Schwedische Journalistin Kim Wall : Tod im U-Boot: Peter Madsen bestreitet Mord vor Gericht

Peter Madsen hat ausgesagt, die vermisste schwedische Journalistin sei durch ein Unglück an Bord ums Leben gekommen.
Peter Madsen hat ausgesagt, die vermisste schwedische Journalistin sei durch ein Unglück an Bord ums Leben gekommen.

Dem 47-Jährigen wird Folter und Mord vorgeworfen, die Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Haft und Sicherungsverwahrung.

shz.de von
08. März 2018, 10:13 Uhr

Kopenhagen | Die schwedische Journalistin Kim Wall ist nach Angaben des mordverdächtigen Erfinders Peter Madsen an Bord seines U-Bootes erstickt. Er habe etwas reparieren wollen, habe deshalb einen Kompressor und zwei Motoren gestartet und sei durch ein Luk nach draußen geklettert, sagte der 47-Jährige am Donnerstag zum Prozessauftakt vor Gericht. Er habe das Luk nicht wieder öffnen können, wohl weil sich ein Unterdruck im Boot gebildet habe. „Ich konnte Kim da unten rufen hören“, sagte er.

Erst nach einer Weile habe er das Luk wieder öffnen können. Ihm sei warme Luft entgegengekommen. Wall habe leblos im Boot gelegen. Die Staatsanwaltschaft glaubt nicht an den beschriebenen Unfall. Sie wirft Madsen vor, die junge Frau gefesselt, gequält und ermordet zu haben. 

Madsen hat zu Beginn des spektakulären U-Boot-Prozesses in Kopenhagen bestritten, die Schwedin Kim Wall ermordet zu haben. Auch zum Vorwurf des sexuellen Missbrauchs plädiere er auf unschuldig, sagte seine Anwältin am Donnerstag vor Gericht in Kopenhagen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 47-Jährigen vor, die schwedische Journalistin in dem selbstgebauten U-Boot gefoltert, mehrfach auf ihren Unterleib eingestochen und sie dann getötet zu haben. Sie fordert lebenslange Haft und Sicherungsverwahrung. Zum Prozessauftakt am Donnerstag bekannte sich Madsen lediglich schuldig, die Leiche der jungen Frau zerteilt und über Bord geworfen zu haben.

Dass er Werkzeug wie eine Säge und spitze Schraubenzieher an Bord brachte, zeige, dass er die Tat geplant habe. Darauf könnte auch hindeuten, dass er noch am Abend Verabredungen für den nächsten Tag absagte.

An Walls Leiche wurden DNA-Spuren des Erfinders gefunden. Weder auf noch in ihrem Körper gebe es Spuren, die vom Angeklagten stammten, sagte Staatsanwalt Jakob Buch-Jepsen. Er zeigte dazu eine Zeichnung ihres Torsos, auf der Schnitte und Einstichstellen vermerkt waren. In Madsens Unterhose sei Sperma gefunden worden, sagte der Staatsanwalt.

Die Journalistin kam bei der Arbeit für eine Reportage über Madsen ums Leben.
dpa
Die Journalistin kam bei der Arbeit für eine Reportage über Madsen ums Leben.
 

Die schwedische Journalistin Kim Wall hatte vor ihrem Tod eine letzte SMS verschickt. „Ich lebe übrigens noch – aber wir gehen runter! Ich liebe dich!!!!!! Er hat Kaffee und Kekse mitgebracht“, schrieb sie am Abend des 10. August auf Englisch an ihren Freund. Die SMS wurde im Kopenhagener Gericht gezeigt. Etwa eine Viertelstunde danach sei ihr Telefon noch einmal kurz ins Internet gegangen. Das sei das letzte Lebenszeichen der 30-Jährigen gewesen, sagte Staatsanwalt Jakob Buch-Jepsen.

Der Angeklagte nahm die Erklärungen vor Gericht äußerlich unbewegt hin.

Was bisher geschah

Am Abend des 10. August fahren Madsen und Wall mit dem U-Boot hinaus auf den Øresund, die Meerenge zwischen Dänemark und Schweden. Die junge Frau will ihn interviewen. Die 30-Jährige ist investigative Journalistin, hat bereits aus Uganda und Sri Lanka berichtet, schrieb für den „Guardian“, die „New York Times“ und das renommierte Magazin „Time“. „Sie fand Geschichten, wo immer sie hinreiste“, sagt ihre Mutter. „Kim hatte eine einzigartige Fähigkeit, den Menschen zu sehen.“ Der Mensch in ihrer nächsten Story sollte Madsen sein.

Für das Interview habe Wall extra ihre eigene Abschiedsparty verlassen, erzählt ihr Freund einem dänischen Fernsehsender. Die beiden wollten nach China ziehen. Wall winkt ihm noch vom Turm des U-Bootes zu. Stunden später meldet ihr Freund sie als vermisst.

Am nächsten Vormittag wird die „Nautilus“ entdeckt, doch sie sinkt. Madsen fischt man aus dem Wasser. Wall dagegen finden die Ermittler erst Tage und Wochen später. Erst den Torso und den Kopf, dann die Beine, einen Arm zuletzt. Die 30-Jährige wurde zerstückelt und dem Meer überlassen.

Über den Ablauf der Nacht tischt Madsen der Polizei mehrere Versionen auf. Zuerst behauptet er, er habe die junge Frau noch am Abend an Land abgesetzt. Dann gibt er zu, dass sie an Bord starb. Ein schweres Luk sei ihr auf den Kopf gefallen. Doch die Rechtsmediziner finden am Schädel keine Spuren. Madsen hat prompt die nächste Version parat: Möglicherweise, sagt er, sei die junge Frau im Boot erstickt. Er habe das nicht mitbekommen, da er an Deck gewesen sei.

Was geschah an Bord? Das U-Boot „Nautilus“ des dänischen Ingenieurs Peter Madsen im Hafen von Kopenhagen.  
Jens Dresling
Was geschah an Bord? Das U-Boot „Nautilus“ des dänischen Ingenieurs Peter Madsen im Hafen von Kopenhagen.  
 

Das mögliche Motiv: Sex-Fantasien

Über das Motiv sagt die Anklageschrift nichts. Experten gehen davon aus, dass es um Sex-Fantasien ging. Eine Ex-Geliebte Madsens erzählte dem US-Magazin „Wired“, Madsen habe ihr detaillierte SMS mit seinen Mordplänen geschickt. In der Werkstatt des Erfinders fand die Polizei eine Festplatte mit Videos, in denen Frauen gehängt, verbrannt, hingerichtet werden. Wall, die junge, aufgeweckte Journalistin, könnte am Ende ein zufälliges Opfer gewesen sein.

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