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Vereinssport in SH : Faustball im Norden: ausgestorben

vom
Aus der Onlineredaktion

Während Kellinghusen und Schülp in der Bundesliga spielen, ist der Sport in Angeln komplett verschwunden. In Nordschleswig gibt es jetzt Wiederbelebungsversuche.

shz.de von
erstellt am 09.Mai.2017 | 13:46 Uhr

Kellinghusen | Gibt man „TSV Süderbrarup Faustball“ in die Google-Suchmaske ein, begreift die Suchmaschine dies als einen Tippfehler und ändert die Ergebnisse von „Faustball“ in „Fußball“. Das ist zum Teil bezeichnend für die Realität einer Sportart, die bis in die 1990er Jahre zu den festen Sparten vieler Vereine in Schleswig-Holstein gehörte. Irgendwann brach angesichts der Konkurrenz zu anderen Freizeitaktivitäten und „Fernseh-Sportarten“ wie Fußball, Handball, Volleyball und Basketball jedoch die Begeisterung für das „Affentennis“ weg. So gibt es heute in ganz Angeln (inklusive den Städten Schleswig und Flensburg) keinen einzigen Verein mehr, der überhaupt noch eine Faustball-Sparte hat – weder für die Feld-, noch für die Hallenvariante.

Faustball?

Faustball ist ein Rückschlagspiel, das es in einer Feld- und einer Hallenvariante gibt. Zwei Mannschaften mit je fünf Spielern, spielen auf zwei Halbfeldern gegeneinander, die durch ein netzartiges Band getrennt sind (ähnlich wie beim Volleyball). Sinn des Spiels ist es, den Ball mit Arm oder Faust so in das gegnerische Feld zu spielen, dass er von den Gegnern nicht zurückgespielt werden kann. Das gibt einen Punkt. Der Ball darf dabei allerdings, anders als beim Volleyball, einmal vor dem Spielerkontakt auf den Boden aufkommen und darf bis zu drei mal innerhalb der eigenen Mannschaft gespielt werden. Ein Spiel geht über drei bzw. in der Deutschen Bundesliga fünf Gewinnsätze, die bis jeweils elfPunkte gespielt werden.

Das Spielfeld ist bei der Feld-Variante 50 x 20 Meter groß (Halle: 40 × 20 Meter) und sorgt damit für eine große Kampfdynamik.

„Im Norden gibt es nichts mehr“, bestätigt SHTV-Faustball-Fachwart Thomas Boll. „Der Grund ist, dass die Nachwuchsarbeit einfach zum Erliegen gekommen ist, irgendwann gibt es dann nur noch ältere Spieler und dann ist es vorbei“. Das Image des Faustballs – wenn nicht völlig vergessen – entwickelte sich so für viele ein in Richtung „Altherrensport“. Dabei ist das Hechten nach dem Ball auf den großen Feldern schon eine sehr sportliche Angelegenheit.

Entlang der Westküste und im Süden von SH ist anders als im Landesteil Schleswig die Begeisterung nie abgebrochen. Mit dem VfL Kellinghusen (Kreis Steinburg) gibt es in der Saison 2017/18 einen Erstligisten – sowohl bei den Damen als auch bei den Herren –, der aus Schleswig-Holstein kommt. Auch die Feld-Damen des TSV Schülp (Dithmarschen) dürfen in der höchsten Spielklasse (Nord) antreten. Die Herren der TuS Wakendorf (Kreis Segeberg) spielen in der 2. Bundesliga Ost und haben im letzten Jahr den Platz des SC Ohrstedt (Kreis Nordfriesland) eingenommen, der nun wieder mit der Hallen- und der Feldmannschaft in der SH-Liga die Fäuste sprechen lässt. Über Tabellenstände und Ergebnisse kann man sich unter faustball-liga.de informieren.

Faustballer sein, das bedeutet in heutigen Strukturen lange Fahrtstrecken und viel Zeitaufwand in Kauf zu nehmen. Wenn am Wochenende in der SH-Liga gespielt wird, geht es für die Ohrstedter mal nach Kronshagen, mal nach Pinneberg und mal ganz nach Uetersen. Viel Aufwand also für ein paar Minuten des geliebten Spiels, der auch viele abschreckt.

Das letzte WM-Endspiel im Faustball

Deutschland ist im Faustball eine Macht. Elf Mal wurden die Herren bereits Weltmeister, fünf Mal setzten sich die Damen die Krone auf. Doch selbst für die Top-Stars ist der Sport ein reines Amateur-Vergnügen und ein finanzielles Verlustgeschäft, sagt Boll. Nun ist es aber auch schon fast ein Privileg, diesen seit 1870 in Deutschland gespielten Sport überhaupt noch auf Vereinsebene ausüben zu können.

Fehlende Präsenz in den Medien sei allerdings nicht mehr das Problem seiner Sparte, sagt Boll. Denn internationale Spiele auch im Jugendbereich werden im Internet übertragen und können auch anschließend bei Youtube angeschaut werden. Das Mühen um mehr Zulauf beim Nachwuchs in den Schulen trägt Früchte. So wurde neben einigen weiteren Nominierungen für Jugend-Nationalmannschaften Rouven Kadgien vom VfL Kellinghusen 2016 U18-Weltmeister.

Während Südschleswig der Faustball völlig abhanden gekommen ist, soll er in Nordschleswig wieder etabliert werden. „Faustball ist ein Teil der nordschleswigschen Identität und den wollen wir gern wieder aufleben lassen“, so das erklärte Ziel von Lasse Tästensen, dem Vereinskonsulent des Deutschen Jugendverbandes für Nordschleswig (DJN). Die Nordschleswiger hatten früher bei Deutschen, Europa- und sogar Weltmeisterschaften teilgenommen. Das letzte Mal wurde 2007 eine Regional-Mannschaft für den internationalen Einsatz zusammengestellt. Das, so der Traum beim DJN, soll es wieder geben.

Der Konsulent hat sich für das Unterfangen zwei Faustball-Schwergewichte ins Boot geholt: Günter Haagensen und Kurt Asmussen. Beide sind frühere Spitzenspieler. Asmussen spielte in der obersten Liga der Schweiz und Haagensen war maßgeblich an der Wiedereinführung des Sports in Nordschleswig beteiligt. Sie konnten als Berater gewonnen werden und bringen außer ihrer Spiel- und Trainererfahrung ganz viele Kontakte mit.

Als problematisch stellte sich jedoch heraus, dass wie in Schleswig-Holstein viele der Spieler aus den Vereinen wegzogen und „von Verbandsseite nicht genügend dafür getan wurde, die Sparte aufrecht zu erhalten“, so Tästensen. Doch das soll sich mit der neuesten Initiative des Jugendverbandes ändern. Unter dem erfolgreichen Markenzeichen „Æ Mannschaft“, mit dem die nordschleswigschen Fußballer bei der Europeada, der Fußballeuropameisterschaft der autochtonen Minderheiten in Südtirol zu Publikumslieblingen wurden, sollen auch weitere Sportarten Platz finden. Darunter auch Faustbal. Lasse Tästensen ist jetzt auf der Suche nach Spielern und hofft, dass „sich frühere Faustballer und neue Talente finden und sich für die Sportart begeistern“.

Auch die Clubs in Schleswig-Holstein freuen sich über neue Mitglieder und MitspielerInnnen.

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