrenz
 

Nachdem diese im Zweiten Weltkrieg zerstört und danach wieder aufgebaut worden war, musste sie schließlich Anfang der Achtziger doch wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Der Wiederaufbau der Fassade erfolgte 1989 nach historischem Vorbild und Plänen von Horst-Barthold von Bassewitz. 80 Millionen DM und 18 Monate Bauzeit später eröffnete die heutige sogenannte „Neue Wandelhalle“ feierlich am 1. Juni 1991 - vor einem Vierteljahrhundert. Damals galt sie als bundesweit erstes Einkaufszentrum in einem Hauptbahnhof. Das ist sie heute nicht mehr. Viele Bahnhöfe in anderen Städten folgten dem Konzept zwischen Wartehalle, Gastronomie-Hotspot und Einkaufsmittelpunkt.

Die „Neue Wandelhalle“ im Jahr 2016 – ein Vierteljahrhundert nach ihrer Einweihung.
Die „Neue Wandelhalle“ im Jahr 2016 – ein Vierteljahrhundert nach ihrer Einweihung. Foto: Mona Adams

Der Süßwarenhändler arko hat seinen Standort schon seit der Neueröffnung in erster Reihe, ebenso wie auch Blumen Petzoldt, Drogerie Rossmann, Friseur Ryf, Gosch oder Tabak Jonas.

Arko-Filialleiterin Nicole Galek arbeitet seit vier Jahren in der Neuen Wandelhalle. Viele Kunden kommen in erster Linie, um Freunden und Familie Kleinigkeiten aus der Hansestadt mitzubringen. Besonders gut verkauft sie „Hamburger Pralinen“, „Hamburger Speck“ oder sogenannte „Elbkiesel“. „Alles was einen Hamburgbezug hat oder maritim ist, geht besonders gut“, verrät Nicole Galek. „Zu uns kommen alle, von jung bis alt, so ein gemischtes Publikum haben wir in kaum einer anderen Filiale.“ Und: meistens muss es schnell gehen, erzählt sie. Manchmal wird aber auch gelungert.

Die Menschen in der Wandelhalle lassen sich in zwei Kategorien einteilen: diejenigen, die noch Zeit haben, bis ihre Bahn fährt, und diejenigen, deren Bahn jede Minute fährt. Die Zeitüberbrücker und die Zeitknappen. Während die Zeitknappen nur schnell in einen Laden reinrennen, um fast wahllos noch ein Baguette für die Fahrt, und ein Mitbringsel für die Frau einzukaufen, bummeln die Zeitüberbrücker ganz gemächlich von Bäcker zum Asialaden, vom Schuhgeschäft zur Parfümerie. Dabei sind die rund 20 Shops gerade im Winter eine willkommene Abwechslung zu den kalten Gleisen. Die verschiedensten Dialekte und Sprachen kommen hier rein.

Eine Frau schiebt ihr Kind im Kinderwagen an einer kleinen Gruppe aus Süddeutschland vorbei. Das Trio posiert zwischen seinen Koffern in Richtung Fotograf. Günter (73) aus Baden-Baden knipst und knipst. Andenken für die Familie zu Hause. „Wir fühlen uns in der Halle richtig wohl“, sagt der Rentner. Für einen Städtetripp war die kleine Reisegruppe in der Hansestadt, gleich geht es mit dem ICE zurück in die Heimat. So lange wird gebummelt: „Die Frauen haben schon Parfüm gekauft“, erzählt Günter.

Wenn normale Shops noch oder schon geschlossen sind, haben die über 50 Geschäfte, Restaurants und Gastronomiestände geöffnet. Unter der Woche genau so, wie samstags und sonntags. Jeden Tag gehen hier Hunderttausende ein und aus. Centermanager Daniel Martens: „Die Wandelhalle ist mitten in Hamburg ein schöner Ort, um Dinge des täglichen Bedarfs zu shoppen. Sie bietet einen wunderbaren Mix an Gelegenheiten zum Essen, Trinken und Kaufen, auch bei schlechtem Wetter - ‚gut bedacht‘ eben.“

Kaum vorstellbar, dass hier vor wenigen Monaten noch Flüchtlinge kampierten. Im September vergangenen Jahres sorgte die Wandelhalle für Schlagzeilen: Geflüchtete schliefen in der 140 Meter langen Wandelhalle auf Decken und Jacken, dazwischen Pendler auf dem Weg zu ihrer Arbeit. Eigentlich ist das Sitzen und Liegen auf dem Boden, auf Treppen und Zugängen laut Hausordnung der Deutschen Bahn verboten. Die Bahn drückte ein Auge zu, schnell wurde eine Lösung gesucht - mittlerweile sind die Bilder Vergangenheit. Auch ohne sie sind die Kontraste in der Wandelhalle groß: Geschäftsmänner kreuzen Punks und Obdachlose, Eltern mit Kinderwagen überholen Senioren, Schickimicki trifft Schlichtheit.

So interessant und unterschiedlich wie die Menschen, sind auch die Gerichte der 24 Restaurants und Verkaufsstände. Die Düfte von asiatischen, arabischen oder deutschen Gerichten kämpfen um die Gunst und Aufmerksamkeit der Pendler - das bayrische „Löwenbräu“, genauso wie der griechische „Sallis" oder „Gosch“ aus Sylt. Ein eigener Bereich vereint alle Köstlichkeiten.

Gut vom Eingang aus zu sehen ist „Sahha“. Das Restaurant bietet eine große Auswahl syrischer Spezialitäten. Jeden Tag gibt es hier von 6 bis 23 Uhr frisch zubereitete Mazza und Falafel oder hausgemachte Lammwürstchen. Filialleiter Aref Jarkas arbeitet seit neun Jahren in der Wandelhalle und kennt seine Kundschaft: Neben Touristen und Pendler kommen viele Stammkunden aus der angrenzenden Innenstadt. „Bei schlechtem Wetter nehmen die Menschen auch Platz“, erzählt er.

Rund 25 Sitzplätze gehören zum Restaurant. In diesen Tagen, bei gutem Wetter, ist weniger los. „Wir merken, wenn was los ist in der Stadt, beim Hafengeburtstag zum Beispiel.“ Aref Jarkas erfährt viel von seinen Kunden, wenn sie, wie gerade, vor der großen Kreuzfahrt noch schnell ein Mahl bei ihm einnehmen. „Ich mag diese Location“, sagt er. Verständlich, hier hat er seine Freundin kennengelernt. Heute sind sie verlobt. Bald wollen sie heiraten. Sie arbeitet nur wenige Meter weiter, hier in der Wandelhalle, auf einem der meist frequentierten Personenbahnhöfe Deutschlands.

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