Sonderburg : Mann springt aus viertem Stock – und Zuschauer filmen mit

Die Polizei auf dänischer Seite ist entsetzt: Der Suizidversuch eines Mannes wird von Passanten begafft und gefilmt.

shz.de von
12. Juli 2018, 17:03 Uhr

Sonderburg | Ein Mann klettert auf das Dach eines vierstöckiges Hauses, will sich in die Tiefe stürzen. Die Passanten bleiben stehen und filmen ihn. Auch als der Mann springt, stehen „Smartphone-Gaffer“ vor dem Gebäude und nehmen den Sturz auf. Dieser Vorfall, der sich am Dienstagabend in der Sonderburger Ringgade ereignete, hat bei der Polizei für Nordschleswig und Südjütland Fassungslosigkeit ausgelöst.

„Wir wissen nicht, was Menschen dazu bringt, stehenzubleiben und ein Unglück zu filmen. Wir können es auch niemandem verbieten. Aber wir können davor warnen, diese Aufnahmen in den sozialen Medien zu teilen. Hier macht man sich strafbar, das muss allen klar sein“, sagt Helle Lundberg, Kommunikationschefin der Regionalpolizei. „Es ist eine Frage der Moral. Ich persönlich halte es für eine gute Erziehung, wenn man sich bei einem Unfall fragt, ob man helfen kann, ansonsten aber weitergeht und nicht glotzt oder filmt.“

Bei dem Vorfall in Sonderburg, berichtet Lundberg, hätten die Polizisten mehrere Personen gesehen, die den Sturz filmten. „Daher haben wir uns entschieden, eine Warnung auszusprechen, dass Aufnahmen nicht geteilt werden dürfen“, so Lundberg. Die Polizei appelliere an die Vernunft der Bürger, bei einem Unfall nicht zum Telefon zu greifen und anschließend ein kleines Live-Video zu posten. „Wir bitten darum, dies aus ethischen Gründen zu unterlassen“, sagt die Leiterin der Informationsabteilung.

Vizepolizeiinspektor Preben Westh differenziert zwischen brauchbaren Zeugenbildern und unanständigen Aufnahmen. „Wenn jemand ernsthaft Schaden genommen hat, können wir nur dazu aufrufen, solche Bilder nicht rumzuschicken. Das kann für Angehörige und Freunde äußerst verletzend sein“, sagt Westh. „Wir wissen aus Gesprächen mit Unfallopfern, dass es entwürdigend und schwer ist, sich selbst auf Aufnahmen online zu sehen. Daran sollten alle denken, bevor sie zum Handy greifen“, bittet Helle Lundberg.

Der in Sonderburg vom Haus gesprungene 25-Jährige war nach Polizeiangaben psychisch krank. Er trug schwere Verletzungen davon und wurde nach Odense in die Uni-Klinik gebracht. Er war am Mittwoch außer Lebensgefahr.

In Deutschland können „Smartphone-Gaffer“ zivilrechtlich und strafrechtlich belangt werden. Zum einen über § 201 a StGB, dieser verbietet: „eine Bildaufnahme, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt, unbefugt herstellt oder überträgt und dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person verletzt“. Bei Zuwiderhandlungen droht eine Geldstrafe oder Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren bestraft. § 201 a Abs. 1 Nr. 3 StGB stellt ferner das Einstellen in soziale Netzwerke unter Strafe – auch hier kann es eine bis zu zweijährige Freiheitsstrafe geben. Überdies kann es zu Persönlichkeitsrechtsverletzungen kommen, die zivilrechtlich verhandelt werden.

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