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Vater vor Gericht : 15-Jähriger schießt sich in Kopf – Prozessbeginn in Hamburg

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Der Junge überlebte wie durch ein Wunder. Der Vater muss sich nicht nur wegen fahrlässiger Körperverletzung verantworten.

Hamburg | Der Angeklagte ist außer sich. Als „Scheiß-Presse“ beschimpft Jürgen K. (Name geändert) Journalisten und TV-Teams im Amtsgericht Hamburg-Blankenese. Was den 59-Jährigen so aufbringt, hat einen dramatischen familiären Hintergrund. Im Dezember 2014 hat sich Sohn Paul (15, Name geändert) mit der väterlichen Pistole in die Schläfe geschossen. Wie durch ein Wunder überlebte der Junge. Das Projektil sitzt noch immer in seinem Kopf.

Seit Montag muss sich Jürgen K. wegen fahrlässiger Körperverletzung und Verstoßes gegen das Waffengesetz verantworten. Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Er soll den Schlüssel zum Waffentresor herumliegen gelassen und dort auch Munition aufbewahrt haben; laut Waffenerlaubniskarte durfte er keine Patronen besitzen. Einen öffentlichen Prozess hätte K. indes vermeiden können. Doch den Strafbefehl über 4800 Euro akzeptierte er nicht, so kommt es zur mündlichen Hauptverhandlung - unter großem Medieninteresse.

An jenem verhängnisvollen Abend hatten der Angeklagte und seine Frau die Wohnung in dem Elbvorort kurz verlassen, ihr Sohn blieb allein zurück. Den Schlüsselbund habe der Angeklagte auf der Kommode vergessen, räumt der Verteidiger ein. Warum Paul die halbautomatische Star, Kaliber 9 Millimeter, aus dem Tresor nahm, sich an die rechte Schläfe hielt und abdrückte, ist bis heute ein Rätsel. Hinweise auf Suizidabsichten fanden die Ermittler nicht. Dachte der Junge, die Waffe sei nicht geladen?

Der Vater: „Es gibt auch im Nachhinein keine Erklärung.“ Patronen will Jürgen K. nicht besessen haben. Von wem sich Paul diese besorgt haben könnte, sagt der Vater im Prozess aber nicht. Auch von dem Schüler wird das Gericht nichts Erhellendes erfahren. Per Fax lässt er während der laufenden Verhandlung mitteilen, dass er die Aussage verweigert.

Eine Kriminalbeamtin berichtet indes als Zeugin, sie habe nach dem Vorfall im Safe sehr wohl eine 9-Millimeter-Patrone entdeckt. Auch im Nachschränkchen hätten Munitionsteile gelegen, zudem fand sich eine Handgranaten-Attrappe in der Wohnung.

„Paul hat sich für Waffen interessiert“, erklärt der Verteidiger – „ein rein technisches Interesse“. Der Teenager habe Waffen auseinandergenommen und zusammengesetzt, Vater und Sohn seien auch mal gemeinsam schießen gegangen. Verteidiger Burkert: „Aber das war kein gefährliches Waffenlager in der Wohnung.“

Mit einer Not-OP hatten Ärzte das Leben des Jungen gerettet. Wie es seinem Sohn jetzt gehe, will Amtsrichterin Ursula Stegmann am Ende des ersten Verhandlungstages wissen. „Bestens, er ist zu 100 Prozent wieder hergestellt“, entgegnet der Angeklagte. „Wir haben versucht, den familiären Zustand wieder herzustellen. Das ist uns gelungen.“

Der Prozess wird fortgesetzt.

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erstellt am 12.Okt.2015 | 17:12 Uhr

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