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Auwaldzecken-Nachweis in Dänemark : Goldschakal bringt gefährliche Zecken und Fleckfieber

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Aus der Onlineredaktion

Neue Zecke, neuer Erreger: Eines der Tiere, das über SH nach Dänemark kam, hatte 19 Auwaldzecken mit Rickettsien-Bakterien am Körper.

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erstellt am 06.Nov.2017 | 19:13 Uhr

Kopenhagen/Kiel | Eigentlich ist der wolfsähnliche Goldschakal in den offenen Landschaften des Balkans und Afrikas zu Hause, doch seit kurzem suchen die Raubtiere ihr Jagdglück auch in Schleswig-Holstein und Dänemark. Der Hunger der anderthalb Fuchslängen großen Landstreckenläufer an Wild- und Nutztieren könnte bei häufigeren Besuchen örtlich für gehörigen Ärger sorgen. Schwerer als der Jagdtrieb wiegen nun offenbar aber blinde Passagiere, die sich über das Fell der Tiere ausbreiten: Goldschakale können die gefährliche Auwaldzecke bis nach Nordeuropa tragen.

Bei einem im Februar 2017 in Jütland erlegten Goldschakal, der in der Logik einer Nordroute auch Schleswig-Holstein durchstreift hatte, fand man beim Veterinärinstitut der Technischen Universität in Kopenhagen 21 der gefährlichen Blutsauger. Das berichtet der Dänische Rundfunk. Auwaldzecken gab es in Skandinavien bis dato offiziell nicht und in Schleswig-Holstein traten sie nur im äußersten Süden auf. Vor allem Ärzte und Tierbesitzer, aber auch Spaziergänger, müssen sich nun darauf einstellen, dass sich neben dem Gemeinen Holzbock eine weitere große Zeckenart ausbreitet, die andere Erreger in sich trägt und manche Diagnose erschwert.

<p>Das Weibchen der Auwaldzecke ist mit etwa fünf Millimeter etwas größer als der Gemeine Holzbock.</p>

Das Weibchen der Auwaldzecke ist mit etwa fünf Millimeter etwas größer als der Gemeine Holzbock.

Foto: imago/Lars Reimann

Brisant ist, dass 19 der 21 Zecken an dem Goldschakal in Dänemark laut der dänischen Untersuchung Rickettsien-Bakterien in sich trugen. Über diese Erregerart können sich Menschen mit dem Rocky-Mountain-Fleckfieber infizieren. Die Krankheit ist hochgefährlich und in jedem fünften Fall tödlich, wenn sie unbehandelt bleibt. In Auwaldzecken-Hochburgen gehört die ärztliche Frage nach möglichen Zeckenbissen bei Grippe-Symptomen bei den Patienten zur Routine. Heilbar ist die Krankheit in frühem Stadium recht problemlos über mehrere Antibiotika-Typen. Fleckfieber bricht etwa eine Woche nach der Infektion wie eine normale Grippe mit Fieber und starken Kopfschmerzen aus, früh entwickelt sich ein Hautausschlag. Bei Nichtbehandlung kann die Erkrankung zu multiplem Organversagen führen. Umso wichtiger sei unter diesen neuen Voraussetzungen nun, dass Patienten mit auffälligen Zeckenbissen zum Arzt gehen, sagte Rene Bødker, dänischer Epidemiologie, dem Dänischen Rundfunk.

<p>Auwaldzecke in der Nahaufnahme.</p>

Auwaldzecke in der Nahaufnahme.

Foto: imago/blickwinkel

Die Liste der Krankheiten, die die in Südwestdeutschland inzwischen häufig vorkommenden Blutsauger mit ihren Bissen nachweislich übertragen können, ist darüber hinaus lang. Dazu gehören Babesiose („Hundemalaria“), das Q-Fieber, Hasenpest und auch FSME, nicht jedoch die Borreliose. Vor allem Hunde sind von Zeckenbissen und Folgekrankheiten betroffen. Halter werden in den bereits betroffenen Regionen angehalten, ihre Vierbeiner zur Vorsorge mit speziellen Halsbändern auszustatten. Die „Hundemalaria“ wird häufig zu spät diagnostiziert. Sie ist nur über ein Spezialmedikament – nicht aber über routinemäßig verschriebene Antibiotika – heilbar.

FSME kam auf anderem Wege nach Schleswig-Holstein

Arne Drews vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume überrascht das Ergebnis aus Dänemark nicht. Die Zecke sei auf dem Vormarsch und womöglich auch schon in Schleswig-Holstein verbreitet, nur habe man es bisher nicht feststellen können. Drews betont den Einfluss, den auch der Handel auf solche Migrationsentwicklungen nimmt. Besonders sichtbar werde dies in isolierten Naturräumen wie Halligen. Inzwischen gebe es auch Fälle von FSME-Infektionen mit Todesfolge in Schleswig-Holstein: Einen der ersten Todesfälle mit der Gehirn- und Rückenmarkentzündung habe es auf Hallig Oland gegeben, berichtet Drews, obwohl es dort eigentlich gar keine Zecken gibt. Eine Reisig-Lieferung aus Osteuropa brachte die Parasiten über das Watt, so die Erklärung. Genauso wie der Goldschakal könnten überdies Rotfüchse und Marderhunde die Zecken über das Land bringen – oder Reet-Fracht aus Bulgarien die gefährlichen Milben nach Sylt bringen, betont der Biologe.

Durch den Klimawandel und die milden Winter ist die gegenüber Tieren äußerst aggressive Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus) seit Jahren auf dem Vormarsch. Schon 2008 fand man ein Vorkommen der Bundzecke nördlich der Elbe im Lübecker Raum. Inzwischen gibt es sie in ganz Deutschland, denn sie sind äußerst reproduktionsfähig. Bis zu 5000 Eier legen die Weibchen nach einer Blutmahlzeit im Frühjahr ab. Aus den Larven werden Nymphen, die sich im Sommer kleine Säugetiere als Wirt suchen. Erwachsene Tiere bedienen sich später an größeren Wirten wie Hunden, Schafen, Füchsen, Pferden oder auch umtriebigen Goldschakalen, mit denen sie mobil werden.

Was das Vorkommen der Auwaldzecken ebenfalls ändert: Sie vermögen, den Verbreitungsraum der Zecken insgesamt auszuweiten. Anders als die etablierten Waldzecken fühlen sie sich auch auf hellen Wiesen und Ackerflächen ohne Waldnähe wohl. Sie erklimmen Halme von bis zu über einem Meter Höhe und verbreiten sich über haarige Endwirte auf vier Beinen. Ähnlich war es auch bei der ersten Population in Deutschland, die seit 1973 am Oberrhein exisitert. Dort geht man bis heute von einer Einschleppung über Hunde aus. „Wenn die Zecke erstmal angekommen ist“, sagt Bødker, „deutet alles darauf hin, dass sie dann auch bleibt“. So war es unter anderem auch in den Niederlanden, wo die Blutsauger inzwischen beinahe flächendeckend vorkommen.

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